Leichen werden im Krematorium Sihlfeld schon lange nicht mehr verbrannt. Der eindrückliche Bau auf Zürichs grösstem Friedhof dient normalerweise als Abdankungshalle. Am Samstag und in der kommenden Woche wird das älteste Krematorium der Schweiz auch zur Theaterbühne.

Im Rahmen der Langen Nacht der Zürcher Museen spielt die Berner Gruppe «theaterelch» in der Krematoriumshalle «Der Ackermann aus Böhmen». Das mittelalterliche Stück wird als einstündiger Dialog eines Witwers mit dem Tod inszeniert.

Ebenfalls auf dem Friedhofsareal findet zur Geisterstunde dann eine Grusellesung statt: Der Schauspieler Gian Rupf liest Texte von Ágota Kristóf, Edgar Allan Poe und den Brüdern Grimm. Bei Regen ist die Lesung in den Räumen des Zürcher Friedhof Forums am Eingang des Friedhofs Sihlfeld vorgesehen; bei trockenem Wetter draussen auf dem Friedhofsareal.

Ein Friedhof als Kulturschauplatz – das ist zumindest ungewöhnlich. Nicht so für Christine Süssmann vom Friedhof Forum: «Der Tod ist ein hochgradig kulturelles Thema, das in der Literatur oder Kunst seit je her präsent ist», sagt die Mitveranstalterin der Langen Nacht auf dem Friedhof. Und fügt an: «Natürlich ist ein Friedhof primär ein Ort, wo die Verstorbenen zur Ruhe kommen und die Hinterbliebenen ihrer gedenken. Er kann aber auch ein Ort sein, wo man sich anderweitig mit dem Tod auseinandersetzt.»

Dieser Aufgabe widmet sich das Friedhof Forum seit seiner Gründung vor einem Jahr. Aktuell ist in seinen Räumen die Ausstellung über den «Arbeiterkaiser» August Bebel zu sehen. Der Gründervater der deutschen Sozialdemokratie ist einer von vielen prominenten Toten auf dem Friedhof Sihlfeld. Die Ausstellung ist während der Museumsnacht am Samstag ab 19 Uhr geöffnet.

Friedhofsruhe bleibe gewahrt

Dass die Friedhofsruhe durch Veranstaltungstrubel gestört wird, ist laut Süssmann nicht zu befürchten: «Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Leute sehr wohl wissen, wie sie sich auf einem Friedhof verhalten müssen.» Der Friedhof Hörnli in Basel beteilige sich schon seit Jahren an der örtlichen Museumsnacht. Und in Zürich habe es in der jüngeren Vergangenheit bereits auf dem Friedhof Enzenbühl Theateraufführungen gegeben.

Bei der nächtlichen Grusellesung am Samstag werde die Friedhofsruhe durch den Verzicht auf Mikrofone gewahrt. «Zudem findet sie nach Mitternacht statt, wenn keine Trauernden auf dem Friedhof sind», so Süssmann weiter.

Grabesstille ist auf dem Friedhof Sihlfeld ohnehin nicht die Norm. Mit 28,5 Hektaren ist er die grösste zusammenhängende Grünfläche Zürichs. Tagsüber wird er von vielen Spaziergängern als Erholungsraum genützt.

Theater «Der Ackermann aus Böhmen», Samstag, 20.30 und 23 Uhr, Altes Krematorium Sihlfeld, Eingang Friedhof Sihlfeld D. Weitere Aufführungen nächsten Di, Do und Fr um 20.30 h. Grusellesung mit Gian Rupf, Sa, 0.30 Uhr, Treffpunkt: Friedhof Forum, Friedhof Sihlfeld, Aemtlerstr. 149, Zürich.