Zürcher Hochschulen
Forschungsgelder aus der EU: 85 Millionen Franken stehen auf der Kippe

Nach der Annahme der Masseneinwanderungsinitiative droht der Ausschluss von den Fördertöpfen der EU. Die Zürcher Hochschulen bangen um einen wichtigen Teil ihrer Einnahmen.

Marius Huber
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Der ETH Zürich (links) und der Universität drohen Millionen an Forschungsgeldern zu entgehen.

Der ETH Zürich (links) und der Universität drohen Millionen an Forschungsgeldern zu entgehen.

Keystone

Jede Mutter und jeder Vater hat schon über jenes Wunder gestaunt, dem die Sprachforscherin Sabine Stoll von der Uni Zürich auf den Grund geht: Wie es möglich ist, dass ein Baby jede der 7000 weltweit gesprochenen Sprachen lernen kann, obwohl die Grammatiken unterschiedlicher nicht sein könnten. Um diese Frage zu beantworten, hat Stoll ein grosses Netz an Forschern aufgebaut, die von Südafrika bis in den arktischen Norden die Mechanismen des Spracherwerbs untersuchen. Unterstützt wird das ambitionierte Projekt von der EU, die 2,5 Millionen Franken dazu beiträgt, wie die Uni kürzlich erfreut mitteilte.

Stoll könnte zu den letzten Zürcher Forschern gehören, die an die EU-Fördertöpfe gelangen. Dieser Befürchtung gab gestern Uni-Rektor Michael Hengartner Ausdruck – für den Fall, dass sich bekräftigen sollte, was am Sonntag aus Brüssel zu hören war: dass die weitere Teilnahme der Schweiz am milliardenschweren Forschungsrahmenprogramm der EU vorerst kein Thema mehr sei, weil das Programm mit der Personenfreizügigkeit verknüpft sei.

«Das hätte äusserst negative Auswirkungen auf den Forschungsplatz Zürich», warnt Hengartner. Auch Roland Siegwart, Vizepräsident Forschung und Wirtschaftsbeziehungen an der ETH, fände es «fatal», sollten die Hochschulen wirklich von den Fördertöpfen der EU ausgeschlossen werden. Die Verbände der Zürcher Studierenden reagierten gestern mit Bestürzung.

Zürcher waren sehr erfolgreich

Das europäische Forschungsrahmenprogramm ist die grösste Finanzierungsquelle für Forschungsvorhaben weltweit, sagt Sofia Karakostas, die an der ETH und der Uni Zürich dafür zuständig ist. Ziel ist es, Europa zur globalen Nummer 1 zu machen, was das wissensbasierte Wirtschaftswachstum angeht. Das letzte Programm, das 2007 bis 2013 lief, hatte ein Budget von umgerechnet mehr als 60 Milliarden Franken.

Die überdurchschnittlich erfolgreichen Schweizer Forscher erhielten davon zuletzt jährlich um die 300 Millionen zugesprochen, Tendenz steigend. Zu den grössten Nutzniessern im Land gehörten die Zürcher Hochschulen: Die ETH belegte laut EU-Kommission mit fast 60 Millionen an Fördermitteln im Jahr 2012 den nationalen Spitzenplatz, die Uni Zürich folgte mit fast 30 Millionen auf Rang drei. Die EU-Beiträge machten vier respektive zwei Prozent ihrer gesamten Einnahmen aus.

Das EU-Förderprogramm für die nächsten Jahre, «Horizon 2020», wäre mit 100 Milliarden noch deutlich grosszügiger ausgestattet gewesen. Zwar hätte die Schweiz selbst 4,4 Milliarden dazu beisteuern müssen. Wegen des überdurchschnittlichen Erfolgs der hiesigen Forscher flossen in den letzten Jahren aber für jeden investierten Franken eineinhalb Franken zurück.

Verlust auch von viel Prestige

Das Ausmass des drohenden Verlusts nur am Geld zu bemessen, wäre aber ein Fehler, sagt Antonio Loprieno, Präsident der Rektorenkonferenz der Schweizer Universitäten. Noch schwerer wiege der symbolische Verlust. Denn Fördergeld, das ein Forscher gegen die europaweite Konkurrenz erringt, trägt ihm die härteste aller Währungen in der Welt der Wissenschaft ein: Renommee.

Deshalb wäre es laut Loprieno kein Ersatz, wenn die Schweizer Programmbeiträge künftig direkt an die eigenen Hochschulen gehen würden. Und deshalb fürchtet Uni-Rektor Hengartner um die «internationale Sichtbarkeit unserer Top-Forschung». Das könnte kluge Köpfe aus Zürich vertreiben. An der ETH wie an der Uni hat man die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass die Schweiz mit der EU eine Lösung aushandeln kann. Das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation hat sich an die Aufgabe gemacht und verspricht Ergebnisse bis September. Zur Not wäre als Rückfallposition auch der Zustand von vor zehn Jahren denkbar: Bis dahin nahm die Schweiz als Drittstaat ohne bilaterales Abkommen am EU-Programm teil, wobei ihr allerdings ein Grossteil der Fördertöpfe verschlossen blieb.

Studentenaustausch bedroht

Der Verhandlungsabbruch der EU mit der Schweiz betrifft neben «Horizon 2020» auch das Studentenaustauschprogramm Erasmus, von dem letztes Jahr allein an der Uni Zürich fast 300 Studenten Gebrauch machten. In diesem Fall glauben die Verantwortlichen, dass eine Rückkehr zum früheren Zustand verkraftbar wäre. Schon damals seien Zürcher Austauschstudenten an den meisten europäischen Unis ohne grosse Probleme aufgenommen worden.