Gassenweihnachten
Statt Marriott: Die Gassenweihnacht fand auf dem Platzspitz statt

Nachdem Covid-19 die Durchführung der traditionellen Weihnachtsfeier 2020 gänzlich verunmöglicht hatte, konnte der Anlass heuer wieder stattfinden. Wegen der aktuellen Corona-Entwicklung allerdings draussen.

David Egger
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Weihnachten unter freiem Himmel: Dieses Jahr fand die Gassenweihnacht vom Sozialwerk Pfarrer Sieber und Hotel Marriott auf dem Platzspitz statt.

Weihnachten unter freiem Himmel: Dieses Jahr fand die Gassenweihnacht vom Sozialwerk Pfarrer Sieber und Hotel Marriott auf dem Platzspitz statt.

Zvg

Ein zweites Mal die Gassenweihnacht wegen Corona absagen wollte das Sozialwerk Pfarrer Sieber nicht. Und so machte es – zusammen mit dem Fünfsternehotel Marriott, in dem die Gassenweihnacht eigentlich hätte stattfinden sollen – sozusagen aus der Not eine Tugend. Gestern Sonntagmittag fand der Anlass beim Pavillon auf dem Platzspitz statt. «Gut 100 randständige Menschen kamen und genossen Würste und Vegetarisches vom Grill, Kartoffelsalat, Getränke sowie Livemusik und Gedanken zur Weihnachtsgeschichte», teilte das Sozialwerk Pfarrer Sieber gestern mit.

«Corona nervt. Ich hätte ­lieber zusammen mit Freunden im warmen Hotelsaal gefeiert. Aber ich rechne es dem ­‹Marriott› und den Sieber-­Leuten hoch an, dass sie eine ­Alternative organisierten»,

So wird ein Randständiger in der Mitteilung zitiert. Und ein anderer meinte, es sei «schon ein bisschen kühl» gewesen für ein solches Picknick. «Aber die Weihnachts­geschichte war es wert, dass ich herkam. Da kam grad ein bisschen Wehmut nach meiner Kindheit auf.»

Gassenweihnacht wurde zu symbolträchtigem Anlass

Die Verantwortlichen vom Sozialwerk Pfarrer Sieber finden, dass mit der Durchführung im Freien bei kaltem Winterwetter und «ohne den Komfort wohlig-warmer und festlich geschmückter Hotelsäle» die Gassenweihnacht «zu einem symbolträchtigen Anlass» geworden sei. «So liess der Anlass etwas von den widrigen klimatischen, gesellschaftlichen und zwischenmenschlichen Umständen ­erahnen, in welchen sich die biblische Weihnachts­geschichte der Geburt Jesu vor 2000 Jahren in einem ­kühlen Stall bei Bethlehem ­abgespielt hatte.

Pfarrer Sieber hätte bestimmt seine Freude am Setting gehabt», schreibt das Sozialwerk in einer Mitteilung. Das Sozialwerk und das Fünfsternehotel führen schon seit 2004 gemeinsam die Gassenweihnacht durch, sie wurde vom «Marriott» und Pfarrer Ernst Sieber ins Leben gerufen.

Letztes Jahr fiel die Gassen- weihnacht wegen der Corona- situation aus, dieses Jahr fand sie nun also draussen statt. Sie soll auch in Zukunft durchgeführt werden. Pfarrer Ernst Sieber ist 2018 im Alter von 91 Jahren verstorben. Er hatte sich jahrzehntelang für Obdachlose und andere Randständige eingesetzt. Ab 1956 arbeitete er als Pfarrer in Uitikon. Teilweise kam es zu Anfeindungen, weil er in ­leerstehenden Liegenschaften und im Pfarrhaus Obdachlose einquartierte. 1967 zog er mit seiner Familie weiter nach Zürich Altstetten. Seine letzten 20 Jahre verbrachte er dann wiederum in Uitikon.