Kirchenfusion
Fusionen der Kirchen für eine bessere Nutzung der Kirchengebäude

Jetzt gehen die Stadtzürcher Kirchen das Problem der untergenutzten Krichengebäuden gemeinsam an. Das Pilotprojekt «Tandem-Kirche» steht dabei im Vordergrund und schlägt eine Fusion der katholischen und reformierten Kirchen vor.

Matthias Scharrer (Text und Foto)
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Katholische und reformierte Kirche Friesenberg könnten fusionieren.

Katholische und reformierte Kirche Friesenberg könnten fusionieren.

«Tandem-Kirche»: Mit diesem Pilotprojekt könnte das Problem der leerstehenden Kirchen gelöst werden. Gemeint ist die gemeinsame Nutzung von Kirchgebäuden durch Katholiken und Reformierte, wie Daniel Kündig, Präsident einer von den katholischen und reformierten Stadtkirchenverbänden Zürichs ins Leben gerufenen Expertenkommission, gestern vor den Medien sagte.

Besonders naheliegend wäre eine solche Fusion laut Kündig etwa bei der katholischen und reformierten Kirche im Zürcher Friesenbergquartier. Die beiden Kirchen stehen nahe beieinander.

Wenn eine von beiden frei würde, könnten ihre Räume für das Quartierzentrum genutzt werden, das im Quartier schon lange gefordert werde. Auch in Zürich-Leimbach, wo die reformierte Kirche praktisch leer stehe und gleichzeitig Schulräume fehlten, biete sich eine Tandem-Lösung an.

Bischof von Chur entscheidet

Auf das Tandem-Projekt angesprochen, sagte der Präsident des katholischen Stadtverbandes, Bruno Graf: «Das ist die Initialzündung, damit man zu denken anfängt. Wir sind offen für solche Lösungen, aber es braucht noch Gedankenarbeit aller Beteiligten.»

Ökumenische Gottesdienste gebe es ja schon heute. Wenn katholische Kirchgemeinden den Reformierten ihre Gotteshäuser permanent zur Verfügung stellen sollten, habe allerdings der Bischof von Chur, dem die Zürcher Katholiken zugeordnet sind, das letzte Wort.

Rolf Walther, Präsident des reformierten Stadtverbandes, rechnet damit, dass bis 2018 aus den Ideen konkrete Lösungen hervorgehen. «Wir könnten Büros und Unterrichtsräume in den Kirchen unterbringen, sodass die Kirchgemeindehäuser frei würden», sagte er auf Nachfrage.

Kirchenfremde Nutzungen der Sakralbauten seien derzeit kein Thema. Aber auch durch die Öffnung für christliche Migrantenkirchen könnten die Kirchgebäude besser genützt werden.

Warum das bitter nötig ist, zeigt ein Blick zurück: Bis in die 1960er-Jahre stieg die Anzahl Kirchengebäude in Zürich parallel zum Bevölkerungswachstum.

Die Bevölkerung gehörte fast gänzlich der evangelisch-reformierten oder der römisch-katholischen Kirche an. Dann sank die Anzahl der Kirchenmitglieder von über 400 000 auf heute knapp 200 000, wobei der Rückgang bei den Reformierten stärker war als bei den Katholiken.

Die Zahl der Kirchgebäude blieb jedoch unverändert hoch. Die Folge: leere Kirchen, untergenutzte Gemeindesäle. Gleichzeitig brechen die Einnahmen aus Kirchensteuern zunehmend weg.

Und: Gesetzliche Anforderungen lassen die Gebäudekosten steigen, wie Architekt Kündig erwähnte: Die Häuser müssten behindertengerecht und energieeffizient sein sowie Lärm- und Brandschutz gewährleisten. Das werde vor allem für die reformierte Landeskirche, die seit Jahren Defizite schreibe, immer mehr zum Problem. Bereits heute brauche sie ein Viertel der Kirchensteuern für den Unterhalt ihrer Gebäude.

Um Lösungen zu finden, riefen die Zürcher Stadtverbände beider Landeskirchen die von Kündig präsidierte Kommission ins Leben. Sie nahm sämtliche Kirchengebäude in Zürich unter die Lupe.

Resultat: «Die Kirchen genügen ihren kirchlichen Funktionen», so Kündig. Aber: Nur die Hälfte der kirchlichen Liegenschaften werde zielgerecht bewirtschaftet. Nutzung und Auslastung hänge zu oft vom jeweiligen Sigrist ab. Nötig sei eine zentrale Liegenschaftsverwaltung durch die Landeskirchen.

Und: Die Kirchen müssten Gesamtstrategien für die Nutzung ihrer Gebäude entwickeln. Ziel der Studie sei es gewesen, dafür verlässliche Grundlagen zu ermitteln.

Zürichs Hochbauvorsteher André Odermatt betonte die Bedeutung lebhaft genutzter Kirchen: «Die Kirchen sind zu wertvoll, um sie abzuschliessen», so der SP-Stadtrat.