Zürich
«Für Leukämie-Patienten ist die neue Behandlung eine Revolution»

Jean-Pierre Bourquin möchte den Mechanismus von Leukämie knacken. Seit heute leitet er neu die Zürcher Kinderonkologie.

Katrin Oller
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Jean-Pierre Bourquin möchte den Mechanismus von Leukämie knacken.

Jean-Pierre Bourquin möchte den Mechanismus von Leukämie knacken.

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Kinder haben nicht die gleichen Krebsarten wie Erwachsene. Warum ist das so?

Jean-Pierre Bourquin: Krebs ist quasi ein Unfall in der Programmierung der Gene. Man muss sich das vorstellen wie ein Computer, der plötzlich etwas anderes macht, weil Teile des Programms fehlgesteuert werden. Dies passiert abhängig vom biologischen Umfeld. Dieses ist im Frühkindesalter ganz anders als später. Deshalb gibt es bei Kindern andere Tumorarten.

Ist das ein Vorteil?

Wir haben zum Glück bei Kindern insgesamt bessere Möglichkeiten, die Tumore zu bekämpfen. Es gibt sogar Situationen, wo sich gewisse Tumoren zurückbilden können. Möglicherweise weil sich das Umfeld mit der Entwicklung des Kleinkindes rasch verändert.

Was heisst konkret, dass Kinderkrebs besser heilbar ist?

Vier von fünf Kindern können wir eine Heilung anbieten. Bei manchen Tumorarten müssen wir aber noch intensiv arbeiten mit Chemotherapie oder Transplantation. Diese Verfahren sind mit viel Toxizität verbunden. Deren Folgen können Patienten allenfalls noch für lange Zeit beeinträchtigen. In zehn Jahren behandeln wir hoffentlich nicht mehr so, weil wir immer mehr Untergruppen erkennen. Es gibt eine rasante Entwicklung in der Wissenschaft.

Wo hat die Forschung Schwung bekommen?

Wir stehen vor einer neuen Ära. Die Veränderungen in Tumorzellen können heute globaler analysiert werden. Darüber hinaus könne komplexe Zusammenhänge nun computergesteuert und mit künstlicher Intelligenz exploriert werden. Solche Ansätze werden es erlauben, die Veränderungen der Krebsprogramme in Tumorzellen besser zu verstehen. Man wird sogar Unerwartetes entdecken, ohne immer im Voraus eine Hypothese zu formulieren. Zudem haben wir weltweit Forschungsinitiativen und Gruppen, die neue Substanzen entwickeln, die gezielt eingreifen können.

Jean-Pierre Bourquin möchte den Mechanismus von Leukämie knacken.

Jean-Pierre Bourquin möchte den Mechanismus von Leukämie knacken.

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Sie sind Leukämie-Spezialist. Welche Durchbrüche zeichnen sich da ab?

Wir können neuerdings das Immunsystem zur Bekämpfung von Leukämie nutzen. Abwehrzellen, die normalerweise gegen Infektionen vorgehen, kann man umprogrammieren, dass sie auf Leukämiezellen losgehen. Das ist sehr erfolgreich. Wir wissen heute, dass die Chance auf Heilung nach einem ersten Rückfall eindeutig besser ist, wenn wir einen solchen Ansatz mit Chemotherapie und Stammzelltransplantation kombinieren. Darüber hinaus können wir die Abwehrzellen mit einer Art Gentherapie umprogrammieren, das sind sogenannte CAR-T-Zellen. Das ist vielversprechend.

In der Krebsforschung sind Kinderärzte oft auf sich alleine gestellt, weil Ergebnisse bei Erwachsenen nicht auf Kinder übertragbar sind. Bei der CAR-Therapie war das anders.

Richtig, die CAR-Therapie ist für Kinder entwickelt worden. Für einmal eine Ausnahme. Man getraute sich nicht, die Behandlung Erwachsenen zu geben, weil der Sturm, den man im Immunsystem auslöst für Erwachsene schwieriger sein könnte. Kinder ertragen die Nebenwirkungen erstaunlicherweise besser. Etwa die Hälfte der Patienten mit einer sonst austherapierten Leukämie haben nun gute Chancen auf ein leukämiefreies Leben. Wie lange und wie gut, wissen wir noch nicht. Aber dies ist bereits so eine Revolution.

Was ist mit der anderen Hälfte der Patienten?

Auch da suchen wir nach neuen Möglichkeiten. Wir haben eine Plattform entwickelt, die es erlaubt, neue Substanzen direkt auf Leukämiezellen von Patienten im Labor zu testen. So können auch unerwartete Behandlungsmöglichkeiten erfasst werden. Unser Ziel ist, neue Optionen zu schaffen, aber auch die Toxizität der Therapien zu reduzieren. Gerne würden wir den Patienten die Nebenwirkungen einer langen Chemotherapie ersparen.

Jean-Pierre Bourquin Leiter Onkologie Kinderspital Zürich

Wir sind dabei, zu erforschen, was den Mechanismus der Leukämie steuert.

Sie wollen also im Vornherein wissen, welche Art von Leukämie es ist, um gar keine Chemo mehr anzuwenden?

Das wäre der Traum. Das Kinderspital ist an einem Forschungsprojekt beteiligt, um herauszufinden, was den Mechanismus der Leukämie steuert. Wir haben erste Hinweise, wohin es mit weniger Chemotherapie und neuen Substanzen gehen könnte. Das Prinzip funktioniert im Labor und bei Mausversuchen. Das wird kommen, aber es braucht Geduld. Ich hoffe, ich erlebe das noch.

Solche Forschung ist teuer.

Ja, denn es braucht Konstanz in den Forschungseinrichtungen, nicht nur Doktoranden, die kommen und gehen. Zudem benötigt es konstantes technisches Personal und Infrastruktur, bis hin zu Reagenzmittel, die teuer sind. Dafür haben wir kein Budget. Das geht nicht ohne gesellschaftliches Engagement. Ich vergleiche das jeweils mit der Kunst. Auch Mozart hätte nichts erreichen können, wenn er keine Unterstützung gehabt hätte. So etwas ist nie rentabel, sondern braucht staatliche Strukturen, Nationalfonds oder die Krebsliga. Ein Drittel von den Geldern, die wir als akademisches Zentrum brauchen, stammt von solchen Quellen. Der Rest sind Stiftungen, Philanthropie und Spenden. Deshalb wollen wir das Fundraising stärker professionalisieren.

Ab dem 1. Februar übernehmen Sie die Professur für Kinderonkologie und werden Abteilungsleiter am Kispi. Was ist Ihr Ziel?

Wir wollen den akademischen Teil stärken und zurück zum kompetitiven, internationalen Universitätsstandort. Wir werden uns auf Themen fokussieren wie die neue und personalisierte Art, Leukämie zu behandeln. Aber auch bei Hirntumoren wollen wir an der Spitze dabei sein. In der Schweiz wollen wir die Zusammenarbeiten mit akademischen Zentren verstärken. Da gibt es die Einbettung ins Cancer- Center der Universität Zürich, Interaktionen mit Grundlagenfächern, mit Erwachsenen-Onkologen und mit der ETH, etwa der Systembiologie.

Werden Sie noch forschen und Patienten behandeln?

Ich werde diese Stossrichtungen vorgeben. Ich möchte natürlich am Puls der Forschung bleiben, aber meine Aufgabe wird sein, die nächste Generation von Kinderonkologen und Forschern vorzubereiten.