Kantonsrat
Für Chancengleichheit: Früh-Deutsch soll Pflicht werden

Fremdsprachigen Kleinkindern wird im Kanton Zürich vielleicht bald Sprachförderung vorgeschrieben.

Matthias Scharrer
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In einer Spielgruppe plus werden Drei- bis Vierjährige mit der deutschen Sprache vertraut gemacht.

In einer Spielgruppe plus werden Drei- bis Vierjährige mit der deutschen Sprache vertraut gemacht.

Sandro Zimmerli

Dass Kinder in den Kindergarten kommen, ohne sich auf Deutsch verständigen zu können, soll künftig im Kanton Zürich nicht mehr vorkommen. Der Kantonsrat hat gestern mit klarer Mehrheit eine entsprechende parlamentarische Initiative vorläufig unterstützt. Sie verlangt, dass Kinder, die im Hinblick auf den Eintritt in den Kindergarten über unzureichende Deutschkenntnisse verfügen, während eines Jahres an zwei halben Tagen pro Woche eine Einrichtung mit integrierter Sprachförderung besuchen. Dies könne eine Spielgruppe mit gezielter Sprachförderung («Spielgruppe plus») sein, heisst es in der Initiative der SP. Spielgruppen plus sind in diversen Gemeinden des Kantons seit einigen Jahren erprobt. Infrage kommen laut den Initianten aber auch Kitas mit spezieller Sprachförderung.

Spielgruppe plus

Spielgruppen mit gezielter Sprachförderung («Spielgruppen plus») gibt es im Kanton Zürich seit einigen Jahren. Sie richten sich an Kinder ab zweieinhalb Jahren bis zum Kindergartenalter. Die Kinder verbringen dort gemäss kantonalem Konzept an zwei Tagen pro Woche zwei bis zweieinhalb Stunden. Wie in herkömmlichen Spielgruppen wird gespielt. Hinzu kommen 15- bis 20 minütige Sprachfördersequenzen. Eine Spielgruppe für acht bis zehn Kinder kostet laut Konzept pro Jahr 11 000 Franken.

Vorbild für die Initiative ist der Kanton Basel-Stadt. Dieser führte 2013 ein Obligatorium für Früh-Deutsch ein. Gemäss der Zürcher Initiative müssten künftig Bildungsdirektion und Schulpflegen «zusammen mit allen Beteiligten» ermitteln, welchen Kindern vor der Kindergartenzeit Sprachförderung vorgeschrieben wird. In Basel sind es pro Jahr rund 600 Kinder, wie die «NZZ am Sonntag» kürzlich berichtete.

Dem Deutsch-Obligatorium bei Kleinkindern verhalf im Zürcher Kantonsrat ein Zusammenspannen von SP und FDP zur vorläufigen Unterstützung. Beide Parteien hatten entsprechende Vorstösse eingereicht. Die Motion der FDP, die den Regierungsrat beauftragen sollte, eine entsprechende Gesetzesvorlage zu erarbeiten, scheiterte jedoch. Das Parlament gab der SP-Initiative den Vorzug, die bereits ausformulierte Gesetzesänderungen enthält. Sie wird nun in der zuständigen Kantonsratskommission beraten, ehe das Parlament in einigen Monaten endgültig darüber entscheidet.

SVP dagegen

Gegen den Vorstoss stellte sich vor allem die SVP. Gute Deutschkenntnisse bei allen Kindern seien zwar zu begrüssen, sagte Rochus Burtscher (SVP, Dietikon). Doch müssten die Eltern fremdsprachiger Kinder verpflichtet werden, auf eigene Kosten dafür zu sorgen. Ansonsten werde es teuer. Und es gehe nicht an, Geld nach dem Giesskannenprinzip auszugeben. Sein Parteikollege Matthias Hauser doppelte nach: «Dies ist einmal mehr der Versuch, die Finger des Staates in die ersten fünf Lebensjahre auszuweiten.» Diese Verschulungstendenz sei abzulehnen. Auch Cornelia Keller (BDP, Gossau) sprach sich dagegen aus, noch mehr Angebote zulasten der Steuerzahler zu schaffen.

Kosten später einsparen

Wie die Sprachförderung bei den darauf angewiesenen Kleinkindern zu finanzieren sei, steht nicht in der SP-Initiative. Im Basler Modell übernimmt der Kanton die Kosten. Laut Birgit Tognella (SP, Zürich) liesse sich mit einem kantonalen Angebot gar Geld sparen. Bereits heute würden viele Gemeinden entsprechende Angebote ausarbeiten. Dies komme die öffentliche Hand teurer zu stehen als eine kantonsweite Lösung.

«Ich verstehe die SVP nicht», sagte Cäcilia Hänni (FDP, Zürich). «Es gilt, die Eltern in die Pflicht zu nehmen.» Für die Sprachförderung bei Kleinkindern könnten Teile der Beiträge, die heute für Deutsch als Zweitsprache (DAZ) in der Schule verwendet werden, zum Einsatz kommen; ebenso ein Teil der künftig wegfallenden Kleinkinderbetreuungsbeiträge. Unter dem Strich liesse sich das Ziel so ohne Mehrkosten für die Gemeinden erreichen.

Moritz Spillmann (SP, Ottenbach) wies darauf hin, dass sich sprachliche Start-Nachteile durch die ganze Schullaufbahn fortsetzen. Daher liege es im öffentlichen Interesse, schon frühzeitig für gute Deutschkenntnisse zu sorgen.

«Die Kosten für die Deutschkurse können später bei den sonderpädagogischen Massnahmen mehr als eingespart werden», sagte Christoph Ziegler (GLP, Elgg), von Beruf Lehrer. Auch die GLP unterstützte trotz Vorbehalten die SP-Initiative vorläufig. Ihr Vorbehalte betreffen auch einen grundsätzlichen Punkt: «Wir finden es falsch, wenn Kinder schon vor der Schulzeit zu Kursbesuchen gezwungen werden», so Ziegler.

Aus Sicht der Grünen ist es «selbstverständlich, dass der Kanton die Kosten ganz übernehmen soll», wie Karin Fehr (Grüne, Uster) sagte. Zudem gelte es, die Deutschkenntnisse der Kleinkinder auf spielerische Art zu fördern.

Auch die CVP sprach sich für eine vorläufige Unterstützung der SP-Initiative aus: «Sprache ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Schullaufbahn», sagte Corinne Thomet (CVP, Kloten).
Bildungsdirektorin Silvia Steiner liess ebenfalls Sympathie für das Anliegen durchblicken: «Es gibt kein Recht auf kompetente Eltern», sagte die CVP-Regierungsrätin. «Daher ist es die Pflicht des Staates, dafür zu sorgen, dass Kinder ihr Potenzial ausschöpfen können.»