Zürich-Kloten

Flughafenpfarrer: «Gott ist nicht hoch oben zu Hause»

Ohne Wegbeschreibung ist das Flughafenpfarramt von Seelsorger Walter Meier im alltäglichen Gewusel am Check-in 1 vom Flughafen Zürich nur schwer zu finden.  key

Ohne Wegbeschreibung ist das Flughafenpfarramt von Seelsorger Walter Meier im alltäglichen Gewusel am Check-in 1 vom Flughafen Zürich nur schwer zu finden. key

Walter Meier ist Pfarrer am Flughafen Zürich-Kloten. Er kümmert sich dort um Flight Attendants genauso wie um Obdachlose und Passagiere.

Raum 2-126 im Check-in 1 ist kaum zu finden. Wer zum Pfarramt am Flughafen Zürich-Kloten gelangen möchte, muss sich seinen Weg an Reisenden vorbei bahnen, die Schlange stehen, um ihr Gepäck aufzugeben, muss sich vor der Billettkontrolle rechts halten und eine steile Wendeltreppe emporsteigen, um sich dort zwischen Tischen und Stühlen eines asiatischen Schnellrestaurants durchzuschlängeln. Dann, am Ende eines langen Gangs, steht man vor dem Andachtsraum und, ein paar Meter weiter, vor dem Pfarramt. Dort sitzt Walter Meier an seinem Schreibtisch, der 62-jährige Seelsorger, mit seinen zwei Metern Körpergrösse auch sitzend eine beeindruckende Erscheinung. Noch, sagt er, friste das Flughafenpfarramt ein Schattendasein, doch bald sei damit Schluss. «Ab 2016 sind wir an erstklassiger Passantenlage untergebracht, gleich neben dem Zugang zur Zuschauerterrasse.»

In einem Flughafen werde ständig gebaut, das sei eine permanente Baustelle. Der gegenwärtige Standort sei denn auch ein grosses Manko, weil es an Laufkundschaft fehle. Sinnbildlich aber sei die wegen Umbauarbeiten so versteckte Lage gar nicht unpassend. «Unser Leben ist doch auch eineinziges Provisorium.»

Seit 1997 ist Meier reformierter Seelsorger im ökumenisch geführten Flughafenpfarramt. Vor einem Jahr hat er seine Erlebnisse in einem Büchlein herausgegeben, das kürzlich in zweiter Auflage erschienen ist. Meiers Geschichten sind eindrücklich, ob sie nun von der Betreuung Angehöriger erzählen, die bei Flugzeugabstürzen ihre Geliebten verloren haben, oder vom ganz alltäglichen Leben am Flughafen, diesem riesigen Hub, in dem täglich 100 000 Menschen verkehren.

Meier erinnert etwa an die obdachlose Frau R., die jahrelang am Flughafen lebt, mit einem Tauchsieder einfachste Mahlzeiten kocht und ihre Kleider nachts von Hand in der Damentoilette wäscht und sie über einem Heizkörper trocknet. Auf seinen Rundgängen plaudert Meier hie und da mit ihr, ohne viel über sie zu wissen. Erst, als sie stirbt, wird deutlich, dass sie vom Flughafen eigentlich nicht wegzudenken ist. Nur knapp finden alle Trauernden in der Flughafenkapelle Platz, um der Verstorbenen zu gedenken.

Die meisten der insgesamt 22 Geschichten und Anekdoten sind tragisch, viele handeln von Tod und Verlust. Besonders nahegegangen, sagt Meier, sei ihm die Geschichte einer Familie aus der Innerschweiz, die Verwandte zum Flughafen begleitet habe. Als sie am Check-in-Schalter in der Reihe steht, hört auf einmal das zwölf Tage alte Baby zu atmen auf und stirbt. Auf Wunsch der Mutter tauft Meier das verstorbene Kind, das, wie sich später herausstellt, an einem unerkannten schweren Herzfehler gelitten hatte. Bei aller Tragik schimmert auch Glück hindurch, macht die Geschichte auch Hoffnung: Ein Jahr später wird der Familie wieder ein Kind geschenkt. Auch dieses tauft Meier im Flughafen.

Um während des Theologiestudiums etwas Geld zu verdienen, meldete sich Meier auf einen Anschlag am Schwarzen Brett der Uni hin bei der Swissair und absolvierte die Ausbildung zum Flugbegleiter. Ein Vierteljahrhundert lang flog er, zuletzt rund zehn Mal pro Jahr im Nebenjob zu seiner Aufgabe als Flughafenseelsorger, um mit dem Bordpersonal in Kontakt zu bleiben. «Fliegen war früher wunderbar», sagt er, «etwas Gediegenes.» Er habe in der First Class serviert, Filetstücke tranchiert, er sei für die Mise en Place zuständig gewesen. Man sei damals etwa nach Caracas geflogen, wo man mit der ganzen Crew eine Woche Ferien verbrachte und dabei drei Franken Spesen pro Stunde erhielt, bevor man wieder zurückflog. Natürlich seien solche Zeiten längst vergangen, sagt Meier, der seit vier Jahren altershalber nicht mehr fliegt. Und doch: «Als Junger würde ich wieder Flight Attendant werden wollen.»

Um Gott gehe es ihm dabei nicht. Die Frage, ob er sich beim Fliegen – in grosser Höhe – Gott näher fühle, werde oft gestellt. Nein, sage er jeweils, Fliegen sei für ihn bloss ein Mittel, um in möglichst kurzer Zeit eine grosse Distanz zu überwinden. «Gott ist für mich nicht hoch oben zu Hause, sondern ganz tief unten. Ihn findet man, wenn man sich zu jenen runterbückt, denen es nicht so gut geht. Gott begegne ich im Gesicht der Niedergedrückten, Getretenen und Geschundenen.»

An Heiligabend packte Meier wie jedes Jahr eine Tüte mit Panettone und machte sich auf, diese unter all jenen, die an diesem Tag arbeiten mussten, zu verteilen. Auch den Asylbewerbern stattete er einen Besuch ab. Jenen, die für maximal zwei Monate in der Transitzone des Non-Schengen-Bereichs leben, wo ihnen das Bundesamt für Migration Schlafräume eingerichtet hat, bis ihre Asylbegehren geprüft sind. Zu Beginn seiner Tätigkeit am Flughafen habe er nicht schlafen können, als er zum ersten Mal erlebt habe, wie ein Mann zurückgeschafft worden sei, sagt Meier. Der Mann habe um sein Leben gefleht. Mittlerweile habe er einiges erlebt, das vieles relativiere.

Geprägt haben Meier die Katastrophen, wie der Absturz eines Swissair-Fliegers über dem kanadischen Halifax im September 1998 oder das Grounding der stolzen Airline im Oktober 2001. Vor allem in seinen ersten Jahren brachen untypisch viele tragische Ereignisse über den Flughafen und ihn herein.

«Die Anfangszeit war unglaublich hart», sagt Meier. «Eine Tragödie nach der anderen, es schien nicht mehr aufzuhören. Das hat Kraft gekostet, war auch körperlich enorm anstrengend und ging mir nahe. Mit den bekannten Symptomen wie Schlaf- und Appetitlosigkeit sowie Albträumen.»

An Heiligabend um 12 Uhr mittags las Meier im Andachtsraum die Weihnachtsgeschichte vor. Hier, wo einst jemand «Lieber Gott, rette die Swissair!» ins Fürbitten- und Anliegenbuch geschrieben hat; hier, wo es vorkommen kann, dass Moslem und Jude nebeneinander beten, jeder zu seinem Gott, der, wenn es nach Meier geht, ohnehin derselbe ist, derselbe auch wie der seinige; hier, wo ein Kreuz an die Wand projiziert ist, im Sinne der interreligiösen Toleranz selbstverständlich jederzeit ausblendbar. «Wichtig ist nicht, was jemand glaubt, sondern dass jemand glaubt», sagt Meier. «Ich bin kein Missionar, der einem Menschen erklären will, was er zu glauben hat, um sein persönliches Problem zu lösen.»

Als Seelsorger habe er das Privileg, Zeit zum Zuhören zu haben. Denn bekanntlich verliere die schwerste Bürde die Hälfte ihrer Last, wenn man darüber reden könne. Das habe schon der berühmte Pfarrer und Dichter Jeremias Gotthelf gewusst. Es helfe, behutsam und aufmerksam zuzuhören oder auch einfach mitzuschweigen, wenn Betroffene im Moment der Trauer lieber stumm blieben, sagt er. Auch Tränen schadeten nicht. «Es macht nichts, wenn die Leute merken, dass ihr Schicksal auch mir nahe geht.»

Am frühen Morgen des 2. Juli 2002 kollidieren in 11 000 Metern Höhe über Überlingen am nördlichen Bodenseeufer ein Frachtflugzeug und ein Linienflugzeug der Bashkirian Airline, alle 71 Insassen beider Flugzeuge sterben. Stunden später wird Meier ans Gate eines aus Barcelona eintreffenden Flugzeugs gebeten, in dem sich ein Angehöriger befinde. Es ist Vitali Kaloev. Mit dem Russen, der soeben seine Ehefrau und die beiden Kinder verloren hat, fährt Meier mit einem Taxi nach Überlingen zur Absturzstelle. «Kaloev geht ein paar Schritte von uns weg», schreibt Meier in seinem Buch. «Ich spüre, dass er uns jetzt nicht in unmittelbarer Nähe haben will. So steht er da und zittert am ganzen Leib. Es kommt mir vor, wie wenn er schreien möchte, aber die Kraft dazu nicht hat.»

Zehn Tage später sagt Kaloev, er wolle an der Andacht in der Aufbahrungshalle im Frachtbereich des Flughafens nicht dabei sein. Mit einem Gott, der ihm das Liebste genommen habe, wolle er nichts mehr zu tun haben.

Am 24. Februar 2004 tötet Vitali Kaloev in Kloten Peter Nielsen, den Skyguide-Fluglotsen, der in der Nacht auf den 2. Juli 2002 Dienst gehabt hatte. Kaloev wird wegen vorsätzlicher Tötung zu acht Jahren Haft verurteilt, die später wegen stark verminderter Zurechnungsfähigkeit auf fünf Jahre und drei Monate reduziert wird. Auch im Gefängnis bleibt Meier mit Kaloev in Kontakt, besucht ihn mehrfach. Wirklich zu ihm vorzudringen vermag er nicht. Die Bibel, die ihm Meier in die Zelle mitbringt, wirft er weit weg.

Heute, mehr als zehn Jahre nach der Tat, die Kaloev stets «die zweite Tragödie» genannt hat, ist er wieder zu Hause. Er habe wieder geheiratet, es gehe ihm gut, weiss Meier. Gott sei Dank gelte dies auch für die Familie des getöteten Fluglotsen.

Walter Meier: «Flughafengeschichten». Jordan-Verlag. 127 Seiten. 27 Franken.

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