Freitag-Brüder
Freitag-Brüder: «Wir versuchen, professionelle Bastler zu bleiben»

Mit ihren Freitag-Taschen aus alten Lastwagen-Blachen sind die Brüder Daniel und Markus Freitag weltweit präsent - und jetzt auch in Zürich museumsreif. Im Interview erinnern sie sich an ihre Anfänge - und reden über ihre Zukunft.

Matthias Scharrer
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Der erste Prototyp einer Freitag-Tasche
7 Bilder
1996 Markus Freitag näht noch selbst
Produktentwicklung in Zürich-Oerlikon
Die Freitag-Brüder beim Truckspotting.
Freitag-Turm an der Geroldstrasse in Zürich
Die Freitagbrüder fischen beim Museum für Gestaltung
Freitag-Taschen

Der erste Prototyp einer Freitag-Tasche

(zvg zhdk)

In den frühen 1990er-Jahren begannen die Zürcher Brüder Daniel und Markus Freitag, aus Recycling-Materialien Taschen für sich und ihre Freunde zu nähen. Heute zählt ihr Unternehmen 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und hat eigene Verkaufsläden in Zürich, Davos, Hamburg, Köln, Berlin, Wien, New York und Tokio.

Die aus gebrauchter Lastwagen-Blache gefertigte Freitag-Tasche ist längst im Museum of Modern Arts in New York ausgestellt. Ab heute läuft die erste grössere Ausstellung über das Phänomen Freitag - im Museum für Gestaltung in Zürich. In der dazu gehörenden Schule für Gestaltung hatten die Freitag-Brüder einst ihr Handwerk gelernt. Im Interview erinnern sie sich an ihre Anfänge - und reden über ihre Zukunft.

Als Sie 1993 die erste Freitag-Tasche auf den Markt brachten, lieferten Sie damit die Grundausstattung für Zürcher Szenegänger. War das Absicht?

Daniel Freitag: Wir machten die Tasche für uns und unsere Freunde im Umfeld der Schule für Gestaltung.

Markus Freitag: Schon bald zeigte sich das Potenzial, damit Leute mit einer bestimmten Lebenseinstellung zu beschreiben. Wenn eine neue Bar eröffnet wurde oder in Konzertkritiken hiess es oft: Es waren viele Freitagtaschenträger da.

Was haben Freitagtaschenträger für eine Lebenseinstellung?

Daniel Freitag: Sie sind bewusste Konsumenten. Sie kaufen nicht per Zufall, sondern kennen die Argumente, die hinter unseren Produkten stehen.

Wollen sie nicht einfach etwas Coolness kaufen?

Markus Freitag: Das kann auch sein. Aber solche Leute kaufen in der Regel nicht eine Tasche für 200 Franken, die 15 Jahre hält, sondern ein Produkt, das sie ein paar Monate tragen - und dann kommt das nächste.

Daniel Freitag: Die Ausstellungs-Kuratorin Renate Menzi wies uns darauf hin, dass die Kommunikation über unsere Produkte und die Art, wie sie auf der Strasse getragen werden, relativ konsistent sind.

Jetzt sind Sie mit Ihren Produkten museumsreif. Was geht Ihnen dabei durch den Kopf?

Ausstellung

Freitag-Taschen gibt es kaum zu sehen in der Ausstellung «Freitag - Out of the Bag», die gestern im Zürcher Museum für Gestaltung eröffnet wurde. Lediglich der erste Prototyp einer Freitag-Tasche sowie einige Freitag-Damentaschen, die nie auf den Markt kamen, sind ausgestellt.

Dafür bietet die Ausstellung Einblicke in die raffinierte Vermarktung des Zürcher Design-Produkts, das in den letzten 19 Jahren um die Welt ging. Ausstellungskuratorin Renate Menzi wertete vier Kellerräume voller Archivmaterial aus, wie sie gestern beim Medienrundgang sagte.

Sie förderte dabei Filmaufnahmen und Fotos zutage, baute Facebook-Seiten von Freitag-Fans in Ausstellungsvitrinen aus Leinwand nach und veröffentlicht ein Handbuch, das die Freitag-Prinzipien in wenigen Worten zusammenfasst: urban und etwas abgefuckt, intelligent und rekontextualisierend sind einige davon.

Zudem zeigt sie, wie Freitag-Läden weltweit ähnlich aufgebaut werden. Ausserdem lässt sich jeweils mittwochs vor Ort die Produktion von Freitag-Taschen live beobachten. Die Ausstellung dauert bis 29. Juli. (mts)

Daniel Freitag: Schön, dass Freitag als Beispiel gezeigt werden kann, und zwar an der Schule für Gestaltung, wo Designer ausgebildet werden.

Markus Freitag: Freitag hat einen Inhalt, den man vermitteln kann. Vor einigen Jahren hielten wir Vorträge in Indien. Wenn 50 Designer in Indien unsere Ideen verstehen und anwenden, ist der Impact riesig.

Freitag ist heute global tätig. Wie hat das Ihre Arbeit verändert?

Daniel Freitag: Eigentlich hat sich die Arbeit nur schwach verändert. Aber die Produkte werden unterschiedlich wahrgenommen. In Japan hat der Aspekt der Individualität einen hohen Stellenwert, während in Deutschland vielleicht eher ökologische Werte zählen.

Sie jetzt sind nicht mehr einfach Szeni, die sich eine Tasche basteln.

Daniel Freitag: Wir versuchen, professionelle Bastler zu bleiben und das unseren Mitarbeitern mit auf den Weg zu geben: Dass man über die Arbeit an Prototypen ohne Bürokratie zu guten Lösungen kommt.

Trotzdem: Sie sind Unternehmer geworden und haben 130 Mitarbeiter.

Markus Freitag: Wir haben schon früh eine Unternehmensleitung eingesetzt und uns immer wieder in den Kreationsbereich zurückgezogen. Die Geschäftsleitung funktioniert ohne uns - ausser in der Design-Abteilung.

Dort haben Sie das letzte Wort?

Markus Freitag: Im Prinzip schon.

Daniel Freitag: Wir arbeiten konzeptionell mit unseren Designern zusammen.

Markus Freitag: Und wir haben Tools entwickelt, mit denen unsere Ideen etwa bei Shop-Eröffnungen zur Geltung kommen, ohne dass man uns extra fragen muss. Zum Beispiel, dass es dann wenn möglich Bier einer lokalen Brauerei gibt.

Sie sind beide über 40, Familienväter und erfolgreiche Unternehmer. Was für Ziele haben Sie noch?

Markus Freitag: Sich treu zu bleiben. Das ist vielleicht unser Erfolgsrezept. Wir eröffneten den Shop in Davos, um einen Grund zu haben, über die Nebelgrenze zu fahren. Vielleicht machen wir ein zweites Atelier nebst dem in Zürich Oerlikon, an einem anderen Ort, am Strand oder in den Bergen.

Daniel Freitag: In den letzten 20 Jahren haben meine Ideen unter dem Dach von Freitag Platz gefunden. Wäre schön, wenn das so bleibt. Wenn man für sich selber arbeiten kann, fühlt sichs authentisch an.

Markus Freitag: Und ich möchte immer noch Velo fahren in 20 Jahren.