Tourismus
Führungen in Zürich: Ein Crashkurs in urbanen Mythen

Frühling ist Städtereisezeit – auch in Zürich: Drei Führungen vermitteln ein cooles, ein etwas altbackenes und ein ganz altes Zürich.

Matthias Scharrer
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Fotostopp: Die Touristen haben 15 Minuten Zeit, um Rathaus, Fraumünster und Waldmann-Denkmal zu knipsen.
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Führungen in Zürich
... im Classic-Trolley mit Kopfhörerstimme...
... oder im E-Tuk-Tuk mit Martin Matter.

Fotostopp: Die Touristen haben 15 Minuten Zeit, um Rathaus, Fraumünster und Waldmann-Denkmal zu knipsen.

Matthias Scharrer

Martin Matter rollt lautlos mit seinem E-Tuk-Tuk an. Der 32-Jährige, der ursprünglich aus St. Gallen stammt, ist seit rund zwei Jahren Stadtführer in Zürich. Sein Gefährt ist ein Elektrodreirad, in dem vier bis sechs Fahrgäste Platz haben. Die Touren passt er den Wünschen der Gäste an. Und die Geschichten, die er unterwegs improvisierend erzählt, zeigen neben den üblichen Sehenswürdigkeiten ein Zürich, das er cool findet – das wird während der eineinhalbstündigen Fahrt durch die Stadt immer deutlicher.

Wir rollen vom Hauptbahnhof aus vorbei am Landesmuseum, überqueren die Limmat und fahren hinauf ins Uni-Quartier. «Sehr renommiert ist die ETH, die mit dazu beitrug, dass Google sich in Zürich ansiedelte», sagt Matter. Weiter gehts vorbei am Kunsthaus («wird erweitert. Viele neue Quartiere entstehen in Zürich.») in die Altstadt. «Das Niederdorf ist auch ein Szenepunkt der Homosexuellen», erfährt der einzige Fahrgast an diesem nasskalten Aprilmorgen. Und: «Es hat viele coole Restaurants, zum Beispiel das ‹Neumarkt›, einen meiner Favoriten, mit Biergarten mitten in der Altstadt.»

Zürich Anfang 19. Jahrhundert – deutlich erkennbar sind die mittelalterliche Stadtmauer und die frühneuzeitliche Schanze als Stadtgrenze.
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Vor wenigen Jahren gestaltete Sigmar Polke die Grossmünster-Fenster neu
Scharreisen neben Hauseingang. Sie zeugen davon, dass die Zürcher Altstadt bis Mitte 19. Jahrhundert nicht gepflastert war.
Gemüse als Ornament an der Rathausfassade - die Rathausbrücke heisst wegen der dort einst abgehaltenen Märkte im Volksmund Gemüsebrücke.
Fernseher des Mittelalters - Erker wurden schräg versetzt zur Haustür platziert, damit die Hausherrin alles im Blick hatte
Karl der Grosse thront am Grossmünsterturm Er soll hier die erste Kirche gegründet haben.

Zürich Anfang 19. Jahrhundert – deutlich erkennbar sind die mittelalterliche Stadtmauer und die frühneuzeitliche Schanze als Stadtgrenze.

Limmattaler Zeitung

Die Tuk-Tuk-Touren scheinen gut zu laufen: Seit dem Start vor zwei, drei Jahren habe das Unternehmen jedes Jahr den Umsatz verdoppelt oder verdreifacht. Der schwache Eurokurs wirke sich bis jetzt noch nicht aus. «Wir haben sehr viele einheimische Kunden, auch für Firmenanlässe und Polterabende», sagt Matter, während wir Seefeld und Sechseläutenplatz passieren. Die Touristensaison ziehe jetzt im April wieder an.

Er schlägt einen Abstecher zum Hürlimann-Areal vor, wo gerade eine Szene für den neuen James-Bond-Film gedreht werde. Unterwegs erzählt er von der Street Parade: «Das ganze Seebecken wird von den Partypeople genutzt. Zürich ist wirklich eine Partystadt. Ich würde einfach nicht während der Street Parade im See baden.» Zuv iel Urin verunreinige dann das ansonsten saubere Wasser.

Von der Quaibrücke schweift der Blick zur Frauenbadi in der Limmat: «Abends wird sie als Event-Location eingesetzt. Wirklich cool.» Das Tuk-Tuk ruckelt weiter über Kopfsteinpflaster. Ein flaues Gefühl breitet sich im Magen aus. «Jetzt tauchen wir ein ins Geschäftszentrum», verkündet Matter. «Am Feierabend ist es sehr busy. Alle gucken auf ihre Smartphones.»

Wir gelangen zum Hürlimann-Areal: Wo früher Bier gebraut wurde, ist jetzt ein Thermalbad mit Bade-Dachterrasse, umgeben von Kleider- und Möbelläden, einem Hotel und dem Google-Schweiz-Sitz. «Das ist das Coole an Zürich: Man rüstet bestehende Bauten um und nützt sie neu», weiss der Guide. Vom James-Bond-Dreh ist nichts zu sehen.

Die Tour geht dann noch weiter in den Stadtkreis 4 («der Partykreis») und via Langstrasse in den Kreis 5. Vorbei an chinesischen, italienischen, indischen und tibetischen Restaurants («coole, authentische Küche»). Zum umgenutzten Lettenviadukt («coole Shops»). Zum Schiffbau, in dem das Schauspielhaus und der Jazzclub «Moods» eine Heimat gefunden haben («cooles Ambiente»). Und schliesslich zur Geroldstrasse, wo im Schatten des Primetowers Zwischennutzungen wie die Gartenbeiz «Gerolds Garten», die Kuriertaschenboutique «Freitag-Tower» und der Club «Hive» auf den nächsten Stadtentwicklungsschub warten: «Hier trudeln am Sonntagmittag die Leute aus dem Club, weil einfach sooo viel Party ist», sagt Matter und setzt mich kurz darauf beim Carparkplatz hinter dem Hauptbahnhof ab.

Die Stimme aus dem Kopfhörer

Dort wartet schon der «Classic Trolley». Seit Jahrzehnten fährt der rote Bus Touristen durch Zürich, die sich von einer Stimme ab Tonband die Stadt erklären lassen. Dass der Text der Stimme auch schon ziemlich alt ist, wird nach wenigen Minuten erkennbar: In den letzten Jahren habe Zürichs Bevölkerung «ständig abgenommen», heisst es da. Tatsächlich ist Zürich seit den 1990er-Jahren jedoch von 360 000 auf über 400 000 Einwohnerinnen und Einwohner angewachsen. Sodann erfahren die Fahrgäste, dass die letzte Eiszeit «unseren schönen Zürichsee hinterliess». Der Spanier auf der Holzbank vor mir scheint sich mehr für den Auto-Occasionshandel zu interessieren, an dem wir gerade im Enge-Quartier vorbeifahren: Er flüstert seiner Partnerin den angeschriebenen Autopreis von 16 000 Franken zu.

Beim Hafen Enge berichtet die Stimme aus dem Kopfhörer angesichts der Löwenskulptur auf der Hafenmauer: «Der Löwe ist eine gern gesehene Figur in Zürich.» Dann gibts zehn Minuten Fotostopp. Regen geht in Hagel über. «Nicht gerade das ideale Wetter», murmelt der Chauffeur. «Aber was wotsch mache?» Eine Inderin fotografiert den aufgerauten See unter grauem Himmel. Nur die gelben Bojen leuchten.

Weiter gehts durch die «Versicherungsmeile» vorbei an den Sitzen von Swiss Life und Zurich. «Die Schweizer sind ein gut versichertes Volk», sagt die Kopfhörerstimme. Beim Bürkliplatz knipst das spanische Pärchen ein Selfie im Bus. Sie hat ihre Sonnenbrille mit dem geschwungenen Goldrand abgenommen. Beim Stadthaus dann nochmals ein Fotostopp: Rathaus, Waldmann-Denkmal und Fraumünster werden abgelichtet.

Natürlich hören wir während der Fahrt auch viel Historisches und Legendäres von der Kopfhörerstimme: Sie erzählt vom Grossmünster-Gründer Karl dem Grossen, vom Reformator Zwingli, lässt auch die Stadtheiligen Felix und Regula nicht aus, um schliesslich bei Lenin zu landen, der im Café Odeon die Russische Revolution vorbereitet habe. Selbstredend finden auch das Sechseläuten und die Böögg-Verbrennung Erwähnung, als wir am Bellevue vorbeifahren. Dazu der praktische Hinweis: «Für Notfälle steht Ihnen die Bellevue-Apotheke zur Verfügung.»

Mir wird klar: Eine Stadtführung ist ein Crashkurs in Geschichte und urbanen Mythen, verbunden mit praktischen Überlebenstipps. Man erfährt dabei Dinge, die einem gar nicht so bewusst waren, auch wenn man schon lange in der Stadt lebt. Zum Beispiel, dass Zürich rund 1200 Brunnen hat. Oder dass die Häuser an der Rämistrasse teils aus Steinen der einst dort befindlichen mittelalterlichen Stadtmauer gebaut wurden.

Moränenhügel abgetragen

Noch detailreicher, da im Schritttempo erzählt, sind die Geschichten, die Rosita Martinetti zum Besten gibt. Die gebürtige Tessinerin macht für Zürich Tourismus Altstadtführungen. Angesichts des Pestalozzi-Denkmals an der Bahnhofstrasse erzählt sie, dass sich dort, wo heute das Kaufhaus Globus steht, einst die erste öffentliche Schule Zürichs befand. Bei einem Glas Brunnenwasser lernen wir, dass Zürichs Leitungswasser aus 70 Prozent Seewasser, 15 Prozent Grundwasser und 15 Prozent Quellwasser besteht. Interessant auch, dass der damalige Stadtarchitekt Gustav Gull Ende des 19. Jahrhunderts einen Moränenhügel abtragen liess, um Zürichs Amtshäuser zu erstellen. Und dass Scharreisen neben Hauseingängen davon zeugen, dass Zürichs Altstadt bis Mitte des 19. Jahrhunderts nicht gepflastert war.

Dies alles nur so als Hinweis, falls Sie über Ostern spontan noch eine Städtereise nach Zürich unternehmen wollen.