Frauen sind die Stars des Sechseläutens 2011 – obwohl auch dieses Jahr wieder viel männliche Prominenz beim Zürcher Frühlingsumzug mitläuft: Die Frauen der Gesellschaft zu Fraumünster ziehen schon eine gute Stunde vor dem Start die Fernsehkameras und Radio-Mikrofone in ihren Bann. «Sächsilüüte isch jetzt au es Fäscht für Eus» singen sie, als sie sich nach dem Mittagessen vor dem Nobelhotel Baur au Lac zum Abmarsch formiert haben.

Den Liedtext hat Schauspielerin Susanne Peter geschrieben, in Anlehnung an ein Lied von Max Rüegger. Peter strahlt. Vor 22 Jahren gehörte sie zu den Gründerinnen der Gesellschaft zu Fraumünster. Jetzt haben sie und ihre Mitstreiterinnen es geschafft: Erstmals ist die «Frauenzunft» offiziell eingeladen, am Sechseläuten-Umzug teilzunehmen. Wir schreiben das Jahr 40 nach Einführung des Frauenstimmrechts, und die letzte grosse Männerdomäne Zürichs ist gefallen.

Mittelalterliche Klosterfrauen

Doch längst nicht alle Zünfter sind glücklich darüber: Ein Zünfter habe scherzhaft gedroht, sie beim Umzug mit Fischen zu bewerfen, erzählt die Hohe Fraumünsterfrau Regula Zweifel, Chefin der «Frauenzunft», kurz vor dem Abmarsch. Sie ist zumindest in einer Hinsicht optimistisch: «Es gibt garantiert einen schönen Sommer, wenn die Gesellschaft zu Fraumünster mitläuft.» Dafür würde nach Zürcher Tradition ein schnelles Explodieren des Wintermännchens namens «Böögg» auf dem Sechseläutenplatz sprechen. Ihr Tipp: «Nach sechs bis sieben Minuten wird der ‹Böögg› den Kopf verlieren.»

Regula Zweifel, Chefin der Frauenzunft, erzählt von ihrem Tag am Sechseläuten

Regula Zweifel, Chefin der Frauenzunft, erzählt von ihrem Tag am Sechseläuten

Dann ist der lokal-folkloristisch historische Moment gekommen: Kurz nach 15 Uhr reiht sich die Gesellschaft zu Fraumünster in den Umzug der Zünfte ein – an zweiter Stelle, gleich nach der Zunft zum Weggen. Zigtausende säumen die Umzugsroute durch die Zürcher Innenstadt. Immer wieder gibts Applaus und Blumen, als die historisch gewandeten Frauen vorbeiziehen. Sie tragen Schleier, wie es sich für die mittelalterlichen Klosterfrauen ziemte, auf die sie sich berufen, gehört.

«Stadtbild ist wieder vollständig»

Knapp zwei Stunden später treffen die Zünfter und die «Frauenzunft» auf dem Sechseläutenplatz ein. Es ist etwas enger als sonst, doch das liegt nicht primär an den Frauen, sondern an der Baustelle fürs Opernhaus-Parking. Die Meinungen unter den Zünftern über die neuen weiblichen Gäste des Umzugs sind geteilt – auch innerhalb einzelner Zünfte: Alfred Eich von der Zunft Oberstrass gibt sich als Gegner der Neuerung zu erkennen. Sein Fazit fällt diplomatisch aus: «Mir sind sie gar nicht aufgefallen.» Sein Zunftkollege Roland Guggisberg entgegnet sogleich: «Es war schon lange störend, dass die Frauen nicht dabei waren.» Jean-Luc Rioult, ebenfalls von der Zunft Oberstrass, doppelt nach: «Jetzt ist das Stadtbild wieder vollständig.»

«Zünfte sind Männervereine»

Ein jüngerer Vertreter der Zunft Hottingen, der lieber nicht namentlich zitiert werden will, meint: «Ich habe keine Mühe damit, dass die Frauen am Umzug dabei sind. Aber wenn sie auch in der Zunftstube dabei wären, hätte ich Mühe.» Ähnlich äussert sich Jürg Türler (80) von der Zunft zum Weggen: «Solange sie nur mitlaufen, ist es in Ordnung. Aber sie versuchen aggressiv, ins Zentralkomitee der Zürcher Zünfte und in die Zünfte aufgenommen zu werden. Es ist gut, wenn sie mitmachen. Aber nicht in den Zünften. Zünfte sind Männervereine.» Ob die Teilnahme der «Frauenzunft» am Sechseläuten-Umzug Zukunft hat, ist noch offen.

Am Ende ist alles wie immer: Der «Böögg» wird auf seinem Scheiterhaufen abgefackelt. Nach 10 Minuten und 56 Sekunden explodiert sein Kopf. Ganz so schön, wie Fraumünsterfrau Regula Zweifel hoffte, wird der Sommer demnach nicht.