Förderprogramm
Mehr Bildung für Erwachsene soll Sozialkosten sparen

140'000 Menschen im Kanton Zürich fehlt es an Grundkompetenzen wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Nun will der Kanton zusammen mit dem Bund Abhilfe schaffen – und dadurch auch Geld sparen.

Matthias Scharrer
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Bildung lohnt sich: Wer lesen und schreiben kann, hat mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt und im Alltagsleben.

Bildung lohnt sich: Wer lesen und schreiben kann, hat mehr Chancen auf dem Arbeitsmarkt und im Alltagsleben.

Bild: Arthur Gamsa

Viele Erwachsene können kaum rechnen, lesen und schreiben. Auch der Umgang mit Computern überfordert sie. Oft fehlt es zudem an Kenntnissen der Landessprache. Laut Zürcher Regierungsrat sind von diesem Mangel an Grundkompetenzen allein im Kanton Zürich 140'000 Menschen betroffen, wovon zwei Drittel hierzulande die Volksschule absolviert haben. Die sozialen Folgekosten beziffert die Regierung auf 224 Millionen Franken pro Jahr.

Nun planen Bund und Kantone eine Bildungsoffensive, um gegen diese Missstände anzukämpfen. Der Zürcher Kantonsrat hat am Montag dafür 14,8 Millionen Franken bewilligt – das sind die Kosten für das sogenannte Programm Grundkompetenzen in der Startphase 2021 bis 2024. Geplant ist, dass der Bund die Hälfte der Kosten übernimmt. Der Beitrag des Kantons würde sich damit in der Startphase auf 7,4 Millionen Franken reduzieren. Später müsste der Kanton laut Regierungsrat jährlich 6,4 Millionen beisteuern.

Kantonsweit sind 16 Lernstuben geplant

Ein Grossteil der Mittel soll in sogenannte Lernstuben fliessen, in denen Erwachsene gratis ihre Grundkompetenzen verbessern können. «Die Lernstuben werden zusammen mit Partnern aus kommunaler Sozialhilfe, gemeinnützigen Vereinen und Stiftungen sowie mit Organisationen der Arbeitsintegration betrieben», hält der Regierungsrat fest.

Für das Programm Grundkompetenzen seien kantonsweit bis zu 16 regionale Lernstuben vorgesehen. Weiter schreibt die Regierung:

«Durch den Betrieb der Lernstuben ist mit einer finanziellen Entlastung der Sozialhilfe zu rechnen.»

In Dübendorf, Kloten und Zürich-Nord haben drei solcher Lernstuben den Betrieb als Pilotprojekte bereits aufgenommen, wie Christoph Ziegler (GLP, Elgg) als Präsident der kantonsrätlichen Bildungskommission sagte. «Sie waren immer ausgebucht», ergänzte Judith Stofer (AL, Zürich).

Ab 2023 will der Regierungsrat das vollständige Programm Grundkompetenzen einführen. In der ersten Phase peile man rund 7000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an, sagte Ziegler. Bestehende Angebote der Erwachsenenbildung sind dabei laut Regierungsrat mit einzubeziehen. Ziel des Programms sei es, dass dessen Teilnehmer anschliessend weiterführende Bildungsangebote bis hin zum Berufsabschluss erreichen können.

FDP scheiterte mit Änderungsvorschlag

Dem Kredit stimmten im Kantonsrat alle Parteien zu. Einzig die FDP hatte einen Änderungsvorschlag: Sie wollte festschreiben, dass bis 2024 mindestens zwei Prozent der 140'000 Menschen mit mangelnden Grundkompetenzen erreicht werden sollen. «Es braucht Abbruchkriterien, wenn man 14,8 Millionen Franken Steuergelder in die Hand nimmt», erklärte Marc Bourgeois (FDP, Zürich).

Doch die FDP blieb mit ihrem Antrag allein. Sie habe nicht erklären können, was geschehen solle, wenn das Zwei-Prozent-Ziel nicht erreicht würde, sagte Rochus Burtscher (SVP, Dietikon). «Um Erfolge im Sinne geringerer Sozialkosten zu erzielen, wird es Geduld brauchen», fügte Karin Fehr (Grüne, Uster) an.

Sie erinnerte daran, dass Grüne, SP und EVP schon vor Jahren ein ähnliches Programm gefordert hatten. Wegen der Leistungsüberprüfung 2016 habe sich die Regierung damals aber davon zurückgezogen. Nun sei eine «Bildungsoffensive für Erwachsene» nötig. «Wir haben es mit einem Problem zu tun, das für eine Wissensgesellschaft von grosser Tragweite ist», so Fehr weiter.

Das Programm Grundkompetenzen komme Menschen zugute, die meist im Niedriglohnsektor arbeiten, falls sie überhaupt Arbeit haben, sagte Bildungsdirektorin Silvia Steiner (CVP). «Wir helfen damit denen, die bis jetzt durch alle Maschen gefallen sind.»