Zürich

«Fünfte Fassade»: Wenn die Dachterrasse zur Grünfläche wird

Stauden und Kräuter in Holzkisten: Der Dachgarten der Zürcher Hochschule für Künste liegt in 30 Meter Höhe.

Stauden und Kräuter in Holzkisten: Der Dachgarten der Zürcher Hochschule für Künste liegt in 30 Meter Höhe.

Bepflanzte Dächer und Fassaden verbessern Klima und Wohlbefinden – die Förderung der Begrünung im urbanen Gebiet ist sogar gesetzlich vorgeschrieben.

30 Meter über dem Boden von Zürich-West wachsen Bäume und wilde Pflanzen. Die Dachterrasse der Zürcher Hochschule der Künste (ZHdK) wird deshalb auch als «fünfte Fassade» bezeichnet. Planer des Zürcher Studios Vulkan Landschaftsarchitekten haben den 2600 Quadratmeter grossen Garten konzipiert. Das Motto der Grünfläche lautet «paradox», denn der Ursprung des Gartens liegt im Zerfall.

Zu Hügeln gestapelte Kisten sind mit für das Dach geeigneten Stauden, Küchenkräutern und Kleingehölz wie Weiden bepflanzt. Die Holzkisten sollen im Laufe der Zeit verfallen, die Pflanzenarten werden sich zu einem Gewächsteppich vereinen, bis der Garten einer einzigen Hügellandschaft gleicht. So beschreiben die Landschaftsarchitekten die Zukunft des luftigen Gartens. Gerade weil der Umschwung des Toni-Areals im Industriegebiet von Zürich knapp ist, kommt dem für die Öffentlichkeit zugänglichen begrünten Dach eine grosse Bedeutung zu, heisst es in einer von den Areal-Betreibern publizierten Broschüre.

Der Dachgarten der ZHdK ist aber nur ein Beispiel begrünter Dächer und Fassaden in Zürich. So wachsen auf dem Dach der Genossenschaft Gleis 70 in Altstetten Bäumchen, Sträucher und Gräser – jedoch im Wildwuchs. Aber auch kahle Betonfassaden wie jene beim Maagplatz eignen sich zur Begrünung. Eine Parkanlage der besonderen Art findet sich in Zürich Oerlikon.

Der MFO-Park in Zürich Oerlikon ist über mehrere Etagen hinweg begrünt.

Der MFO-Park in Zürich Oerlikon ist über mehrere Etagen hinweg begrünt.

Der MFO-Park erstreckt sich über mehrere luftige Etagen, entlang der Seilstahlkonstruktion schlängeln sich Hopfen, Efeu, Weinreben, Trompetenblumen oder Jasmine in die Höhe. Das sind lediglich ein paar der über 20 Kletterpflanzen, die den 800 Quadratmeter grossen Platz im Norden von Zürich begrünen und beschatten.

Viel Potenzial vorhanden

Der vertikalen und horizontalen Bepflanzung von Bauten widmet sich Grün Stadt Zürich gleich im Rahmen zweier Veranstaltungen. Bei den «Nahreisen» werden Interessierte vom 8. Mai bis zum 11. Juli auf begrünte Dächer der Stadt geführt. Die Ausstellung «Grün am Bau» im Stadtgarten widmet sich von Mitte Mai bis März 2019 dem ökologischen Nutzen bepflanzter Dächer und Fassaden im urbanen Gebiet.

Grün Stadt Zürich sagt auf Anfrage, warum der Begrünung von Betonwänden und Flachdächern in diesem Sommer ein besonderes Augenmerk gebührt: «Sie fördern das Wohlbefinden der Stadtbevölkerung und die natürliche Vielfalt, wirken als gestalterisches Element in der Strasse, lassen sich mit Solaranlagen oder Dachterrassen kombinieren und haben eine kühlende Wirkung auf die Gebäude.» Pflanzen auf Dächern und Fassaden kühlen nicht nur, sie bringen auch Feuchtigkeit in die Luft und binden Feinstaub. Zudem schaffen sie eine neue Art von Freiräumen. Dies würde gerade der Dachgarten der ZHdK zeigen: «Die Lichthöfe im Gebäude und unterschiedlichen Dachterrassen schaffen unterschiedlich gestaltete Räume», schreibt Grün Stadt Zürich.

Ein Hängegarten in der Zürcher Stadtgärtnerei.

Ein Hängegarten in der Zürcher Stadtgärtnerei.

Auch wenn Weinreben und Efeu schon seit langer Zeit zur Begrünung von Hauswänden eingesetzt werden, setzt Grün Stadt Zürich in ihrer Ausstellung auf neue Systeme und andere Pflanzen, um Fassaden zum Blühen bringen zu können. Gerade im urbanen Gebiet, wo Grünfläche ein rares Gut sei, böten begrünte Dächer neue Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Damit sich diese auch wohlfühlen, wird empfohlen, bei der Bepflanzung von bracher Fläche auf einheimische Pflanzen zu setzen.

Begrünung als Pflicht

Wie die Zahlen zeigen, gibt es Potenzial für solche neue Lebensräume: Laut Grün Stadt Zürich umfassten 2013 alle Flachdächer in der Stadt eine Fläche von 511 Hektaren – das ist etwa so gross wie der gesamte Stadtkreis 6. Von diesen Flächen dürfte bis heute erst etwa ein Drittel begrünt sein. Dabei müsste solch brachliegende Fläche sogar von Gesetzes wegen bepflanzt werden. Dies ist seit 1991 in der Bau- und Zonenordnung (BZO) der Stadt Zürich festgehalten. Die Vorschrift gilt aber nur, falls es für Liegenschaftsbesitzer betrieblich, technisch und wirtschaftlich möglich ist, das Dach zu bepflanzen. Seit 2015 schreibt die BZO zudem vor, dass diese «ökologisch wertvoll» sein müssen.

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