Hinter den Kulissen
Für die Hinterbliebenen hat Jörg Brühlmann ein gutes Wort bereit

Jörg Brühlmann kümmert sich um Verstorbene und ihre Angehörigen. Seit sechs Jahren ist er jetzt am Universitätsspital. Und jeder Tag bringt ihn mit völlig unterschiedlichen Menschen zusammen

Alfred Borter
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Sommerserie: Jörg Brühlmann hat gute Worte für die Hinterbliebenen
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Das Sarglager
Das Glasfenster im Aufbahrungsraum
Im Pathologietrakt des Universitätsspitals
Hinter den Kulissen im Bestattungswesen des Universitätsspitals

Sommerserie: Jörg Brühlmann hat gute Worte für die Hinterbliebenen

Alfred Borter

Man muss das Büro von Jörg Brühlmann, dem Leiter Bestattungswesen am Universitätsspital, nicht lange suchen. Es liegt ganz in der Nähe des Haupteingangs. Das Zimmer, in dem er die Besucher begrüsst, ist schlicht gehalten. Ein Tisch, Stühle, zwei Bilder an den Wänden: eine Sonnenblume und ein südliches Dorf. Auf dem Tisch eine Wasserflasche und ein Behälter mit Papiertaschentüchern. «Es kommt durchaus vor, dass Tränen fliessen», bestätigt Brühlmann.
Über 800 Patienten sterben übers Jahr im Spital. Seine Aufgabe ist es, die von einem Arzt unterschriftlich bestätigte Todesfallmeldung ans Zivilstandsamt der Wohngemeinde weiterzuleiten. Weiter geht es darum, von den Angehörigen zu erfahren, wie die Bestattung vor sich gehen soll. Erhält der Verstorbene ein weisses Totenhemd oder soll er speziell eingekleidet werden? Manchmal wünschen die Angehörigen, dass der Tote im Sonntagsanzug beigesetzt wird. Es kommt auch vor, dass Grabbeigaben gewünscht werden. Jetzt gerade hat ein junger Mann gewünscht, dass man seinem Vater die Sonnenbrille und einige andere Utensilien mit in den Sarg legt, auch die Armbanduhr soll er behalten.
Totenwache im nüchternen Raum
Im Universitätsspital gibt es zwei Aufbahrungsräume. Ein sehr schöner Raum befindet sich in der Pathologieabteilung. Die Wände sind in freundlichen Farben gestrichen, Vorhänge und eine helle Holzdecke geben ihm ein eigenes Gepräge. Ein von hinten beleuchtetes Glasfenster zeigt eine Szene mit Taube, Brot und Wein. Hier bahrt Jörg Brühlmann die Verstorbenen auf, damit sich die Angehörigen von ihnen verabschieden können.
Da im Pathologietrakt gebaut wird, kann dieser Raum jedoch nicht immer benutzt werden. Möchten Angehörige über Nacht bleiben und Totenwache halten, ist das zurzeit nur in einem sehr schlichten und etwas nüchternen Raum möglich. Brühlmann bedauert es, den Angehörigen von Verstorbenen während des Umbaus nichts Erfreulicheres anbieten zu können.
Hinausgeworfenes Geld?
Hat er sich auch schon gewundert über Reaktionen von Angehörigen? Am meisten gibt ihm zu denken, wenn jemand findet, die 45 Franken für weisses Hemd und Sargkissen seien eigentlich hinausgeworfenes Geld, der Leichnam werde ja doch verbrannt. Und ob es nicht auch Kartonsärge gebe. Kartonsärge gibt es im Unispital keine, sondern Holzsärge, entweder einfacher Art oder aus besonderen Hölzern oder auch mit Schnitzereien verziert.
Teuer wird es, wenn ein Verstorbener ins Ausland überführt werden muss. Dann muss es ein Zinksarg sein, der mit Silikon hermetisch verschlossen wird. Dazu kommen Spesen für den Transport mit Auto oder Flugzeug. Auch das organisiert Brühlmann. «Wir sichern Ihnen eine pietätvolle und zuverlässige Arbeit zu», heisst es auf der Auftragsbestätigung.
Heikel ist es dann, wenn jemand keines natürlichen Todes gestorben ist, also wenn ein Unfall vorliegt, ein Suizid oder ein Delikt. Dann sind es die Staatsanwaltschaft und die Rechtsmediziner, die zuerst ihres Amtes walten. Das ist für die Angehörigen nicht immer einfach zu verstehen.
Jeder Tag ist anders
Brühlmann war nicht immer im Bestattungswesen tätig, gelernt hat er Konditor-Confiseur. Er hat grosse Reisen unternommen, war in Irland und Neuseeland tätig. Doch irgendwann fand er, ein Wechsel sei angezeigt, und trat in eine auf Bestattungen spezialisierte Firma ein. Die Arbeit als Bestatter war nicht immer einfach, etwa wenn er zu einem Unfall oder einem Suizid gerufen wurde und er die eben verstorbene Person einsargen musste.
Seit sechs Jahren ist er jetzt am Universitätsspital. «Ich weiss nie, was mich an einem Tag erwartet», sagt er. Vielleicht gab es in der Nacht einen Todesfall, nach einem Wochenende können es auch mehrere sein. Und jeder Tag bringt ihn mit völlig unterschiedlichen Menschen zusammen. Mit solchen, die gefasst sind, mit anderen, die verzweifelt sind, und für alle nimmt er sich Zeit und hat ein gutes Wort. «Wer religiös ist, ist weniger hilflos gegenüber dem Tod», habe er festgestellt. Er selber sagt: «Ich habe Vertrauen, dass Gott für mich sorgt.»