Gegenwind aus Medien und Politik ist sich der frühere deutsche Spitzenbeamte gewohnt: Selbst Bundeskanzlerin Angela Merkel liess sich zu einer Buchrezension in Kürzestform hinreissen, als Sarrazins Buch «Deutschland schafft sich ab» 2010 für Kontroversen sorgte: «Nicht hilfreich», lautete ihr Fazit.

Auch sein vor wenigen Wochen erschienenes neues Buch folgt dem bewährten Strickmuster seiner früheren populären Werke: Der Ökonom lässt eine geballte Ladung Statistiken auf seine Leserschaft niederprasseln, interpretiert diese anschliessend und stellt – meist pessimistisch gefärbte – Schlussfolgerungen auf. 

Den Inhalt von «Feindliche Übernahme» fasste Sarrazin am Donnerstag selbst noch einmal zusammen: Islamisch dominierte Länder sowie islamische Minderheiten in westlichen Staaten sind geprägt von unterdurchschnittlicher Bildungs- und Wirtschaftsleistung und einer starken Abneigung gegenüber Anders- und Ungläubigen. Statistisch unbestritten auffällig sind die hohen Geburtenraten, die zu einem starken Bevölkerungswachstum führen.

Knackige Zitate

Die Ursache für all diese Problem ortet Sarrazin direkt im Koran, dessen klare Verhaltensanweisungen von vielen Muslimen befolgt würden. So würden beispielsweise die «in Abhängigkeit und Unbildung gehaltenen Frauen» das starke Bevölkerungswachstum begünstigen. Sarrazins Prognose für die europäischen Länder lautet, dass Muslime dort in den nächsten Jahrzehnten zur Bevölkerungsmehrheit werden könnten.

Während weite Teile des Buches aus trockenen Statistiken und Faktenaufzählungen bestehen, liefert Sarrazins spitze Feder auch immer wieder knackige Zitate, für die es gestern in der Samsung Hall Applaus gab: Der Islam sei beim besten Willen keine Religion des Friedens, sondern eine «Gewaltideologie, die im Gewand einer Religion daherkommt.»

Druck zur Anpassung

Auch die Vorschläge zur Problemlösung stiessen im Publikum hörbar auf Zustimmung: Die Einwanderung aus muslimischen Ländern müsse weitgehend gestoppt, der Druck zur Integration auf bereits in westlichen Ländern lebende Muslime deutlich erhöht werden. «Wir sollten eine Einwanderungspolitik machen wie Kanada, Australien oder China: Wir holen uns von überall her die bestqualifizierten Leute. Armen Ländern sollten wir bei der Entwicklung helfen. Und wer illegal herkommt, kriegt ein gutes Nachtessen und wird wieder nach Hause geschickt.» Aussagen wie diese werden dem SPD-Mitglied Thilo Sarrazin wahrscheinlich in absehbarer Zeit ein drittes Parteiausschluss-Verfahren bescheren. Vor dem SVP- und «Weltwoche»-nahen Publikum gestern Abend gab es Applaus dafür. 

Im Diskussionsteil der Veranstaltung kam aus dem Publikum keine Kritik an Sarrazins Ausführungen. Das «Gipfeltreffen der freien Rede» erinnerte eher an eine Echokammer, wo bestehende Meinungen gegenseitig bestätigt wurden. Bejubelt wurde beispielsweise die Forderung nach einem Kopftuchverbot an Schulen. So soll die Rolle muslimischer Mädchen gestärkt werden. Schliesslich seien es die Frauen, die im Islam unterdrückt würden und daher ein grosses Interesse an Veränderungen der rigiden Ausübung der Religion haben müssten.

Den ersten Platz auf der «Spiegel»-Sachbuch-Bestsellerliste musste Sarrazin übrigens kürzlich abtreten. Ausgerechnet an die Biographie von «Kollegah». Der gläubige Muslim und deutsche Rapper wurde wiederholt mit Antisemitismus-Vorwürfen konfrontiert. Trotzdem wurde er dieses Jahr mit einem «Echo»-Musikpreis ausgezeichnet.