Sie sind selten, die Momente, in denen es einem im Theater kalt den Rücken runter läuft. Und schon gar nicht erwarten würde man sie von einem Laienstück. Doch dann tritt im Miller’s Studio Madeleine Hirsch Jemma auf die Bühne. Mit einer anderen Seniorin spricht die 64-Jährige über Wünsche und Ängste, die sie mit dem Tod verbindet. «Schlimm wäre es, wenn ich gehen müsste, und ich hätte mich mit jemandem nicht versöhnt», sagt sie und betrachtet den leblosen Körper einer dritten Frau vor sich auf der Bühne. Stille. Plötzlich bricht es aus Hirsch Jemma heraus. Sie schluchzt, muss kurz innehalten, bevor sie weiterspricht. «Die Trauer ist echt, das kann nicht gespielt sein», fährt es einem durch den Kopf. Und da ist es: ein Schaudern.

Mit «Senioren Lab: Ein Abend zum Thema Sterben» wagten sich das Theater in Zürich Tiefenbrunnen und Regisseur Ron Rosenberg an ein mutiges Experiment. Die Texte haben die Senioren grösstenteils selbst verfasst. Entstanden sind sie im Zuge einer gemeinsamen Recherche, zu der auch Fachleute wie Totenmaskenbildner, Sterbebegleiterinnen oder Friedhofsgärtner beigezogen wurden. Rosenberg verwob die Beiträge schliesslich zu einem Gedankenteppich, um «eine Form zu finden, welche die einzelnen Geschichten trägt», wie er sagt.

Entstanden ist so kein klassisches Stück mit klar ersichtlichem Handlungsbogen, sondern ein dichtes Geflecht aus persönlichen Erinnerungen, Vorstellungen, Hoffnungen und Ängste der 15 Laiendarstellerinnen und -darsteller rund um das Thema Tod. «Es ging uns nie darum, dem Publikum eine starre Deutung dieses Themenkomplexes zu präsentieren, sondern ein Angebot an Denkanstössen», erklärt Rosenberg.

Entrüstung statt Angst

Und auch wenn der Titel der Produktion anderes vermuten lässt: Diese Denkanstösse sind längst nicht nur von Schwermut getragen, sondern oft versöhnlich und teilweise auch sehr amüsant. Da fallen teils feine Witze, es werden aber auch Leichen über die Bühne geschleift. Und einer der Darsteller echauffiert sich sehr unterhaltsam darüber, dass seine leblose Hülle bei einer allfälligen Aufbahrung «mit künstlichen Nägeln und sinnlosen Kleidern geschmückt» würde.

Woher diese Leichtigkeit im Umgang mit dem Tod rührt, zeigt sich im Gespräch mit den Darstellern: Die Mitglieder des «Senioren Labs» stehen nicht nur in ihrem Stück weit weg vom Abgrund, sondern auch in der Realität mitten im Leben. «Die Frage ist nicht, wie wir sterben wollen, sondern wie zufrieden wir sind, wenn wir auf die Zeit davor zurückblicken», sagt etwa Hanspeter Blatter, einer der Senioren. Ihm liege es fern, sich darüber zu grämen, dass er heute, nach seiner Pensionierung, nicht mehr gebraucht werden könnte. «Ich habe jetzt sozusagen ein bedingungsloses Grundeinkommen. Für mich stellte sich daher eher die Frage: Was will ich am liebsten tun?», so der frühere reformierte Pfarrer. Er entschied sich dazu, Theater zu spielen.

Regisseur lernt von Darstellern

Senioren auf den Tod zu reduzieren, sei etwa so hinfällig, wie Menschen durch ihr Geschlecht zu definieren, sagt Regisseur Rosenberg: «Die Lebenswirklichkeit älterer Menschen ist viel breiter gefächert.» Der gebürtige Bergdietiker hat prozessorientierte Theaterprojekte wie das «Senioren Lab» bereits im Berliner Gorki-Theater realisiert. Es sei ihm dabei immer ein Anliegen, seinen Akteuren auf Augenhöhe zu begegnen, sagt er: «Doch diesmal ging es ums Sterben und den retrospektiven Blick aufs Leben. Hier sind die Senioren die Experten. Ich riet ihnen also, sich einfach auszuprobieren.»

Es habe sich bei der Recherche mit den Darstellern schnell gezeigt, dass der Umgang mit Leben und Tod so individuell ist wie sie selbst. «Schön war es zu sehen, wie sie in dieser Truppe Gleichgesinnte fanden, die sich mit diesen Themen nicht nur befassen, sondern ihre Gedanken auch teilen wollten», so Rosenberg.

Madeleine Hirsch Jemma will sich kein Szenario ihres eigenen Ablebens ausmalen: «Es kommt sowieso anders, als man denkt. Daher versuche ich möglichst offen zu sein, was den Tod betrifft.» Sich über das Sterben Gedanken zu machen und das Publikum daran teilhaben zu lassen, stelle für sie hingegen kein Problem dar, sagt die Zürcherin. Bei der Erarbeitung des Stücks seien die Darsteller an ihre Grenzen gegangen. «Aber Ron hat ein feines Gespür dafür, dass wir keine alten Wunden aufreissen, und respektiert es, wenn wir stopp sagen», so Hirsch Jemma.

Wahrer als die Realität

Ihre Trauer in der Einstiegszene ist übrigens tatsächlich nicht gespielt, wie sie sagt: «Ich habe in meinem Leben selbst Sterbesituationen erlebt, bei denen ungelöste Konflikte im Raum standen. In dieser Szene kommt in mir die Trauer darüber wieder hoch.» Für Barbara Ellenberger, die Leiterin des Miller’s Studio, sind es gerade solche Momente, die das «Senioren Lab» so speziell machen: «Bühne ist zwar immer Behauptung. Doch bei dieser Produktion enthält das Spiel oft mehr Wahrheit als die Realität.»