Freispruch nach Schüssen auf Afrikaner

Elf Schüsse feuerte ein Polizist in Zürich auf einen Äthiopier ab, der im Wahn ihn und seine Kollegen mit einem Messer attackierte.

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Der Mann war nicht zu stoppen. Mehrere Aufforderungen, er solle das Fleischmesser mit der rund 25 Zentimeter langen Klinge auf den Boden legen, fruchteten nichts. Der Äthiopier ging unbeirrt auf die Polizisten zu. «Kill me, kill me!», rief er dabei. Auch als die Polizisten auf den Angreifer schossen, liess er nicht ab. 13 Schüsse fielen insgesamt. Sechs trafen den Mann und verletzten ihn lebensgefährlich.

Der Vorfall ereignete sich vor viereinhalb Jahren. Eine Patrouille der Stadtpolizei war damals auf den 42-Jährigen aufmerksam geworden, wie er frühmorgens mit dem Messer durch Zürich Wiedikon ging, und forderte Verstärkung an. Der Afrikaner litt, wie sich später herausstellte, unter einer schizophrenen Psychose. Das Gericht stufte ihn deshalb als schuldunfähig ein und sprach ihn vom Vorwurf der versuchten schweren Körperverletzung frei.

Vorwurf: Versuchte Tötung

Für einen der fünf Polizisten hatte der Vorfall hingegen ein Nachspiel. Er hatte elf der 13 Schüsse abgefeuert. Nun stand er vor dem Bezirksgericht Zürich. Der Staatsanwalt klagte ihn wegen versuchter Tötung an. Und: Er forderte einen Freispruch. Das mag überraschend klingen, lässt sich aber damit erklären, dass der Staatsanwalt schon früher zur Einschätzung gekommen war, dass es sich um Notwehr gehandelt hatte. Aus diesem Grund stellte er die Strafuntersuchung ein. Das Bundesgericht jedoch ordnete ein Strafverfahren an, nachdem das Opfer erfolgreich rekurriert hatte. Das oberste Gericht zog in Zweifel, ob Notwehr alle elf abgefeuerten Schüsse rechtfertige. Ein Gericht müsse die Beweislage prüfen.

Dies ist nun geschehen. Der Beschuldigte, der noch heute bei der Stadtpolizei arbeitet, wurde nochmals zum Vorfall befragt. Egal ob Zurufen oder Schüsse – der Angreifer habe zu keinem Zeitpunkt irgendeine Reaktion gezeigt, sagte der heute 33-jährige Polizist. «Ich bekam Angst – und ich geriet in einen riesigen Stress.»

An die ersten Schüsse könne er sich erinnern, und auch an die letzten, die er abgegeben hatte. Da lag er bereits am Boden, der Angreifer war über ihm. Ganz sicher habe er aber nicht von hinten auf den Äthiopier geschossen, als dieser davonrannte, wie dies behauptet worden sei.

Lückenhafte Erinnerungen

Der Richter wollte daraufhin vom Polizisten wissen, weshalb der Mann dann Einschusslöcher im Rücken hatte. Und wieso der Beschuldigte, der sich als guter Schütze bezeichnet, elf Schüsse abgegeben habe, von denen so viele das Ziel verfehlten. Eine Erklärung hatte der Polizist nicht. An die entscheidende Situation könne er sich nicht erinnern.

Bei seine Kollegen verhielt es sich ähnlich, was den Anwalt des Äthiopiers argwöhnisch machte. Der «code of silence» werde hier lehrbuchmässig eingehalten, sagte er. Die Polizisten hätten sich abgesprochen und würden allesamt Erinnerungslücken geltend machen. Aber: «Polizeiliche Gewalt kann rechtswidrig sein, das belegen die aktuellen Beispiele in den USA. 13 Schüsse wurden abgegeben: Das zeigt, dass hier einiges schiefgelaufen sein muss.»

Staatsanwalt und Verteidigung waren nicht dieser Ansicht. Während des Gerangels könnte es zu Körperstellungen gekommen sein, welche die Schüsse in den Rücken erklären könnten, sagten sie. Der Verteidiger betonte zudem: «Mein Mandant hatte Todesangst.» Ebenso warnte er vor zu schnellen Schlüssen im Kontext der Anti-Rassismus-Proteste. «Polizei schiesst auf dunkelhäutigen Menschen» – so einfach sei es eben nicht.

Das Bezirksgericht sprach den Beschuldigten frei. Es habe sich um eine «absolute Ausnahmesituation» gehandelt, «in der jeder überfordert gewesen wäre», sagte der Richter. Er ging aber davon aus, dass der Polizist nicht auf einen Fliehenden geschossen habe. «Seine innere Einstellung hätte in Sekundenschnelle von Verteidigung auf Angriff wechseln müssen. Das kann sich das Gericht schlecht vorstellen.»

Michel Wenzler