Fremdspracheninitiative
Forschungsergebnisse: Was bringt Frühenglisch - und was nicht?

Im Abstimmungskampf zur Fremdspracheninitiative wird oft auf einschlägige Studien verwiesen. Eine Übersicht.

Matthias Scharrer
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Frühenglisch ja oder nein? - In dieser Frage sind sich die bisher durchgeführten Studien nicht einig. (Symbolbild)

Frühenglisch ja oder nein? - In dieser Frage sind sich die bisher durchgeführten Studien nicht einig. (Symbolbild)

Keystone
  • Die Linguistin Simone Pfenninger veröffentlichte 2014 eine viel beachtete Zürcher Langzeitstudie zum Thema Frühenglisch. Resultat: Fremdsprachenunterricht in der Primarschule mit rund zwei Wochenlektionen pro Sprache bringt wenig. Die Unterschiede zwischen Schülern, die Englisch an der Primarschule hatten, und solchen, die kein Frühenglisch hatten, waren am Gymnasium schon nach einem halben Jahr aufgeholt. «Einen Langzeiteffekt von Frühenglisch gibt es nicht», sagte Pfenninger in einem Interview mit dem «Tages-Anzeiger». Generell gelte für den Fremdsprachenunterricht: «Lieber spät und intensiv als lange und halbbatzig.»
  • Ein Nationalfonds-Forschungsprojekt der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz kam unter dem Titel «Frühenglisch – Überforderung oder Chance» 2009 zum Schluss: Frühenglisch hilft beim Erlernen von Französisch. «Bei zwei Jahren vorangehendem Englischunterricht von zwei bis drei Lektionen wöchentlich ist ein positiver Einfluss auf den Französischerwerb nachweisbar», schreibt das Forscherinnenteam um Andrea Haenni Hoti. Der geeignete Lernzeitpunkt beider Fremdsprachen könne aber sowohl früher als auch später als beim gängigen Modell 3/5 (Englisch ab der 3., Französisch ab der 5. Klasse) angesetzt werden. Ein weiteres Resultat der Studie: Mit dem Modell 3/5 werden mehr Schülerinnen und Schüler vom Französisch-Unterricht dispensiert als mit dem Modell 0/5 (nur Französisch ab der 5. Klasse an der Primarschule). «Es wäre deshalb zu prüfen, ob die betreffenden leistungsschwächeren Kinder in Französisch nicht mit individuellen Lernzielen integrativ gefördert werden können», folgert Haenni Hoti.
  • Ernüchternd ist in diesem Zusammenhang der Befund einer 2016 von der Universität und der Pädagogischen Hochschule Freiburg veröffentlichten Studie zur Zentralschweiz: Sie zeigt auf, dass bei zwei Fremdsprachen an der Primarschule zwei Drittel bis die Hälfte der Schülerinnen und Schüler die Französisch-Lernziele Ende der 6. Klasse verfehlten.

«Gemessen an der total aufgewendeten Unterrichtszeit, ist das Verhältnis von Aufwand und Ertrag bei einem frühen Beginn mit dem Englischunterricht eher ungünstig.»

Urs Moser und Nicole Bayer, Institut für Bildungsevaluation, Universität Zürich

  • Die jüngste Studie stammt vom Institut für Bildungsevaluation der Uni Zürich und wurde Ende 2016 fertig. Dabei verglichen Urs Moser und Nicole Bayer die Englisch-Kompetenzen von Aargauer und Solothurner Schülern. Im Aargau wird Englisch ab der 3. Primarklasse als erste Fremdsprache unterrichtet; Französisch folgt ab der 6. Klasse. Solothurner Schüler hatten zum Zeitpunkt der Untersuchung erst ab der 7. Klasse Englisch – als zweite Fremdsprache. Am Ende der obligatorischen Schulzeit konnten die Aargauer Schülerinnen und Schüler besser Englisch als jene aus dem Kanton Solothurn. Doch wer danach weiter zur Schule geht, holt den Unterschied nach maximal einem Jahr auf, schätzen Moser und Bayer. «Gemessen an der total aufgewendeten Unterrichtszeit, ist das Verhältnis von Aufwand und Ertrag bei einem frühen Beginn mit dem Englischunterricht eher ungünstig», heisst es in ihrer Studie. Und: Gleiche Kompetenzen in der ersten und zweiten Fremdsprache, wie dies die Erziehungsdirektorenkonferenz fordert, liessen sich am Ende der obligatorischen Schulzeit kaum erreichen.