Die Katholiken, Reformierten, Juden und Muslime im Kanton Zürich haben unterschiedliche Zeitrechnungen. Das zeigte sich beim Podium am Samstag in der Kirche St. Peter mit dem Titel «Macht Gott einen Unterschied?»

Die Präsidentinnen und Präsidenten von vier Religionsgemeinschaften diskutierten, während eine Frau jeder Gemeinschaft Gedanken einbrachte.

Da die reformierte Kirche das 100-Jahr-Jubiläums der ersten Frauenordination feiert, blickte Tania Oldenhage, reformierte Pfarrerin in Zürich, in ihrem Zwischenruf nochmals 100 Jahre voraus. Über vieles werde man sich dann wundern, etwa die Angst vor einer Feminisierung der Kirche. Auch werde man nicht mehr verstehen, dass Gott in der Bibel mit «HERR», «dem männlichsten aller Substantive», betitelt wurde.

Das allzu männliche Gottesbild ist falsch

Michel Müller, Präsident des reformierten Kirchenrats stellte einen Rückschritt fest, was die Geschlechterfrage betreffe: «Nach der Euphorie der 1980er Jahre hätte ich erwartet, dass wir uns heute der Person zuwenden können statt dem Geschlecht.»

Müller forderte eine neue Phase des Kampfes und warnte zugleich vor einer «Kuschelökumene» mit der katholischen Schwesterkirche: «Es wird nicht gern gesehen, auf Unterschiede hinzuweisen. Wir müssen aber mit den Katholiken darüber reden, dass ihr allzu männliches Gottesbild falsch ist.»

Franziska Driessen-Reding, Präsidentin der katholischen Kirche im Kanton Zürich, gab Müller teilweise recht: «In zehn Jahren können wir nicht mehr dort stehen, wo wir heute sind.» Das Problem sei erkannt: «Von Rom hören wir stets, wir arbeiten daran. Aber es passiert wenig.»

Veränderungen gehen nicht weit genug

Auch Petra Leist, katholische Pfarrbeauftragte in Herrliberg, empörte sich, dass Frauen wie sie, die seit Jahren faktisch als Pfarrerin tätig sei, ignoriert werden. Leist sagte, das System müsse weiblicher werden.

Während sich die katholische Kirche einen Zeithorizont von zehn Jahren gab, blickte Mahmoud El Guindi, Präsident der Vereinigung der Islamischen Organisationen im Kanton Zürich (VIOZ) auf Veränderungen in den letzten zehn Jahren zurück.

Dass heute muslimische Männer und Frauen am interreligiösen Austausch teilnehmen – wenn auch getrennt von einander sitzend – , sei damals noch undenkbar gewesen. Jasmin El-Sonbati, Vertreterin der Offenen Moschee Schweiz gehen die Veränderungen aber nicht weit genug: «In der Schweiz sind die Frauen gleichberechtigt, in den Moscheen sind sie es nicht.»

«Die Stellung der Frau ist in keinem Gesetz festgeschrieben»

El Guindi gab zu bedenken, dass auch die Muslime die Probleme erkannt hätten. Allerdings sei der innermuslimische Dialog zu wenig entwickelt: «Da können wir von den Christen und Juden lernen.»

Weder in der Zukunft, noch in der Vergangenheit, sondern derzeit im Umbruch stehe die Israelitische Cultusgemeinde (ICZ), sagte deren Präsidentin Shella Kertész: «Es bewegt sich etwas.» Von der Gleichstellung sei die ICZ aber noch weit entfernt, sagte das junge Gemeindemitglied Leonie Braunschweig.

Immerhin habe ein früherer Präsident die Trauerriten umgekrempelt, indem er entschied, dass bei seinem Tod, seine Frau das Trauergebet sprechen dürfe. Die Voraussetzungen im Judentum seien günstig, sagte Braunschweig: «Die Stellung der Frau ist in keinem Gesetz festgeschrieben. Es sind Traditionen – und die machen wir selber.»

Beherzte Entscheide sind gefragt

Ein beherzter Entscheid bewirke oft mehr, als Prozesse von oben, fasste die Moderatorin Judith Wipfler zusammen. Sie fragte Müller, ob er bereit sei, sein Amt zugunsten einer Frau zu teilen. Dieser wich aus: «Vielleicht muss ich gezwungen werden, oder es übernimmt eine Frau nach mir.»

Dass die Zeit dränge, betonte Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP) im Schlusswort: «Bei der heutigen Schnelllebigkeit bleibt nicht viel Zeit zur Reform. Sonst gibt es die Religionsgemeinschaften bald nicht mehr.»