Gewalttätige Zuhälter, Verunreinigungen auf Privatarealen, Sexboxen und Strichpläne: Der Zürcher Strassenstrich macht immer wieder Schlagzeilen.

Die Bilder, die die Artikel begleiten: Frauen am Strassenrand, sichtbar sind nackte Beine und Hintern, doch niemals Köpfe. Solche «Füdlibilder» sind in der heutigen Berichterstattung Normalität.

Wann immer ein Artikel Prostitution zum Thema hat, stösst man auf dieselben Frauenbeine, auf dieselben anonymisierten Momentaufnahmen aus dem Leben auf dem Strassenstrich.

Das bekannte Bild der Berichterstattungen des Strassenstrichs

Das bekannte Bild der Berichterstattungen des Strassenstrichs

Eine mediale Konvention, an der sich Doro Winkler von der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration (FiZ) und Anja Derungs, Leiterin der Fachstelle für Gleichstellung der Stadt Zürich, stören.

Gestern organisierten die beiden Fachstellen ein öffentliches Podium zum Thema «Der Strich im Bild: Die Darstellung von Sexarbeit in den Medien», bei dem Fachleute sowie Vertreter aus Politik und Medien zu Wort kamen.

Zementierte Bilder hinterfragen

Anja Derungs erklärt das Problem mit den Pressefotografien wie folgt: «Viele Fotos reproduzieren eindimensionale Vorstellungen von weiblicher Sexarbeit, reduzieren Frauen auf ihren Körper: prall, sexy, konsumierbar.»

Dies entspreche der Perspektive der Freier: «Die Bilder zeigen das, was der Freier sieht und nicht das, was die Sexarbeiterin sieht.»

Auch die Anonymisierung der Frauen durch Bildausschnitte, die die Köpfe aussparen, findet Derungs befremdlich. Die üblichen Fotografien würden nicht den realen Alltag der Prostituierten darstellen, sondern lediglich bereits vorhandene Klischees zementieren.

«Mit den gängigen Bildern hat man noch nichts über die Lebenssituation oder die Arbeitsbedingungen der Frauen erfahren», gibt auch Doro Winkler zu bedenken. Durch einseitige Berichterstattung nehme in der Bevölkerung die Akzeptanz für Sexarbeiterinnen ab und deren Diskriminierung zu.

«In Artikeln mit reisserischen Schlagzeilen - ich denke dabei an Parolen wie ‹Ost-Dirnen überschwemmen den Sihlquai› oder die Diskussion über Verunreinigungen im Quartier - werden die Frauen als Problem dargestellt», so Winkler.

Wieso die Frauen in die Schweiz kämen, oder wieso ihnen am Sihlquai keine WCs zur Verfügung stünden, werde nicht thematisiert. «Das ist eine Verkürzung der Realität», so Winkler.

Wenn diese Bilder in den Medien verbreitet würden, werde es für die Frauen immer schwieriger, ihre Arbeit unter würdigen Bedingungen zu leisten. Denn die mediale Repräsentation des Gewerbes könne für die Prostituierten durchaus sehr reale Folgen haben: «So finden sie zum Beispiel kaum mehr jemanden, der ihnen ein Zimmer vermietet», sagt Winkler.

Besonders störend finden Winkler und Derungs, dass die Freier in den Artikeln unsichtbar bleiben - obwohl diese gemäss Derungs «einen repräsentativen Querschnitt der männlichen Bevölkerung unseres Landes abbilden».

Dass die meisten Probleme mit dem Strich hausgemacht sind, werde in den Medien gerne ignoriert: «Sexarbeit wird oft als etwas ‹Niederes› und ‹Fremdes›, das von aussen kommt, dargestellt», sagt Derungs. Die Pressebilder blenden die Präsenz von Freiern meist gänzlich aus und verschleiern damit, «dass ganz offensichtlich eine Nachfrage besteht».

Strich ist nicht gleich Strassenstrich

Auch der Fokus auf den Strassenstrich findet Derungs verfehlt: «Der Strassenstrich am Sihlquai ist der Sichtbarste - die Bilder beschränken sich darauf.» Dabei gehe vergessen, dass Sexarbeit zum grössten Teil diskret und unbemerkt in Bordellen, Kontaktbars, Saunaclubs, Privatwohnungen oder in Hotels stattfindet.

Mit dem Podium wolle man Medienschaffende und die Öffentlichkeit für die Auswirkungen, die die stereotypisierenden Bilder hätten, sensibilisieren, sagt Winkler. «Viele Journalisten sind sich wohl gar nicht bewusst, was sie durch Bild- und Wortwahl bewirken können», vermutet sie. Und sie räumt auch ein, dass knappe Ressourcen es erschwerten, Zusammenhänge und Hintergründe ganzheitlich zu beleuchten.

Trotzdem hofft sie, dass eine Diskussion der medialen Darstellung von Sexarbeit das Bewusstsein der Medienschaffenden schärfen könne: «Natürlich wäre es schön, wenn wir damit die Chefredaktionen erreichen könnten, sodass eine differenziertere Berichterstattung möglich wäre.»