Hardturm
Für Quartierbewohner sind nicht die Türme das grösste Problem

Eine Umfrage vor Ort zeigt: Die Anwohner sehen die Türme nicht als das grösste Manko an.

Florian Niedermann
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Hardturm Stadion Anwohner
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Jonas Schneider Zivildienstler aus Höngg «Es sollten Flächen freigehalten werden, die die Anwohner selbst gestalten können.»
Bruno Mühlemann, Anwohner des Hardturms «Das aktuelle Projekt ist das beste von allen, die wir bisher präsentiert bekamen.»

Hardturm Stadion Anwohner

Florian Niedermann

Die beiden 137 Meter hohen Türme, die neben dem geplanten Hardturm-Stadion in Zürich-West entstehen sollen, stossen im Quartier auf weniger Opposition als erwartet. Wer sich bei Anwohnern umhört, stellt fest, dass der Schuh an ganz anderen Stellen drückt. Das erstaunt: Nachdem die Stadt vergangene Woche das Stadionprojekt «Ensemble» der beiden Investoren HRS Investment AG und der Credit Suisse präsentiert hatte, kam wegen der zwei Wohn- und Geschäftstürme bald Kritik auf. Sie würden wohl «zu einer Knacknuss», liess sich Monika Spring zitieren, die die Interessengemeinschaft der Quartierbewohner in der Wettbewerbsjury vertrat.

Bruno Mühlemann steht auf seinem Gartensitzplatz direkt hinter der Tramhaltestelle Bernoulli-Häuser. Er wohnt bereits seit 1979 hier und war im Vorstand der IG Hardturmquartier, als diese 2003 erfolgreich den Bau des «Pentagon»-Projekts bekämpfte (siehe Kontext). «Unvernünftig» sei das damalige Vorhaben gewesen, findet er noch heute: zu gross, zu unrentabel und mit einem viel zu grossen Verkehrsaufkommen verbunden. Die Anwohner hätten aber schon gegen das Nachfolgeprojekt nichts mehr einzuwenden gehabt. Der Schattenwurf der Türme macht Mühlemann keine Sorgen: «Ich wäre davon kaum betroffen.» Dann schon eher von den Begleiterscheinungen des Stadions: «Vor 2008, als auf dem Hardturm noch gespielt wurde, haben mir Hooligans mehrmals ‹den Garten umgegraben›. Die Polizei war machtlos», sagt der 74-Jährige. Alles in allem nennt er das aktuelle Investorenprojekt «das beste von allen, die wir bisher präsentiert bekamen».

Ein Stadion, zwei Türme

Letzte Woche präsentierte die Stadt Zürich das neue Projekt für einen Stadion-Neubau auf dem Hardturm-Areal. Das rund 500 Millionen Franken teure «Ensemble» umfasst zwei 137-Meter-Türme, ein Stadion für 18 500 Zuschauer sowie eine genossenschaftliche Wohnbausiedlung mit 175 Wohnungen. Als Investoren fungieren HRS Investment AG und Immobilien-Anlagegefässe der Credit Suisse. Der Stadtrat rechnet mit einer Volksabstimmung. Das «Ensemble» ist bereits das dritte Stadion-Projekt innert 13 Jahren. 2003 scheiterte das sogenannte «Pentagon» für 30 000 Zuschauer an Rekursen aus dem Quartier. 2013 erhielt ein weiterer Neubau an der Urne ein Nein, hauptsächlich wegen der Kosten von 216 Millionen Franken, die die Stadt zu tragen gehabt hätte.

Das sieht auch Lisa Kromer so. «In der Siedlung diskutieren wir seit letzter Woche intensiv, wie wir uns zum neuen Stadion stellen, und wie wir Einfluss nehmen sollen», sagt sie, während sie im Schatten vor dem Quartierrestaurant der Wohngenossenschaft Kraftwerk 1 an ihrem Laptop sitzt. Die Job-Coachin stand am Vorabend bis kurz vor Mitternacht auf dem Dach des Mehrfamiliengebäudes und debattierte mit Nachbarn darüber, was etwa die beiden Türme für die Aussicht und die Abendsonne bedeuten würden. Kromers Fazit: «Der Schatten wäre für mich kein Grund für ein Nein zum Stadion.» Bedauerlich findet die 42-Jährige, dass die Zwischennutzung auf dem ehemaligen Trainingsplatz östlich des Hardturms verschwinden würde: «Das ist ein so schöner Grünraum, den müsste man eigentlich erhalten», so Kromer.

Brache wurde zu Treffpunkt

Mit diesem Wunsch steht sie nicht alleine da. Tatsächlich entwickelte sich die Hardturm-Brache seit 2011 unter Ägide des Vereins Stadionbrache zu einem Quartiertreffpunkt mit grosszügig bepflanztem Garten, einem Boulder-Würfel, einem Skatepark, Pizzaöfen und vielem mehr. Umed Mawlud, der Inhaber des «Rucola»-Imbisses gleich gegenüber dem früheren Stadion, glaubt zwar, dass der Fussball-Betrieb «gut für den Umsatz» wäre. Als zweifacher Vater finde er es aber schade, dass die Zwischennutzung verschwinde: «Der Ort ist ideal für ein Neubauquartier wie Zürich-West.» Ähnlich äussert sich Kinderbetreuer Nicolas Tinter, der mit zwei Kindern des «Ferienhorts» auf der Brache unterwegs ist. Er hält es für unnötig, dass dieser beliebte Naherholungsraum dem Fussball «geopfert» wird. «Ich finde das neue Stadion imfall gut», fährt Rocher, eines der beiden Hortkinder, dazwischen. Der Junge ist – im Gegensatz zu Tinter – treuer Fussball-Fan: «Vom FCZ», betont er.

Auf der Brache, vor den Öfen der Brot-Kooperative Brotoloco, ist Jonas Schneider dabei, Kokosnussfleisch aus halbierten Schalen zu lösen. Der 22-Jährige leistet hier vor Beginn seines Studiums Zivildienst. Das ganze Hardturm-Projekt sei eine «Chlotzete», sagt er, und baulich eine «unschöne Fortsetzung der Förrlibuckstrasse». Der Höngger sieht zwar ein, dass zur Verdichtung der Stadt auch Türme nötig sind, glaubt aber, dass diese im Quartier auf Widerstand stossen könnten. «Der Akzeptanz des Projekts wäre es daher zuträglich, wenn Flächen freigehalten würden, welche die Anwohner selbst gestalten können», so Schneider.

Einen Ersatz für die Brache im direkten Umfeld des Stadions anzustreben, sei illusorisch, sagt jedoch Monika Spring, die Quartiervertreterin in der Wettbewerbsjury: «Der Platz rund ums Stadion wird für die Fan-Aufmärsche, als Busvorfahrt oder auch für die Feuerwehr freigehalten. Eine Art Park ist jedoch auf der Ostseite vorgesehen.» Das Thema Grünräume werde aber sicher noch aufs Tapet kommen, sagt die Architektin. Generell gelte es nun, an einer Versammlung der IG eine gemeinsame Haltung festzulegen. Jene Punkte, auf die man sich einigen kann, will die IG während der Ausarbeitung des Bauprojekts gegenüber den Behörden und Investoren vertreten.

Hardturm Stadion
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Blick auf das geplante Hardturm-Stadion mit den beiden Hochhäusern.
So präsentiert sich die Visualisierung von der Pfingstweidstrasse her.
Im Stadion sollen 18'500 Zuschauer Platz haben.
Grossräumig unter der Tribüne
Daniel Leupi verkündet das Siegerprojekt "Ensemble"
Auch Gerold Lauber spricht an der Medienkonferenz über den Investorenwettbewerb.
Die Überreste des ehemaligen Fussballstadions Hardturm 2015
Hier soll das neue Stadion gebaut werden.
Bis zum 13. November 2015 war eine Eingabe für den Investorenwettbewerb auf dem Hardturmareal möglich.
Neben dem Stadion sollen auch 175 gemeinnützige Wohnungen entstehen.
Grasshoppers-Fans forderten 2014 mit Transparenten ein neues Hardturm-Stadion.
Blick auf den Fussballplatz beim Legendenspiel Grasshoppers Club Zuerich gegen Neuchatel Xamax im Hardturm Stadion 2015. Das Spiel wird von Grasshopper-Fans organisiert, um darauf aufmerksam zu machen, dass auf dem Hardturm endlich ein neues Fussballstadion gebaut werden soll.
Auch der Zirkus Royal nutzte die Brache als Standort, um seine Zelte aufzuschlagen.
Auch Fahrende nutzten die Hardturm-Brache als Unterkunft.
Auch Fahrende nutzten die Hardturm-Brache als Unterkunft.
Auch Fahrende nutzten die Hardturm-Brache als Unterkunft.
Stadtrat Daniel Leupi spricht zu 2014 zu den Medien anlässlich des Investorenwettbewerbs.
2013: Ein Plakat plädierte für ein "Ja" zum Stadion Zürich.
2013 marschierten der FCZ und GC gemeinsam für ein Ja zum neue Fussballstadion.
Die Grasshoppers gewinnen am 3. Dezember 1977 das Nationalliga A Meisterschaftsspiel im Hardturm-Stadion in Zuerich gegen Etoile Carouge mit 3 zu 2 Toren. Der Grasshopper Ruedi Elsener, Mitte, bueckt sich, um die Schussbahn fuer seinen Mitspieler Andre "Bigi" Meier, rechts, freizuhalten.
Frierende Fans im ehemaligen Stadion 1962.
Frierende Fans im ehemaligen Stadion 1962.

Hardturm Stadion

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Spring findet, die Projektverantwortlichen seien auf frühere Anliegen, wie etwa den gemeinnützigen Wohnbau, die bauliche Eingliederung ins Quartier oder auch eine ansprechende Gestaltung der Aussenräume eingegangen. Eine Verbesserung sähe sie darin, die Tiefgarage und damit den Beton an der Oberfläche zugunsten von mehr Grünraum zu redimensionieren. «Das Areal ist gut an den öffentlichen Verkehr angeschlossen und es sind ausreichend Veloabstellplätze geplant. Es braucht gar nicht so viele Parkplätze», findet Spring. Weiter soll der Zugang zu öffentlichen WCs auch von ausserhalb des Stadions gewährleistet sein, weil sich sonst Fussballfans in den Hecken der Bernoulli-Häuser erleichtern würden. Und schliesslich glaubt sie auch, dass sich bei der Höhe des Turms durchaus noch etwas machen liesse: «Die Investoren haben da sicher grosszügig gerechnet.»