Sie kommen mit dem Kastenwagen direkt in die Uraniawache, den Hauptsitz der Stadtpolizei Zürich: Berauschte, von der Polizei aufgegriffen, weil sie in ihrem Rausch nach polizeilicher Einschätzung sich oder andere gefährden, manchmal auch sich und andere. Zu den Selbstgefährdungen zählt der Tod durch Ersticken an Erbrochenem, das Erfrieren, Gefährdung als Fussgänger im Verkehr, aber auch das Risiko, ausgeraubt oder vergewaltigt zu werden, wenn sie in komatösem Rausch irgendwo auf der Gasse liegen.

Für die, die sich nicht mehr auf den Beinen halten können, steht in der Uraniawache ein Rollstuhl bereit. Andere werden von Polizisten aus der Tiefgarage zum Lift geschleppt. Die Lifttür öffnet sich, und schon steht man im Vorraum des schmalen Gangs mit den zwölf Ausnüchterungszellen. Hier werden, falls nicht schon vorher geschehen, Personalien und der Sachverhalt aufgenommen und die Berauschten in die Obhut des Personals der Zentralen Ausnüchterungsstelle der Stadt Zürich (ZAS) übergeben. Ein Metalldetektor liegt bereit, um allfällige Waffen zu entdecken. Das ZAS-Personal besteht aus einem Polizisten, der die Einsatzleitung innehat, ein bis zwei angehenden Ärzten und zwei bis drei privaten Sicherheitsleuten.

Die ZAS wurde 2010 als Pilotbetrieb eröffnet. Mit ihr setzt die Stadt Zürich den Grundsatz um, wonach kein Berauschter ohne medizinische Überwachung in polizeilichen Gewahrsam darf. «Für die Polizei und für die Notfallstationen der Spitäler ist die ZAS eine grosse Erleichterung», sagt ihr operativer Leiter Rolf Müller, der seit Jahren in Führungsfunktionen bei der Stadtpolizei Zürich arbeitet. «Auch für den Patienten ist sie ein Gewinn: Er wird vor sich selber geschützt.» Das medizinische Personal stelle sicher, dass die Patienten beispielsweise nicht an ihrem Erbrochenen ersticken. Und das Sicherheitspersonal garantiere den Schutz des medizinischen Personals vor Übergriffen.

Dass dafür Angestellte eines privaten Sicherheitsdienstes im Hauptsitz der Stadtpolizei zum Einsatz kommen, hat laut Müller zwei Vorteile: Zum einen seien sie für die Patienten anders als bisweilen Polizisten kein Feindbild. Zum anderen wären Polizisten für diese Aufgabe überqualifiziert; sie werden andernorts dringender benötigt.

Nach einer Stunde wirds teuer

Es riecht nach Putzmittel in den engen Räumen hinter den grünen Zellentüren der ZAS. Die Ausstattung ist minimal: eine mit Plastik überzogene dünne Matratze, ein WC. Dazwischen ein an der Wand befestigter Karton, als Sichtschutz vor der Überwachungskamera. In einem nicht viel grösseren Nebenraum stehen auf einem Pult mehrere Bildschirme. Von hier aus behält das Sicherheitspersonal die Berauschten im Auge, nachdem sich die Zellentür geschlossen hat. 

In der ersten Stunde nach dem Eintreffen weckt das medizinische Personal die Insassen viertelstündlich, um ihren gesundheitlichen Zustand zu überwachen: ob die Pupillen reagieren, wie hoch der Puls ist, ob der Blutdruck einigermassen normal ist oder ob ein anderes medizinisches Problem vorliegt. Auch den Blutzuckerspiegel überprüfen die angehenden Ärzte. «Zuckerkranke entwickeln ohne ihre Medizin ähnliche Symptome wie Berauschte», erklärt Müller. Verwechslungen gelte es daher vorzubeugen. Sieben Prozent der ZAS-Insassen müssen laut Müller notfallmässig ins Spital.
Nach der ersten Stunde werden die Intervalle der medizinischen Kontrolle grösser und der Aufenthalt für die Insassen der Ausnüchterungsstelle teuer: Ein Kurzzeitaufenthalt von ein bis drei Stunden kostet sie 450 Franken, eine mittlere Aufenthaltszeit von drei bis sechs Stunden 520 Franken. Wer über sechs Stunden in der ZAS bleibt, muss nach der Entlassung 600 Franken bezahlen. Die meisten bleiben laut Müller zwischen drei und neun Stunden.

Die Gebühren sind im Abstimmungskampf der zentrale Streitpunkt: Für die bürgerlichen Parteien sind sie zu niedrig, da nicht kostendeckend. Der linken Gegnerschaft von AL und Grünen sind sie zu hoch und haben den Charakter einer verdeckten Strafe. Der Stadtrat rechnet mit einem jährlichen Subventionsbedarf von 1,2 Millionen Franken. Eine gleich hohe Summe wäre an Baukosten fällig, um die ZAS vom Pilotbetrieb zum Dauerbetrieb umzurüsten. So erhielte das Personal einen separaten Duschraum und geeignetere Arbeitsräume. Auch die asbestbelasteten Böden würden ersetzt.

Häufige Angriffe aufs Personal

«Es ist kein schöner Arbeitsort», sagt Müller. Was nicht nur an den Räumen liegt, sondern vor allem auch am Verhalten der Berauschten. «Es wurde auch schon die WC-Schüssel ausgerissen», erzählt der operative Leiter lapidar beim Rundgang durch die Zellen. «Am zweitschlimmsten ist es, wenn die Berauschten ihre Körpermuskulatur nicht mehr im Griff haben.» Dann entleeren sie sich unkontrolliert aus allen Körperöffnungen. Das Schlimmste aber sei, wenn jemand sich und die ganze Zelle mit Kot einschmiere. Alles schon vorgekommen.

Aggressionen sind in der ZAS keine Seltenheit. «Wir erleben häufig Angriffe aufs Personal», so Müller. Aggressive Typen würden öfter mal spucken, schlagen oder treten. Dennoch sei es nie ein Problem gewesen, die Stellen in der ZAS zu besetzen. Wenn ein Insasse ausraste, schliesse man einfach die Zellentür. Für die ganz Aggressiven gibts eine Zelle mit rosa Wänden. Die Farbe soll beruhigend wirken.
Und dann kommt irgendwann der Morgen danach. «Viele wissen dann gar nicht mehr, was sie gemacht haben», sagt Müller. «Andere entschuldigen sich.» Wieder andere äusserten weiterhin ihren Unmut. Gelinde gesagt.

Stammgäste gebe es in der ZAS nur vereinzelt. «80 Prozent kommen einmal und nie wieder», sagt Müller.