An'Nur-Prozess
Freispruch oder Ausschaffung? Die Fakten zum Islamisten-Prozess nach 4 Verhandlungstagen

Was ist am Tatabend in der berüchtigten An’Nur-Moschee passiert: Gewalteskalation oder bloss verbaler Disput? Der Hauptteil der Gerichtsverhandlung ist nach vier Tagen beendet. Die wichtigsten Punkte in der Übersicht.

Jigme Garne
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Blick auf den Eingang des Winterthurer Bezirksgericht, aufgenommen am Montag, 1. Oktober 2018 in Winterthur. Zehn Hauptakteure eines Uebergriffs vom November 2016 in der An'Nur-Moschee muessen sich heute vor Gericht stellen. (Archiv)

Blick auf den Eingang des Winterthurer Bezirksgericht, aufgenommen am Montag, 1. Oktober 2018 in Winterthur. Zehn Hauptakteure eines Uebergriffs vom November 2016 in der An'Nur-Moschee muessen sich heute vor Gericht stellen. (Archiv)

ENNIO LEANZA

Am Donnerstag, dem vierten Tag im An’Nur-Prozess am Winterthurer Bezirksgericht, hatten Anklage und Verteidigung ein letztes Mal Gelegenheit, die Richter für ihre Sache zu gewinnen. Damit ist die Hauptverhandlung vorerst beendet, das Urteil wird am 23. Oktober eröffnet. Was bleibt aus dem Prozess?

Darum gehts:

In einem Akt der Selbstjustiz sollen die zehn Beschuldigten zwei Männer eingesperrt, geschlagen und mit dem Tode bedroht haben. Die Opfer waren als Informanten eines Journalisten enttarnt worden. Die Gewalteskalation trug sich laut Anklage im November 2016 in der berüchtigten, inzwischen geschlossenen An’Nur-Moschee zu.

Ein Angeschuldigter verlässt das Gerichtsgebäude.
18 Bilder
Stimmen zum Urteil.
Auftritt der Anwältinnen.
Verstecken vor der Öffentlichkeit.
Verstecken vor der Öffentlichkeit.
Angeklagter verlässt das Gericht.
Verstecken vor der Öffentlichkeit.
Die Angeklagten sitzen im Winterthurer Bezirksgericht. Ihnen wird vorgeworfen, im November 2016 zwei Gläubige eingesperrt und verprügelt zu haben.
Zehn Männer aus dem Umfeld der Winterthurer An'Nur-Moschee sind verhaftet worden - sie sollen zwei Glaubensbrüder angegriffen haben.
Prozess An'Nur-Moschee
Zehn Männer aus dem Umfeld der Winterthurer An'Nur-Moschee sind verhaftet worden - sie sollen zwei Glaubensbrüder angegriffen haben.
Zehn Männer aus dem Umfeld der Winterthurer An'Nur-Moschee sind verhaftet worden - sie sollen zwei Glaubensbrüder angegriffen haben.
Zehn Männer aus dem Umfeld der Winterthurer An'Nur-Moschee sind verhaftet worden - sie sollen zwei Glaubensbrüder angegriffen haben.
Zehn Männer aus dem Umfeld der Winterthurer An'Nur-Moschee sind verhaftet worden - sie sollen zwei Glaubensbrüder angegriffen haben.
Polizei-Razzia in der An’Nur-Moschee in Winterthur am 2. November 2016
Polizei-Razzia in der An’Nur-Moschee in Winterthur am 2. November 2016
Polizei-Razzia in der An’Nur-Moschee in Winterthur am 2. November 2016
Polizei-Razzia in der An’Nur-Moschee in Winterthur am 2. November 2016

Ein Angeschuldigter verlässt das Gerichtsgebäude.

Keystone

Staatsanwältin will ein Exempel statuieren:

Die Staatsanwaltschaft hält an der Anklageschrift fest und fordert teilbedingte Freiheitsstrafen von 30 bis 36 Monaten für die neun erwachsenen Beschuldigten, in vier Fällen verbunden mit Landesverweisen. Die vorgeworfenen Straftatbestände lauten Freiheitsberaubung, Körperverletzung, Nötigung und mehr. Es sei unglaublich, dass sich Szenen wie aus einem Mafiafilm in einem Rechtsstaat abspielen können, sagte eine Staatsanwältin. Mit dem Prozess sei nun ein klares Zeichen gegen die Aushöhlung des Rechtsstaats zu setzen. «In der Schweiz hat es keinen Raum für Schattengesellschaften.»

Beschuldigte streiten alles ab:

Man habe bloss einen Spitzel und dessen Komplizen entdeckt und sie zur Rede gestellt, so die Version der acht jungen Beschuldigten. Auch die angeklagten Leitfiguren der Moschee, die zum Tatzeitpunkt als Imam und als Präsident fungierten, bekennen sich vor Gericht zu nichts: Es stimme nicht, dass sie von den Privatklägern unter Gewaltandrohung ein Geständnis erpresst hätten. Sie hätten ein normales Gespräch geführt. Die Verteidiger fordern Freisprüche in allen wesentlichen Punkten und Entschädigungen sowie Genugtuung. Ein Angeklagter gibt einzig zu, dass er das Hauptopfer beschimpft und angespuckt hat.

Die Jugendgruppe tritt erstmals öffentlich in Erscheinung:

Die acht jungen Beschuldigten wurden zum Tatzeitpunkt einer inoffiziellen radikalgläubigen An’Nur-Jugendgruppe zugerechnet. Heute pflegen sie nach eigenen Angaben nur noch losen Kontakt miteinander. Sein Mandant sei ein normaler Muslim und kein Extremist, sagte ein Verteidiger. Vor Gericht erschienen einige der jungen Männer zwischen 20 und 26 mit Merkmalen, die zu Salafisten passten: der Bart mit rasierter Oberlippe, die Hosen enden oberhalb der Fussknöchel. Dass sich sämtliche Angeklagten von Männern verteidigen lassen, mag Zufall sein, fällt aber auf, da die Staats- und die Jugendstaatsanwaltschaft von vier Frauen vertreten werden.

Diese Beweise liegen vor:

Die Staatsanwaltschaft beruft sich zunächst auf zwei Tonbandaufnahmen: Auf diesen sei zu hören, wie den Opfern ihr Geständnis vordiktiert wird. Von der Entstehungssituation existiert auch ein Foto. Weiter liegt ein Hilferuf per SMS an einen Polizisten vor («Sie wollen meinen Freund umbringen») sowie Einsatzberichte der später ausgerückten Polizisten. Ärztliche Gutachten attestieren bei beiden Opfern psychische Folgeschäden vom Angriff.

Ein politischer Prozess?

Die Verteidiger werfen der Staatsanwaltschaft vor, voreingenommen zu sein. Leitende Staatsanwältin im Prozess ist Susanne Steinhauser. Sie brachte im November 2017 einen anderen Imam der An’Nur-Moschee vor Gericht: Er wurde wegen Aufrufs zu Gewalt verurteilt und des Landes verwiesen. Nun habe sich Steinhauser im Kampf gegen die Moschee von den Medien instrumentalisieren lassen, so der Vorwurf an sie.

Die Rolle der Medien:

Die Verteidiger beklagten sich mehrfach und ausführlich über die «mediale Hetzkampagne» gegen die An’Nur-Moschee und deren Anhänger, allen voran durch den Islamismus-Experten und Journalisten Kurt Pelda. Wegen der Medienberichte sei die Stimmung am Tatabend derart «aufgeheizt» gewesen, deshalb seien die Beschuldigten so wütend geworden, als sie die Spitzel enttarnt hatten.

Die Zehnernote:

Der befremdlichste Punkt aus der Anklage war der, wonach das Hauptopfer unter Zwang eine Zehnernote schlucken musste. Vorgeworfen wird dies einem heute 22-jährigen Mazedonier. Gemäss diesem hat diese Episode nicht stattgefunden: «Ich bin doch kein Psychopath oder so!» In Wahrheit habe er sein Gegenüber bloss gefragt, wie es sich doch nur hatte für Geld verkaufen können.

Dünne Anklage?

Die Verteidigung wirft der Staatsanwaltschaft vor, ihre Anklage stütze sich einzig auf Aussagen der beiden Geschädigten. Diese seien aber widersprüchlich.

Täter-Opfer-Umkehr:

In ihren über zehn Stunden Plädoyers kam die Verteidigung oft auf den Journalisten Pelda zu sprechen. Er habe die Geschädigten bezahlt, um in der Moschee zu spionieren. Damit stützen die Verteidiger ihre Theorie, wonach die Spitzel nach ihrem Auffliegen befürchteten, künftig kein Geld mehr von Pelda zu erhalten. Da dessen erklärtes Ziel die Schliessung der Moschee gewesen sei, hätten sie sich den Angriff ausgedacht. Der Vertreter der Geschädigten erwiderte darauf verärgert, hier würden die Opfer zu Tätern gemacht. Pelda selbst wurde vom Gericht nicht befragt.

Der junge Schläger:

Über einschlägige Vorstrafen der Beschuldigten ist nichts bekannt. Die Ausnahme ist ein heute 22-jähriger Türke: Ihm wurde 2013 vorgeworfen, mit seinem Bruder und einem weiteren Täter in Winterthur willkürlich einen Fremden krankenhausreif geprügelt zu haben. Sein Bruder forderte vor Gericht die Einführung der Scharia und kam wegen Raufhandels ins Gefängnis. Das Verfahren gegen den heute 22-Jährigen wurde von der Jugendstaatsanwaltschaft geführt, weshalb der Ausgang nicht bekannt ist. Im aktuellen Prozess wurde es nicht erwähnt.

Möglicher Verstoss gegen das IS-Gesetz:

Beim aktuellen Fall handelt es sich um keinen Terrorprozess. Auf beschlagnahmten Smartphones fanden die Ermittler allerdings fragwürdiges Bild- und Videomaterial, das auf Sympathien für den Islamischen Staat hindeutet. Die Staatsanwaltschaft hat einen Fall wegen möglichen Verstosses gegen das IS-Gesetz an die Bundesanwaltschaft weitergeleitet.