Fraumünster  
Fünf Franken Eintritt: So werden die Eiltouristen ausgebremst

Wer die Zürcher Kirche besichtigen will, zahlt seit gestern fünf Franken Eintritt: ein Novum in der Schweiz. Am Tag der Einführung löst die Regel unterschiedliche Reaktionen aus – sogar einen Ehekrach.

Heinz Zürcher
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Fünf Franken kostet der Eintritt ins Fraumünster seit gestern – das kommt bei manchen nicht gut an; andere stört es weniger. key

Fünf Franken kostet der Eintritt ins Fraumünster seit gestern – das kommt bei manchen nicht gut an; andere stört es weniger. key

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Noch eben schlich das ältere Paar andächtig durch die Fraumünsterkirche, bewunderte die berühmten Chagall-Fenster, schaute sich das Krypta-Museum im Untergeschoss an. Und nun stehen sie beim Ausgang und geraten sich in die Haare. Ein wahrer Ehekrach, ausgelöst durch die Frage des Journalisten, ob es richtig sei, fünf Franken Eintritt für die Besichtigung zu verlangen.

Er: «Es ist ja nicht viel. Wenn es der Kirche zugutekommt, ist das völlig in Ordnung.»

Sie: «Überhaupt nicht. Ich zahle schon Steuern, und die Kirche hat genug Geld.»

Er: «Das sagst du nur, weil du Ausländerin bist.»

Sie: «Was hat das nun damit zu tun? Wie behandelst du mich eigentlich ...»

Das Paar läuft zankend davon. Auf der anderen Seite des Münsterplatzes angelangt, ist ihr Disput noch immer zu hören.

Krach, Abfall und Halbwissen

Ein Ehekrach wegen fünf Franken Eintritt: Das hätte Hans-Hinrich Dölle sicher nicht gewollt. Der Kirchenpfleger und Projektleiter hat die neue Regel eingeführt. Und die sieht so aus: Seit gestern zahlen Fraumünster-Besucher ab 16 Jahren fünf Franken Eintritt. Inbegriffen sind der Besuch des Krypta-Museums und eine Besucherinformation in acht Sprachen: wahlweise als Infobroschüre oder Audioguide. Wer nur beten will, zahlt nichts. Es sei denn, er kommt regelmässig zur Andacht. Dann sollte er an der Kasse eine Besucherkarte beziehen, für eine einmalige Bearbeitungsgebühr von zwei Franken. Mitglieder des Fraumünster-Vereins, der Kirch- oder Predigtgemeinde erhalten die Karte gratis.

Auslöser waren die teilweise haarsträubenden Zustände in den vergangenen Jahren. Regelmässige Kirchenbesucher störten sich, dass Touristen, bis zu 2000 pro Tag, meist in Scharen oder organisierten Gruppen, jeweils durchs Kirchenschiff stürmen, trotz Verbots ihre Kameras zücken und sich zu den Chagall-Bildern vorknipsen.

«Manchmal standen im Chorraum bis zu drei Gruppen gleichzeitig», sagt Kirchenpfleger Dölle. «Man hat kaum das eigene Wort verstanden.» Diese Eiltouristen, wie Dölle sie nennt, hätten auch noch Abfall hinterlassen und seien zum Teil schlecht geführt und sogar falsch informiert worden. Manche Tour-Guides referierten laut oder machten aus Chagall- Picasso-Fenster.

Neu sind nur noch akkreditierte Führerinnen und Führer zugelassen, die eine halbtägige Einführung absolviert haben. Sie müssen ihre Gruppen online anmelden und dürfen nur im Flüsterton sprechen. Die Audio-Guides, auf denen man auch Bilder anschauen kann, sind mit Flüstertechnik ausgestattet. Dass sich viele Kirchenbesucher über den Massentourismus ärgerten, wurde in einer Umfrage im Jahr 2013 deutlich. Die Kirchenpflege fasste darauf den Auftrag, die Besucherlenkung neu zu regeln. Das Ziel: Besucher sollen sich besser und vor allem ruhiger mit den Botschaften und Sehenswürdigkeiten der Kirche auseinandersetzen.

Eine erste Variante der neuen Besucherlenkung trat am 20. Juni in Kraft. Diese erwies sich allerdings als wenig praktikabel. Besucher sollten am Eingang freiwillig zwei Franken «spenden». Als Gegenleistung erhielten sie Eintritt und Infoflyer. Wer einen Audioguide wollte, bezahlte fünf Franken.

«Nicht im Sinne Chagalls»

Diese Form der «Spende» erachteten viele Besucher als scheinheilig. Auch Zürich-Tourismus äusserte Bedenken. Besser finden die Zürich-Vermarkter die neue Lösung mit einem fixen Betrag von fünf Franken. Auch wenn dadurch einige Touristengruppen die Kirche auslassen werden – oder Leute aus Protest draussen bleiben, wie jene Zürcherin, die gestern ihren ausländischen Besuch zum Fraumünster führte. «Der Zutritt zu Kirchen sollte überall gratis sein», sagt sie. «Und ich bezweifle, dass es im Sinne Chagalls war, Eintritt zu verlangen.» Ihr Besuch aus Rom sieht es gelassener. «Bei uns in Rom muss man in vielen Kirchen auch Eintritt zahlen.»

Viele machen denn auch keine Anstalten und fragen an der Kasse direkt nach dem Preis. Die zwei Touristen, die vor dem Eingangstor kehrt machen und sich via Ausgang hineinschleichen wollen, zählen zu den Ausnahmen. Doch die Ansichten bleiben geteilt, wie eine kurze Befragung vor dem Fraumünster zeigt.

Und selbst innerhalb der Kirche scheiden sich offenbar die Geister. «Weil wir als erste Kirche in der Schweiz Eintritt verlangen, proben nun alle den Widerstand», sagt Dölle.

Die neue Testphase läuft bis Ende Jahr. Danach werden die Reaktionen und Erfahrungen ausgewertet und das weitere Vorgehen entschieden.