Bei Umweltthemen links, bei Finanz- und Sozialfragen rechts: Für diesen Gegensatz war die GLP-Kantonsratsfraktion bisher bekannt. Sie sei asozial und technokratisch, lautete die Kritik von links. Und die Rechte verschmähte die GLP wegen ihrer grünen Seite. Das hatte unter anderem zur Folge, dass die Partei bei den Regierungswahlen wenig Erfolg hatte, weil ihr die grossen Bündnispartner fehlten.

Die jüngsten Wahlen haben das gesamte Gefüge verändert. Der Bürgerblock von SVP und FDP ist dezimiert. Selbst mit der CVP und den EDU-Leuten gibt es keine Mehrheit mehr. Dafür ist die Linke dank den Grünen erstarkt. Beide Pole benötigen für eine Mehrheit die um 9 auf 23 Sitze erstarkte GLP. Das gibt ihr viel Macht. Fraktionschef Benno Scherrer will sie nutzen, um «austarierten Lösungen» zum Durchbruch zu verhelfen. «Mit Extremlösungen kann man uns jedenfalls nicht ins Boot holen», sagt er.

Frauen politisieren meist linker

Ein zweites Faktum könnte die GLP auch von innen her verändern: der Zuwachs an Frauen. Acht der neun Neugewählten sind Frauen. Sie haben mit zwölf Vertreterinnen nun die Mehrheit in der Fraktion. Gemäss Untersuchungen politisieren Frauen linker als Männer, weil sie generell umweltbewusster und sozialer unterwegs sind. Dieser Befund gilt für alle Parteien.

«Frauen haben vielfältigere Erwerbsbiografien und deshalb oft mehr Verständnis für schwierige Lebenssituationen wie zum Beispiel für alleinstehende Mütter», sagt Andrea Gisler. Die Anwältin und Präsidentin der Zürcher Frauenzentrale gehört zu den neu gewählten GLP-Frauen. Die meisten von ihnen kenne sie persönlich. Mehrere bringen politische Erfahrungen aus Parlamenten und Exekutiven mit. «Sie werden Schwung in die Diskussion bringen», freut sich Gisler. Sie habe sich in der Vergangenheit auch schon über die Haltung der GLP-Fraktion geärgert, gibt sie zu.

Euphorisch tönt es bei der neu gewählten GLP-Co-Parteipräsidentin Corina Gredig: «Die Fraktion wird bunter, vielfältiger und jünger.» Es gebe jetzt mehr Botschafter auch für sozialpolitische Themen, die der GLP schon immer wichtig gewesen seien. Etwa die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie den Elternurlaub.

Kneift die GLP, wenn es kostet?

Eine GLP, die sich sozialpolitisch öffnet? SP-Co-Präsident Andreas Daurù ist skeptisch. «In der letzten Legislatur haben wir im Kantonsrat die Erfahrung gemacht, dass es bei der GLP in sozialen und gesellschaftlichen Fragen immer dann hapert, wenn es etwas kostet.» Er hoffe nun auf den Tatbeweis. «Es würde dem Kanton guttun, wenn in der neuen Legislatur nicht nur Umwelt-, sondern auch sozialpolitische Themen mehrheitsfähig würden.»

Tatsächlich war die GLP in der Vergangenheit oft dabei, wenn SVP und FDP die Schraube in der Sozialhilfe anzogen. Vor vier Jahren unterstützte sie eine (später gescheiterte) Motion, welche die Rechtsverbindlichkeit der Skos-Richtlinien aufheben wollte. Später zog sie bei Vorstössen mit, welche die Rechte von Sozialhilfebezügern einschränkten.

Der Austritt aus der Skos ist bei der GLP kein Thema mehr: «Das kommt für mich auf keinen Fall infrage», sagt Neo-Kantonsrätin Gisler. Auch Gredig verweist auf die zustimmende Vernehmlassungsantwort der GLP zum neuen Sozialhilfegesetz, worin steht, dass die Regierung zur Skos steht. Selbst für den damaligen Motionsmitunterzeichner Cyrill von Planta ist der Skos-Austritt kein Thema mehr. Im damaligen Kontext sei der Vorstoss berechtigt gewesen, immerhin seien dank dem Druck Fehlanreize korrigiert worden. «Das System der Sozialhilfe ist jetzt besser», findet von Planta. «Aber wir sind punktuell immer offen für Verbesserungen, selbst wenn die Linke bei jedem Vorschlag furchtbar hysterisch reagiert.»

Nicht diskutabel sind bei der GLP die jüngsten Vorstösse der SVP, welche die Sozialhilfe einschränken wollen. Darunter die 30-Prozent-Kürzung für alle, um die Bezüger zu disziplinieren. Alles über einen Leisten zu schlagen, gehe nicht, sagt Gisler, die früher Gemeinderätin in Gossau war. Es gelte, jeden Einzelfall anzuschauen. Für sie ist es nicht dasselbe, wenn ein Jugendlicher Sozialhilfe bezieht oder ein 55-Jähriger, der unverschuldet aus dem Erwerbsleben gefallen ist.

Den Unterschied zwischen linker und grünliberaler Sozialpolitik beschreibt Gisler so: «Wir wollen keine Unterstützung mit der Giesskanne, sondern eine bedarfsgerechte.» Bei der GLP sei das Bewusstsein grösser, dass jeder Franken zuerst verdient werden müsse. Die Besitzstandswahrung habe bei linken Parteien mehr Gewicht.

«Wir sind und bleiben eine Mittepartei und wollen keine zweite SP sein», stellt Gredig klar. Nächste Woche trifft sich die neue Fraktion erstmals. Dann kämen die offenen Fragen auf den Tisch. Fraktionschef Scherrer macht sich aber keine Illusionen, was die künftige Einschätzung der politischen Konkurrenz betrifft: «Die SP wird uns weiterhin rechtsbürgerlich schimpfen. Und die FDP wird uns in die linke Ecke stellen wollen.» Das zeige, dass die GLP richtigliege.