Zürich

Frauen, die Musik schreiben: Zürcher Kammerchor präsentiert Werke, die von Komponistinnen stammen

Die Sängerinnen und Sänger des Neuen Zürcher Kammerchors widmen sich Stücken von Komponistinnen.

Weil ihre Namen kaum Eingang in die anerkannte Musikgeschichte finden, präsentiert der Neue Zürcher Kammerchor Musik, die von Frauen komponiert wird.

Der Neue Zürcher Kammerchor zeichnet sich durch eigenwillige Programme aus. So sucht das Ensemble seine Herausforderungen im musikalisch-stilistischen oder sängerisch-technischen. Im jüngsten Programm aber widmet sich der Chor, der seit 2007 von Beat Schäfer dirigiert und geleitet wird, den komponierenden Frauen in der Musik. Wie Schäfer sagt, sei es noch immer nicht überflüssig, wenn der Fokus spezifisch auf das Schaffen von Frauen gelegt werde. Natürlich habe sich die allgemeine Wertschätzung bezüglich der Gleichstellung von Frauen hinsichtlich Bildung und Beruf in den letzten Jahrhunderten verbessert. «Aber es wird noch manche Jahre dauern, bis eine umfassende Gleichstellung in der Gesellschaft sein wird», so Schäfer.

Die Sängerinnen und Sänger des 2017 zum besten Schweizer Chor gekürten Ensembles geben kommenden Sonntag in Erlenbach und eine Woche später in der Zürcher Stadtkirche beim Stauffacher Werke von Komponistinnen zum Besten, die bislang kaum jemand zu hören bekommen hat. «In Fachkreisen sind einige von ihnen sehr bekannt. Andere aber wurden zu ihrer Zeit nur in engstem, privaten Kreise aufgeführt und oft auch nicht publiziert», wie Schäfer zum Programm mit dem Motto «Das Lied der Eva» sagt.

Der Chor, der 2003 von ehemaligen und damals noch aktiven Mitgliedern des Akademischen Chors Zürich gegründet wurde, singt deshalb Werke einer der ersten Komponistinnen, deren Stücke überhaupt gesungen wurden. Es handelt sich dabei um Kompositionen von Hildegard von Bingen, einer deutschen Benediktiner Äbtissin und Komponistin aus dem 12. Jahrhundert. Das Konzertprogramm führt mit Werken der Römerin Maria Rosa Coccia – die zu Zeiten des Komponisten Mozarts wirkte – ins 18. Jahrhundert. Es folgen Werke der aus dem 19. Jahrhundert stammenden Komponistin Fanny Hensel-Mendelssohn – der älteren Schwester des Komponisten Felix Mendelssohn Bartholdy und Enkelin des Philosophen Moses Mendelssohn. Der Bogen des Konzertes des Neuen Zürcher Kammerchors reicht bis in die Gegenwart mit Stücken von Cécile Chaminade und Lilli und Nadja Boulanger. Zwei Programmpunkte umfassen gar Werke, die bislang in der Schweiz noch nie aufgeführt wurden.

Für Frauen verboten

Dass bislang kaum beachtete Komponistinnen vom Zürcher Ensemble in den Fokus gerückt werden, hat Gründe. Kirchliche und gesellschaftliche Normen, die über viele Jahrhunderte von patriarchalen Strukturen geprägt waren, verhinderten laut Schäfer lange Zeit die kreativ-künstlerische Ausbildung von Frauen und deren öffentlichen Auftritt in einer den Männern damals adäquaten Weise. Als Beispiel nennt der Dirigent des Neuen Zürcher Kammerchors denn auch das Musizierverbot für Frauen, das während Jahrhunderten galt. Erst im 18. Jahrhundert wurde es durch den damaligen Papst aufgehoben. Dies ermöglichte der italienischen Komponistin Coccia als eine der ersten Frauen Italiens Zutritt zu den entsprechenden Bibliotheken und ist unter anderem ein Grund dafür, dass ihre Werke auch im liturgischen Kontext aufgeführt sind, wie Schäfer weiss.

Auch in der modernen Genderforschung wird der mangelnden weiblichen Präsenz in der Musik nachgegangen. In den anerkannten Musikgeschichten fehlen Komponistinnennamen weitgehend, wie Paul Henry Lang in seinem Text «Musik im Abendland» bemerkt. Den Begriff «Frauen in der Musik» brachte denn auch die Frauenbewegung in den 1970er-Jahren hervor. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein – und teilweise noch heute – stehen Musikerinnen, Dirigentinnen und Komponistinnen kulturelle Vorurteile und ökonomische Beschränkung gegenüber. Jedoch macht sich in Fachkreisen im gleichen Zeitraum ein Umdenken bei der künstlerischen Freiheit von Frauen bemerkbar.

Generationenwandel steht bevor

Trotzdem ist die Marginalisierung von Frauen in der Musikwelt noch heute vorhanden. So konnte Schäfer für das zusammengestellte Chorprogramm gewisse Musiknoten lediglich bei feministischen Verlagen bestellen. Dennoch habe sich über die Zeit auch einiges getan: «Noch in der Mitte des letzten Jahrhunderts spielten in der Regel nur Männer in den offiziellen Orchestern, heute gibt es im solistischen Bereich Künstlerinnen auf fast allen Instrumenten», sagt Schäfer.

Der Sprecher der Tonhalle-Gesellschaft Zürich, Christian Schwarz, bestätigt dies. Zwar seien Solistinnen in der Musik mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, aber bei Frauen, die ein Orchester leiten würden, bestehe noch Aufholbedarf. So versucht auch das Tonhalle-Orchester Zürich, vermehrt auf Frauen zu setzen. Ein Drittel des Orchesters besteht aus Musikerinnen. «Da eine ganze Generation von sehr alten und sehr berühmten Dirigenten in den nächsten 10 bis 15 Jahren abtreten wird, gibt es sicherlich Raum für neue Karrieren», sagt Schwarz. Gerade deshalb werde das Orchester immer wieder von Frauen dirigiert. Ein Ansatz, der sich laut Schwarz in Zukunft noch verstärken soll. Auch Komponistinnen spielen eine wichtige Rolle in den Konzertprogrammen des Tonhalle-Orchesters. So wurde erst im vergangenen Jahr ein Werk der russischen Komponistin Sofia Gubaidulina in der Schweiz erstaufgeführt.

Den wohl grössten Wandel aber erfuhr die Tonhalle-Gesellschaft 2014: «In unserem Management gab es nach 146 Jahren einen Wechsel. Intendantin Ilona Schmiel ist in der Schweiz die erste Frau, die ein Orchester und ein Konzerthaus managt», so Schwarz weiter. Auch Schäfer sieht die zahlenmässige Ebenbürtigkeit von Frauen in musikalischen Leitungsfunktionen noch nicht erreicht, aber «die Tendenz ist steigend».

Weitere Informationen:

Sonntag, 1. Juli um 11:55 Uhr in der Kulturkirche Erlenbach, Eintritt frei.

Sonntag, 8. Juli um 17 Uhr in der Citykirche Offener St. Jakob in Zürich, Eintritt 30 respektive 20 Franken, Vorverkauf unter: vorverkauf.nzük.ch, Abendkasse ab 16:30 Uhr.

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