Der Tag, der ihr Leben verändern sollte, verlief rasant. Am Morgen erst las Sofia Sabatini den Aufruf der Organisation «Tsüri hilft», die auf Facebook nach weiteren Freiwilligen suchte, die im ungarischen Hegyeshalom Flüchtlinge auf der Durchreise mit Essen, Kleidern und Medizin versorgen würden. Die 24-jährige Romanistikstudentin überlegte an diesem Tag im Oktober nicht lange, packte eine Tasche und eilte auf den Nachtzug. Am nächsten Morgen stand sie bereits am Zwischenversorgungslager an Ungarns Grenze zu Österreich und empfing verwirrte, vom 5-Kilometer-Fussmarsch in anhaltendem Regen durchnässte und entkräftete Flüchtlinge.

Der Stand von "Tsüri hilft" in Hegyeshalom.

Der Stand von "Tsüri hilft" in Hegyeshalom.

Sie blieb drei Tage, in denen sich fünf bis zehn Mal täglich 500 bis 1500 Menschen an der «Tankstelle» von «Tsüri hilft» mit dem Nötigsten verpflegten. Danach machte Ungarn seine Grenze zu Kroatien dicht; am Samstag bestieg Sabatini den Zug zurück nach Zürich.

Freunde, ich werde kommenden Samstag um 14 Uhr auf dem Helvetiaplatz die Veranstaltung #safepassage https://www.facebook.com/events/1170051346351996/ moderieren. Mit dabei: Aktivist und Flüchtlingshelfer Michael Räber. Kommet in Scharen! Video: Sven Zaugg / Lesvos 2016

Posted by Sven Zaugg on Montag, 22. Februar 2016

Video zu #Safepassage

Kein Weg zurück ins alte Leben

Doch eine Rückkehr ins unbeschwerte Studentinnenleben schien ihr nach den Eindrücken dieser Tage unvorstellbar. «Ich dachte immer wieder: Wenn wir nicht da gewesen wären, hätte diesen Menschen nicht einmal jemand ein Glas Wasser hingehalten», sagt Sabatini. Und: «Was, wenn ich zur Flucht gezwungen wäre und mir niemand helfen würde?» Sie begann auf eigene Faust, Kleider zu sammeln, und wenige Wochen nach dem ersten Einsatz in Ungarn folgte ein zweiter in Serbien: Im November schloss sie sich der Zürcher Organisation «Borderfree Association» an, um beim Flüchtlingscamp in Preševo Hilfe zu leisten. Ins Lager selbst durfte die Organisation nicht; so schenkte Sabatini den Menschen Tee aus, um ihnen das stundenlange Anstehen vor der Registrierung etwas erträglicher zu machen. Sie blieb vier Tage, hörte sich die Klagen der Flüchtlinge an, die sich hier im Gegensatz zu Hegyeshalom länger aufhielten.

Presevo: Warten vor der Registrierung.

Presevo: Warten vor der Registrierung.

Auch die erneute Rückkehr war für Sabatini nur eine temporäre. Sie merkte, dass sie nur schwerlich die Geduld für Gespräche aufbringen konnte, die sie früher noch gerne geführt hatte. Auch über ihre eigenen Erfahrungen auf der Balkanroute zu sprechen, fiel ihr schwer. Sie war schnell bereit für den nächsten Einsatz – den bisher längsten und aufreibendsten. Ihre Uni-Semesterferien im Januar verbrachte Sabatini auf der griechischen Insel Lesbos; mit dem «Schwizerchrüz», einer privaten Initiative des Schweizers Michael Räber, leistete sie dort Hilfe, wo trotz der zahlreichen privaten Organisationen vor Ort Lücken in der Versorgung der täglich eintreffenden Bootsflüchtlinge entstanden.

Sabatini watete ins Wasser, um Kinder aus überfüllten Booten zu heben, obwohl sie das eigentlich gar nicht durfte, streifte trockene Socken über nasskalte Füsse, wickelte halb erfrorene Körper in Wärmedecken ein. Viele Menschen, denen sie zu helfen versuchte, waren kaum ansprechbar. «Die Kinder weinten nicht einmal, sie waren völlig apathisch», erinnert sie sich. Nicht alle schafften es lebend an Land; immer wieder führten die Boote auch Leichen mit sich. Völlig durchnässt waren sie der Eiseskälte erlegen, die im Januar auch auf der Ferieninsel herrscht.

Jene, die nicht so stark traumatisiert waren, dass sie kaum noch wahrnehmen konnten, wie um sie geschah, waren froh, endlich europäischen Boden unter sich zu haben. Sabatini dachte oft für sich: «Wenn sie nur wüssten, was ihnen noch bevorsteht.» Gesagt hat sie nichts; es erschien ihr grausam, die Freude der Menschen zu trüben, die gerade die Passage im Mittelmeer überquert haben, auf der vor ihnen schon so viele ertrunken sind.

Sofia Sabatini wickelt auf Lesbos ein Kind in eine Decke.

Sofia Sabatini wickelt auf Lesbos ein Kind in eine Decke.

Sabatini hat von Nahem miterlebt, dass die Flüchtenden auch den Tod in Kauf nehmen, um dem Horror im Heimatland zu entkommen, sei das Krieg, Folter, Diktatur oder Perspektivenlosigkeit. «Die Leute kommen so oder so», sagt sie. Dass man ihnen die Reise nach Europa so beschwerlich wie möglich machen will, bezeichnet sie als «absurd» und «unmenschlich». Ihr will nicht in den Kopf, wieso Familien ihr ganzes Hab und Gut für eine möglicherweise im Tod endende Überfahrt auf dem Gummiboot hergeben müssen, und nicht einfach die fünf Euro für die Fähre bezahlen dürfen. «Auf der einen Seite hat jeder Flüchtling einen Anspruch darauf, dass sein Fall geprüft wird. Auf der anderen Seite tut die Europäische Union alles dafür, dass diese Menschen europäischen Boden nicht legal erreichen können», sagt Sabatini. Anstatt den Tod weiterer gesichtsloser Tausender in Kauf zu nehmen, sei es Zeit, sichere Flüchtlingsrouten für die Migranten zu schaffen.

Offene Grenzen gegen Schlepper

Denn für sie ist der Fall klar: Offene Grenzen und eine unkomplizierte Registrierung würden dem Schlepperwesen den Wind aus den Segeln nehmen und viel menschliches Leiden verhindern. «Doch zurzeit gehen die Grenzen zu, nicht auf», sagt sie und schüttelt traurig den Kopf. Dass Diskussionen über Aufnahme-Obergrenzen immer salonfähiger werden, findet sie schlimm. «Wir sprechen hier über Menschen», sagt sie. «So geht man nicht mit Menschen um.»

Als sie auf Lesbos von der internationalen Protestbewegung «Safe Passage» hörte, die von europäischen Politikern verlangt, dass sie für sichere Wasser- und Landrouten sorgen, hatte Sabatini ihr nächstes Projekt gefunden. Wenn am 27. Februar in dutzenden Städten der Welt die Menschen für eine humanere Flüchtlingspolitik auf die Strasse gehen, müsse auch Zürich dabei sein, fand sie. Zusammen mit ihrer Freundin Leonor Diggelmann organisierte sie die Zürcher Ausgabe auf dem Helvetiaplatz. Als «komplette Demo-Laien» hätten sie sich zuerst etwas übernommen. Doch nach Gesprächen mit der Stadtpolizei seien sie nun zuversichtlich, dass – anders als bei früheren Flüchtlingsdemos – die Stimmung friedlich bleibt. Dazu beitragen soll ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Konzert und Reden, etwa von Flüchtlingshelfer Michael Räber.

«Wir sind viele»

Sie hofft, dass die Kundgebung viele Leute zum Denken anregt – auch wenn ihr bewusst ist, dass die Fronten verhärtet sind. «Ich weiss, dass viele Menschen hierzulande keine Ahnung haben, was an Europas Grenzen wirklich passiert», sagt Sabatini. Anders kann sie es sich nicht erklären, weshalb so viele Europäer Flüchtlinge nicht als Opfer, sondern nur als potenzielle Täter sehen wollen. Sie glaubt ans Gute im Menschen: «Wir sind viele, denen an den Menschenrechten etwas liegt. Jetzt müssen wir für sie einstehen.»

Die Kundgebung «Safe Passage – für sichere Flüchtlingsrouten» findet am Samstag um 14 Uhr am Helvetiaplatz in Zürich statt. Auch in anderen Schweizer Städten macht «Safe Passage» an diesem Tag Halt. So etwa in Aarau, um 12 Uhr auf dem Holzmarkt.