Zürich
Für einen sauberen Zürichsee geht der Naturliebhaber freiwillig auf Tauchkurs

Naturliebhaber Mike Gyseler fischt in seiner Freizeit regelmässig Abfall aus dem Wasser und sensibilisiert die Leute rund um das Seebecken für das Thema Littering.

Anina Gepp
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Wenn er nur einen von zehn Menschen dazu bewegen könne, mehr auf die Umwelt zu achten, dann sei er zufrieden, sagt Mike Gyseler.
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Zürichsee Taucher Mike Gyseler
Abfall im Wasser gefährdet auch die Tiere. Das macht Mike Gyseler Sorgen.

Wenn er nur einen von zehn Menschen dazu bewegen könne, mehr auf die Umwelt zu achten, dann sei er zufrieden, sagt Mike Gyseler.

Anina Gepp

Mit einer Taucherbrille auf dem Kopf und schnittfesten Handschuhen an den Händen verschwindet Mike Gyseler mit einem Kopfsprung im Wasser. Hier, Mitten in Zürich, direkt unterhalb des Geländers an der Promenade der rechten Seite des Seeufers, ist das Wasser nur wenige Meter tief. Sofort gilt Gyseler die volle Aufmerksamkeit der Passanten. Die flanierenden Leute zeigen mit dem Finger auf ihn, fragen sich, was er wohl treibt. Etwa eine Minute lang bleiben sie im Ungewissen. Nur Gyselers Füsse, die wegen der Scherben im Wasser durch Turnschuhe geschützt sind, lugen an der Wasseroberfläche hervor. Dann taucht der Naturliebhaber auf. In beiden Händen hält er leere Bierdosen, Plastikbesteck und PET-Flaschen. Die Passanten sind erstaunt.

Einmal gab es sogar Trinkgeld

Gyseler, der im Sommer fast jedes Wochenende freiwillig Abfall auf dem Grund des Zürichsees beseitigt, hat sich mittlerweile an die Reaktionen der Leute gewöhnt. «Viele fragen mich, ob ich von der Stadt angestellt sei. Wenn ich dann verneine, sprechen sie mir fast immer ihren Dank oder ihre Bewunderung aus», sagt er, während er klatschnass über die rutschige Rampe aus dem Wasser steigt. Eine ältere Frau habe ihm sogar einmal ein Trinkgeld gegeben.

Immer dabei: Ein Messer

Mittlerweile fischt Gyseler seit sieben Jahren aus dem See, was andere unabsichtlich oder gar mutwillig hingeworfen haben. Insgesamt habe er schon über sieben Tonnen Abfall aus dem See geholt, sagt er. «Ich liebe die Natur und es tut mir weh, zu sehen, wie unachtsam gewisse Leute mit ihr umgehen.» Sein Blick schweift hinüber zum anderen Ende des Zürichsees. «Wunderschön ist es hier, wer braucht da noch Ferien», schwärmt er.

Der rote Rucksack, den Gyseler immer bei sich hat, ist vollgepackt mit Wechselkleidung, Verbandsmaterial und Abfallsäcken. Er beinhaltet ausserdem ein Messer: «Wenn ich bis auf den Grund tauche, riskiere ich, mich im Seegras zu verheddern. Im Notfall kann ich mich damit wieder befreien.»

Das grösste Problem sei, so Gyseler, dass die Änderung des Umweltschutzgesetzes diesen Juni abgelehnt worden sei. Mit 96 zu 86 Stimmen bei 5 Enthaltungen hat der Nationalrat gegen die neue Vorlage gestimmt, die vorsah, das Wegwerfen oder das Liegenlassen kleiner Abfallmengen mit Bussen bis zu 300 Franken zu bestrafen.

Da man nicht bestraft werden könne, sähen viele Leute keinen Sinn darin, ihren Abfall in die dafür vorgesehenen Behälter zu werfen. «Dabei steht gerade hier am Seeufer alle paar Meter ein Abfalleimer», sagt Gyseler und schüttelt den Kopf. Wann immer er die Seepromenade entlang spaziere, sensibilisiere er die Menschen. Er gehe zu jedem hin, der gerade am Essen oder Trinken sei und bitte ihn, den Abfall anschliessend doch zu entsorgen. Die meisten Menschen reagierten empfänglich, so Gyseler. Es komme eben darauf an, in welchem Ton man sie anspreche. «Ich bin immer freundlich, aber auch bestimmt.»

Den direkten Kontakt zur Stadt Zürich hat Gyseler noch nicht gesucht. Er werde aber immer wieder einmal von Angestellten der Stadt angesprochen, die rund um das Seeufer für die Reinigung beauftragt sind. «Sie finden zwar gut, was ich mache, aber ins Wasser tauchen, um nach Abfall zu fischen, will keiner von ihnen», so Gyseler. Am sinnvollsten fände er es deshalb, wenn jemand von der Stadt täglich am Seeufer patrouillieren würde, um die Leute auf das Thema anzusprechen. «Dann würde man immerhin präventiv etwas unternehmen», sagt Gyseler.

Tiere ersticken an Abfall

Es sehe nicht nur unschön aus, wenn Abfall im See liege. Auch die Tiere seien gefährdet. «Ich habe vor kurzem eine tote Ente herausgefischt, die an einem Plastiktrinkhalm erstickt ist», erzählt Gyseler. Andere Enten hätten sich auch schon mit dem Kopf in einem Plastiksack verheddert und seien deswegen verendet. Fische würden ebenfalls regelmässig sterben, weil sie Plastikdeckel von Flaschen verschluckten.

Gyseler will weiterhin an seinem Projekt dranbleiben. Wenn er nur einen von zehn Menschen dazu bewegen könne, mehr auf die Umwelt zu achten, dann sei er zufrieden. Ausserdem sei diese Tätigkeit gewissermassen auch ein Ausgleich zu seinem Beruf als Maler. «Wir produzieren grosse Mengen an Abfall und die Dämpfe, welche die Farben abgeben, sind ziemlich schädlich für die Ozonwerte.»