Es ist 10 Uhr morgens als sich das Tor zum Strichplatz in Zürich Altstetten öffnet. Für Prostituierte und Freier ist der Platz jeweils ab 19 Uhr zugänglich. Sonntag bis Mittwoch bis 3, Donnerstag bis Samstag bis 5 Uhr morgens. Bis 2016 war der Platz sieben Tage die Woche bis 5 Uhr geöffnet. Durchschnittlich schaffen zwischen 20 und 25 Frauen pro Nacht hier an.

Wie viele Freier täglich vorbeikommen, kann Ursula Kocher, Leiterin der Frauenberatung Flora Dora, nicht mit Sicherheit sagen: «Wir zählen die Freier nicht. Manchmal fahren sie im Minutentakt auf das Areal, dann gibt es auch mal eine Warteschlange vor den Boxen.» Es gebe auch ruhigere Zeiten. Angebot und Nachfrage würden sich die Waage halten. Laut Kocher schwanken die Zahlen saisonal, sind aber insgesamt stabil.

Bei den Sexarbeiterinnen handelt es sich mehrheitlich um Frauen aus Osteuropa. Mit der gesetzlichen Meldebestätigung halten sich diese maximal 90 Tage auf dem Strichplatz auf. Seit diesem Jahr sind nun testweise auch Freier auf dem Velo oder dem Töff zur Strichzone zugelassen. Bislang laufe der Versuch problemlos, so Kocher.

Zahlungsdifferenzen schlichten

Seit fünf Jahren findet die Strassenprostitution nun in den zwölf Auto- und Stehboxen auf dem Areal statt. Die Stadt zieht eine positive Bilanz – in zweierlei Hinsicht. Mit der Verlagerung des Strassenstrichs vom Sihlquai an den Stadtrand habe man Emissionen für die Stadtbevölkerung wie auch die Gewalt gegenüber den Sexarbeiterinnen reduzieren können.

Neben Kocher bestätigt dieses Fazit auch Andi Merz, Chef der Fachgruppe Milieu- und Sexualdelikte der Stadtpolizei Zürich: «Zu Sihlquai-Zeiten kam es vergleichsweise häufig zu Gewaltdelikten wie schwerer Körperverletzung oder Vergewaltigung», sagt der Polizist. Dieses Problem habe sich mit dem Strichplatz in Zürich Altstetten entschärft. Denn zu schweren Fällen von Gewalt sei es seit der Eröffnung nicht mehr gekommen.

Wenn die Polizei gerufen wird, geht es laut Merz meist um Schlichtung bei Zahlungsdifferenzen. Die Stadtpolizei kontrolliert auf dem Strichplatz punktuell, ob die Sexarbeiterinnen über die gesetzliche Meldebestätigung verfügen. «Da die Polizei Freier wie auch Sexarbeiterinnen hemmt, halten wir uns so kurz wie notwendig hier auf», sagt Merz.

Dass sich die Sicherheit der Prostituierten vor Ort verbessert hat, liegt an der permanenten Anwesenheit der Mitarbeitenden von Flora Dora und der städtische Sicherheitsdienst SIP Züri, die für das Einhalten der Platzordnung sorgen. Der städtische Betriebsaufwand beträgt jährlich rund 800 000 Franken. Die Prostituierten würden den Schutz vor potenziell gewalttätigen Freiern schätzen, wie Kocher sagt: «Zudem fallen sie hier nicht der öffentlichen Zurschaustellung zum Opfer, wie zu Zeiten des Strassenstrichs am Sihlquai», sagt Kocher. Im Beratungspavillon von Flora Dora auf dem Areal finden die Frauen einen Rückzugs- und Informationsort. Es werden Gesundheitsberatungen, eine ärztliche Sprechstunde, Warnungen vor gewalttätigen Freiern sowie Hilfe bei Krisen angeboten.

5 Jahre Sexboxen: Stadt Zürich zieht positive Bilanz

5 Jahre Sexboxen: Stadt Zürich zieht positive Bilanz

Im Sommer 2013 wurde der Strichplatz in Zürich-Altstetten lanciert, nun zieht die Stadt Zürich eine positive Bilanz. Das Angebot schütze die Sexarbeiterinnen vor Gewalt und Ausbeutung, zudem trage die enge Zusammenarbeit verschiedener Fachorganisation zur Bekämpfung von Menschenhandel bei und fördere die Einhaltung der Safer-Sex-Regeln.

Menschenhandel verringern

Im Schnitt kann Flora Dora durch den Aufbau eines Vertrauenverhältnisses zu den Prostituierten der Stadtpolizei jährlich bis zu 100 Hinweise auf mögliche Opfer von Menschenhandel geben. So habe man schon wiederholt Sexarbeiterinnen aus Ausbeutungssituationen befreien können. «Wir konnten hier vor Ort schon einigen Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution helfen», sagt Kocher weiter.

Trotz der durchweg positiven Bilanz, die die Stadt zieht, ist das Sexgewerbe nicht frei von Problemen. Zwar hätten sich die Arbeitsbedingungen der Sexarbeiterinnen dank der Infrastruktur auf dem Strichplatz verbessert, aber: «Der Strassenstrich ist nur ein kleiner Teil der Sexarbeit. Nach wie vor kämpft das Sexgewerbe mit Problemen wie Preisdruck, behördlichen Auflagen und der Stigmatisierung der Tätigkeit», sagt Kari-Anne Mey von der Zürcher Stadtmission. Neben den städtischen Departementen und der Zürcher Stadtmission unterstützen die FIZ Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration sowie die Zürcher Aids-Hilfe die Zusammenarbeit und Aufklärung auf dem Strichplatz.

Ab 2030 könnte ein VBZ-Tramdepot auf das Areal kommen. «Für diesen Zeithorizont liegen von unserer Seite noch keine Planungsszenarien vor», sagt Nadeen Schuster, Sprecherin der Sozialen Einrichtungen und Betriebe der Stadt Zürich.