Gastronomie
Gastronomie am See ist Mangelware

Frühlingserwachen in Zürich. Den Homo Turicensis ziehts wieder nach draussen, am liebsten an den See. Sein Mittagessen bringt er oder sie zumeist in Plastiksäckchen aus Take-away-Ständen mit, weil es am gastronomischen Angebot fehlt.

Matthias Scharrer
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Limmattaler Zeitung

«Ist etwas weniger verschissen hier», murmelt der Anzugträger und setzt sich neben mich auf die Bank an der Zürcher Seepromenade. Die auch von den Vögeln benützten Bänke direkt am Wasser genügen seinen Sauberkeitskriterien offenbar nicht. Behutsam öffnet er sein Birchermüsli und löffelt es vorsichtig aus. Die Märzsonne knallt uns schräg ins Gesicht.

Frühlingserwachen in Zürich. Den Homo Turicensis ziehts wieder nach draussen, am liebsten an den See. Sein Mittagessen bringt er oder sie zumeist in Plastiksäckchen aus Take-away-Ständen mit. Das dürfte nicht nur daran liegen, dass er so gerne sein Mahl auf den Knien balanciert, während er es zu sich nimmt, stets in Gefahr, sich die Hosen vollzutropfen. Nein, das gastronomische Angebot direkt am See ist nach wie vor knapp. Das von Stadt und Kanton Ende 2009 verabschiedete Leitbild zur Entwicklung des Seebeckens sieht zwar Ergänzungen vor. Doch das ist Zukunftsmusik.

«Wir dürfen hier nicht so einfach Käfeli herauslassen»

Zum Glück hat die Bootsvermietung ihre Klappbrücke zur schwimmenden Insel mit ihrem städtisch genormten Bootsvermietungshäuschen schon heruntergelassen. So komme ich nach dem Kebab zu meinem Kaffee. Saisonstart sei zwar erst am 1. April, erklärt die freundliche Bedienung. Doch wegen des schönen Wetters richte man die Boote schon mal her. Um hier Espresso zu trinken, müsste ich für 20 Franken eine Member-Card lösen, klärt sie mich weiter auf: «Nicht wegen uns, sondern wegen der Stadt. Wir dürfen hier nicht so einfach Käfeli herauslassen.»

Ach so, ja, wir sind in Zürich, Downtown Switzerland, bekannt für seine Lebensqualität und Reglementierungswut. Ausserdem auch bekannt für seine Baustellen. Zum Beispiel auf dem Sechseläutenplatz. Hier wird man ab 2013 zwischen Bäumen flanieren und schon 2012 in einem richtigen Café auf der Piazza vor dem Opernhaus Espresso trinken können. Vorausgesetzt, es kommt nicht wieder etwas dazwischen, wie vor einem Jahr, als bei den Bauarbeiten für die Opernhaus-Parkgarage Pfahlbauten aus grauer Vorzeit entdeckt wurden. Momentan ist Zürichs dereinst wohl stattlichste Piazza noch fest in den Händen der Bauarbeiter. Und was noch nicht Baustelle ist, dient als Parkplatz.

Dafür gibts High-Tech-Toiletten

Am Ende meines Spaziergangs über die gastronomisch armselige Riviera macht sich ein weiteres Manko bemerkbar: Die Blase drückt, doch das einsame Toi-Toi-Häuschen an der Quaibrücke ist fest verschlossen. Der Grund dafür wird ein paar Schritte weiter beim öffentlichen WC am Bellevue klar: Einen Franken kostet hier ein Pissoir-Besuch. Dafür gibts Toiletten-High-Tech, auf Hochglanz poliert. Leider fehlt mir gerade das nötige Kleingeld. Ach, Zürich, du schöne, teure, gepützelte Stadt am See. Wenigstens die Wasservögel halten sich nicht an all deine wohldurchdachten Vorschriften.