Zürich
Fünf Jahre Strichplatz in Altstetten – weniger Gewalt gegenüber Prostituierten

Die Erwartungen an den Strichplatz in Zürich-Altstetten haben sich nach fünf Jahren klar erfüllt. Das Angebot schützt die Sexarbeiterinnen vor Gewalt und Ausbeutung und ist bei der Verhinderung von Menschenhandel wirksam.

Merken
Drucken
Teilen
Die sogenannten Sexboxen können von Freiern wie bei einem Drive-in direkt mit dem Auto angesteuert werden. (Archivbild)
8 Bilder
Durch das Gitter spähend erkennt man von die acht Auto- und vier Stehboxen.
Ursula Kocher, Leiterin der Frauenberatung Flora Dora, öffnet den Eingang zum Strichplatz.
Durchschnittlich arbeiten 20 bis 25 Sexarbeiterinnen pro Nacht auf dem Strichplatz.
Für die kleine Verpflegung zwischendurch gibt es einen Selecta- und einen Kaffeeautomaten auf dem Gelände.
Der Strichplatz in Altstetten hat sich nach fünf Jahren etabliert
Hier können Freier eine Sexarbeiterin auswählen.
Der Beratungspavillon von Flora Dora befindet sich ebenfalls auf dem Areal.

Die sogenannten Sexboxen können von Freiern wie bei einem Drive-in direkt mit dem Auto angesteuert werden. (Archivbild)

KEYSTONE/STEFFEN SCHMIDT

Es ist 10 Uhr morgens als sich das Tor zum Strichplatz in Zürich Altstetten öffnet. Für Prostituierte und Freier ist der Platz jeweils ab 19 Uhr zugänglich. Sonntag bis Mittwoch bis 3, Donnerstag bis Samstag bis 5 Uhr morgens. Bis 2016 war der Platz sieben Tage die Woche bis 5 Uhr geöffnet. Durchschnittlich schaffen zwischen 20 und 25 Frauen pro Nacht hier an.

Wie viele Freier täglich vorbeikommen, kann Ursula Kocher, Leiterin der Frauenberatung Flora Dora, nicht mit Sicherheit sagen: «Wir zählen die Freier nicht. Manchmal fahren sie im Minutentakt auf das Areal, dann gibt es auch mal eine Warteschlange vor den Boxen.» Es gebe auch ruhigere Zeiten. Angebot und Nachfrage würden sich die Waage halten. Laut Kocher schwanken die Zahlen saisonal, sind aber insgesamt stabil.

Bei den Sexarbeiterinnen handelt es sich mehrheitlich um Frauen aus Osteuropa. Mit der gesetzlichen Meldebestätigung halten sich diese maximal 90 Tage auf dem Strichplatz auf. Seit diesem Jahr sind nun testweise auch Freier auf dem Velo oder dem Töff zur Strichzone zugelassen. Bislang laufe der Versuch problemlos, so Kocher.

Eröffnung der Zürcher Sexboxen
5 Bilder
Der Ticketautomat bei den Sexboxen
Nur ein paar Journalisten sind da
Blick in die leeren Sexboxen.

Eröffnung der Zürcher Sexboxen

Keystone

Zahlungsdifferenzen schlichten

Seit fünf Jahren findet die Strassenprostitution nun in den zwölf Auto- und Stehboxen auf dem Areal statt. Die Stadt zieht eine positive Bilanz – in zweierlei Hinsicht. Mit der Verlagerung des Strassenstrichs vom Sihlquai an den Stadtrand habe man Emissionen für die Stadtbevölkerung wie auch die Gewalt gegenüber den Sexarbeiterinnen reduzieren können.

Neben Kocher bestätigt dieses Fazit auch Andi Merz, Chef der Fachgruppe Milieu- und Sexualdelikte der Stadtpolizei Zürich: «Zu Sihlquai-Zeiten kam es vergleichsweise häufig zu Gewaltdelikten wie schwerer Körperverletzung oder Vergewaltigung», sagt der Polizist. Dieses Problem habe sich mit dem Strichplatz in Zürich Altstetten entschärft. Denn zu schweren Fällen von Gewalt sei es seit der Eröffnung nicht mehr gekommen.

Wenn die Polizei gerufen wird, geht es laut Merz meist um Schlichtung bei Zahlungsdifferenzen. Die Stadtpolizei kontrolliert auf dem Strichplatz punktuell, ob die Sexarbeiterinnen über die gesetzliche Meldebestätigung verfügen. «Da die Polizei Freier wie auch Sexarbeiterinnen hemmt, halten wir uns so kurz wie notwendig hier auf», sagt Merz.

Dass sich die Sicherheit der Prostituierten vor Ort verbessert hat, liegt an der permanenten Anwesenheit der Mitarbeitenden von Flora Dora und der städtische Sicherheitsdienst SIP Züri, die für das Einhalten der Platzordnung sorgen. Der städtische Betriebsaufwand beträgt jährlich rund 800 000 Franken. Die Prostituierten würden den Schutz vor potenziell gewalttätigen Freiern schätzen, wie Kocher sagt: «Zudem fallen sie hier nicht der öffentlichen Zurschaustellung zum Opfer, wie zu Zeiten des Strassenstrichs am Sihlquai», sagt Kocher. Im Beratungspavillon von Flora Dora auf dem Areal finden die Frauen einen Rückzugs- und Informationsort. Es werden Gesundheitsberatungen, eine ärztliche Sprechstunde, Warnungen vor gewalttätigen Freiern sowie Hilfe bei Krisen angeboten.

Menschenhandel verringern

Im Schnitt kann Flora Dora durch den Aufbau eines Vertrauenverhältnisses zu den Prostituierten der Stadtpolizei jährlich bis zu 100 Hinweise auf mögliche Opfer von Menschenhandel geben. So habe man schon wiederholt Sexarbeiterinnen aus Ausbeutungssituationen befreien können. «Wir konnten hier vor Ort schon einigen Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution helfen», sagt Kocher weiter.

Trotz der durchweg positiven Bilanz, die die Stadt zieht, ist das Sexgewerbe nicht frei von Problemen. Zwar hätten sich die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen dank der Infrastruktur auf dem Strichplatz verbessert, aber: «Der Strassenstrich ist nur ein kleiner Teil der Sexarbeit. Nach wie vor kämpft das Sexgewerbe mit Problemen wie Preisdruck, behördlichen Auflagen und der Stigmatisierung der Tätigkeit», sagt Kari-Anne Mey von der Zürcher Stadtmission. Neben den städtischen Departementen und der Zürcher Stadtmission unterstützen die FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration sowie die Zürcher Aids-Hilfe die Zusammenarbeit und Aufklärung auf dem Strichplatz.

Ab 2030 könnte ein VBZ-Tramdepot auf das Areal kommen. «Für diesen Zeithorizont liegen von unserer Seite noch keine Planungsszenarien vor», sagt Nadeen Schuster, Sprecherin der Sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich.

Aus dem Arbeitsalltag der Flora Dora Mitarbeitenden

Das Team von Flora Dora beschreibt in den nachfolgenden Fallbeispielen ihre tägliche Arbeit im Umgang mit Menschenhandel und Ausbeutung. Die Personen sind so stark anonymisiert, dass die betreffenden Sexarbeiterinnen zu ihrem persönlichen Schutz nicht mehr identifizierbar sind.

- Die Mitarbeitenden von Flora Dora haben Paula C. im Rahmen des obligatorischen Informations- und Beratungsgesprächs für die Bewilligung gemäss Prostitutionsgewerbeverordnung PGVO kennengelernt. Im Gespräch wurde sie auch darüber aufgeklärt, was legal ist in Zürich (beispielsweise Sexarbeit) und was nicht (zum Beispiel wenn man zu Dienstleistungen gezwungen oder einem das ganze Einkommen weggenommen wird). Paula C. hat immer wieder nachgefragt, insbesondere auch, ob Flora Dora auch in einer Notsituation helfen könne. Dies wurde ihr zugesichert. Sie erhielt das Give-Away von Flora Dora, einen Schlüsselanhänger mit den Kontakt-Telefonnummern, und verabschiedete sich. Sie wollte in der Strichzone Häringstrasse im Kreis 1 arbeiten. Eine Woche später erhielt die Sozialarbeiterin, die das Gespräch geführt hatte, ein Telefon von Paula C. Die Klientin meinte, sie brauche aufgrund eines geplatzten Kondoms dringend Rat und Hilfe. Noch am gleichen Abend suchte eine der Mitarbeiterinnen von Flora Dora Paula C. am angegebenen Ort auf. Dort angekommen winkte Paula C. die Mitarbeiterin zu sich in eine Ecke und meinte: «Bitte hilf mir, ich werde dauernd beobachtet, ich habe kein Geld, sie nehmen mir alles weg – ich muss jetzt weg. Sie sind am Essen – bitte hilf mir». Die Mitarbeiterin setzte sich umgehend mit den Spezialisten für Milieu- und Sexualdelikte der Stadtpolizei in Verbindung. Nach einem Erstgespräch konnte Paula H. in ein Schutzhaus gebracht werden. Heute lebt Paula H. mit ihrem Sohn in der Schweiz. Sie ist nicht mehr in der Sexarbeit tätig. Sie erwägt Anzeige.

-

Flora Dora hat Lydia A. im Rahmen der aufsuchenden Sozialarbeit an der Langstrasse kennengelernt, wo sie illegal gearbeitet hatte. Lydia fiel den Mitarbeitenden durch ihr ausgesprochen abweisendes Verhalten ihnen gegenüber auf. Während Monaten sprachen sie die Klientin immer wieder an und versuchten sie davon zu überzeugen, sich zu legalisieren und ihre Arbeit auf dem sicheren Strichplatz auszuüben. Endlich kam Lydia A. aufgrund einer Busse wegen illegaler Sexarbeit von sich aus auf eine der Mitarbeiterinnen zu und bat diese, sie bei einer Bussenabklärung und Ratenzahlungsvereinbarung zu unterstützen. Daraufhin wurde der Kontakt mit Lydia A. enger, und sie öffnete sich Flora Dora gegenüber in Bezug auf einen schweren Gewaltvorfall mit einem Freier, den sie in der Folge auch anzeigte. Eine Begleitung zu einer medizinischen Anlaufstelle trug ebenfalls dazu bei, das Vertrauen aufzubauen. Über Neujahr reiste Lydia A. nach Deutschland, um sich vom erlittenen Gewaltvorfall zu erholen. Im Januar meldete sie sich zurück und bat darum, dass jemand von Flora Dora sie vom Busbahnhof am Sihlquai abhole. Kaum aus dem Reisecar gestiegen gestand Lydia A. der Mitarbeiterin ihre Ausbeutungssituation. Diese konnte Lydia A. für eine Nacht an einen sicheren Ort bringen. Am darauffolgenden Tag fand ein Gespräch mit den Spezialisten für Milieu- und Sexualdelikte der Stadtpolizei statt. Lydia A. konnte in ein Schutzhaus gebracht werden. Die aktuelle Situation von Lydia A. ist unbekannt. Sie ist nach Deutschland weitergereist. Es ist zu keiner Anzeige gekommen.

(Soziale Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich)