Frühlingserwachen
Das milde Wetter lockt viel Volk ans Zürcher Seebecken – mit Abstand, wenn möglich

Wegen Corona erklärte die Stadt Zürich vor einem Jahr das Seebecken zur Sperrzone. Jetzt sind die Fallzahlen höher, doch die Massen strömen wieder an den See.

Matthias Scharrer
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Am Zürcher Utoquai wird Abstand halten manchmal schwierig.
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Beim Hafen Enge dient die Ufermauer als Mittagstisch.
Die Schlange vor dem Kiosk beim Hafen Enge reisst zur Mittagszeit nie ab.
Auf den Bänken am Utoquai verteilen sich die Sonnenanbeter in gleichmässigen Abständen.
Ein Glacestand am Utoquai wartet mit einem sinnigen Spruch auf.
Blatterwiese: Auch hier verteilen sich die Grüppchen coronakonform.
Ein Pärchen geniesst die Mittagssonne unter einem frisch erblühten Baum.

Am Zürcher Utoquai wird Abstand halten manchmal schwierig.

Matthias Scharrer

Die Schlange vor dem Kiosk beim Hafen Enge reisst in der Mittagsstunde nicht ab. Es locken Genüsse, die in Coronazeiten schon fast frivol wirken: Auswärts essen an schönster Zürichsee-Lage! Die Bänke und Mauern an der Zürcher Seepromenade sind gut besetzt. Doch Gedränge herrscht nicht: Die Gruppen halten Abstand, auch in der Schlange der Hungrigen, die durch gelbe Klebeband-Streifen am Boden getaktet ist.

Ein paar Schritte weiter, auf dem Kiesstrand bei der Rentenanstaltwiese, hat sich eine rund 20-köpfige Gruppe Jugendlicher versammelt. Sie stossen mit Bier an, aus Boxen klingt Musik. Manche tänzeln im Takt dazu. Als der Reporter die Kamera zückt, haut die Hälfte der Gruppe schnell ab.

Am Utoquai nimmt die Menschendichte zu: Nahe der Quaibrücke ist die Menschenreihe auf den Uferbänken fast lückenlos. Und auf der Flaniermeile Richtung Zürichhorn kommt man sich öfter mal näher. Doch selbst hier fällt auf: Die meisten Leute verteilen sich, so gut es jeweils geht.

Eine Sperrung wie vor einem Jahr geht jetzt nicht

Vor einem Jahr sperrte die Stadt Zürich die Seeuferanlagen und Teile des Limmatufers wegen Corona noch ab. «Bleiben Sie zu Hause», lautete damals die Devise. Der Bundesrat hatte die ausserordentliche Lage gemäss Epidemiengesetz ausgerufen.

Jetzt sind zwar die Coronafallzahlen höher als damals. Doch statt der «ausserordentlichen Lage» herrscht «besondere Lage». Um Teile des öffentlichen Raums zu sperren, gäbe es in der «besonderen Lage» anders als in der «ausserordentlichen Lage» gar keine Rechtsgrundlage, erklärt ein Sprecher des Stadtzürcher Sicherheitsdepartements.

Abstand halten und, wo dies nicht möglich ist, Maske tragen, ist nun die behördliche Vorgabe. Zudem habe sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass Sperrungen stark frequentierter Orte nur zusätzliche Menschenmengen andernorts zur Folge hätten, so der Departementssprecher weiter.

So tummeln sich die Menschen nun wieder am See, wobei das Getümmel an schönen Wochenenden zuweilen grenzwertig dicht wird. «Wir haben seit Wochen die Polizeipräsenz am Seeufer erhöht», sagt Judith Hödl, Sprecherin der Stadtpolizei Zürich, «insbesondere an den Abenden am Wochenende, wenn viele Jugendliche und junge Erwachsene unterwegs sind.»

Nachdem im Februar ein Streit zu einem Verletzten mit Stichwunden geführt hatte, führte die Polizei ab 5. März Videoüberwachungen am Utoquai, Sechseläuten- und Stadelhofenplatz ein, vorerst für einen Monat. Ob diese Massnahme verlängert werde, entscheide der Kommandant nach Ostern, so die Polizeisprecherin. Seither seien jedenfalls keine Gewalttaten mehr aus diesem Gebiet angezeigt worden.

Wenn es zu eng wird, sucht die Polizei das Gespräch

Und wie stehts mit dem Versammlungsverbot? Noch immer gilt wegen Corona die Regel, dass draussen Versammlungen mit mehr als 15 Personen verboten sind. Am Zürcher Seeufer kommen jedoch bei schönem Wetter Hunderte, wenn nicht Tausende von Menschen zusammen.

«Es ist nicht verboten, aus dem Haus zu gehen», sagt die Polizeisprecherin. Wenn es zu grosse Ansammlungen mit zu geringen Abständen gebe, suche die Polizei das Gespräch: «Da ist gesunder Menschenverstand gefragt.»

Laut Bundesrat gilt an stark frequentierten Orten auch draussen Maskenpflicht. Wer diese an ÖV-Haltestellen verletzt, kann gebüsst werden. Anders sieht es im nicht so klar eingegrenzten öffentlichen Raum aus: Es gebe keine Strafnorm, um unmaskierte Spaziergänger am See zu büssen, sagt die Polizeisprecherin.

Menschenverstand, Masken und Abstand sind also das Motto dieser Tage. Die Lebensfreude sollte dabei jedoch nicht draufgehen. Oder, in den Worten, die ein Glacehändler in seinem Stand am See an die Wand gehängt hat: «Verändere diese Welt mit deinem Lächeln! Lass nicht diese Welt dein Lächeln verändern!»