Flüchtlinge
Flüchtlingskrise: Zu viele Freiwillige klopfen bei Zürcher Hilfswerken an

Die Hilfswerke erhalten viele Kleiderspenden – doch sie bräuchten anderes.

Oliver Graf
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Freiwillige sortieren am Wiener Westbahnhof Nahrungsmittel. In der Schweiz ist der Flüchtlingsstrom bisher ausgeblieben.

Freiwillige sortieren am Wiener Westbahnhof Nahrungsmittel. In der Schweiz ist der Flüchtlingsstrom bisher ausgeblieben.

Keystone

Die Medienberichte der vergangenen Tage haben eine Solidaritätswelle ausgelöst. Bei den Hilfswerken und Organisationen melden sich unzählige Personen, die den Flüchtlingen helfen wollen. Sie wollen Kleider spenden oder Nahrungsmittel vorbeibringen. Bei Caritas Zürich boten Privatpersonen an, sich um Flüchtlingskinder zu kümmern. Beim Schweizerischen Roten Kreuz des Kantons Zürich meldeten sich Personen, die ursprünglich aus dem arabischen Raum stammen und nun übersetzen wollen.

Doch das Problem dabei: Die Flüchtlinge, die in den Medien abgebildet werden, sind gar nicht in der Schweiz eingetroffen.

Viele von ihnen kommen derzeit in Deutschland an. «Tausende sind aber irgendwo entlang der sogenannten Balkanroute gestrandet und kommen nicht weiter», sagt Sophie Fürst, Mediensprecherin bei Caritas Schweiz. «Zudem halten sich Millionen Menschen in verschiedenen Flüchtlingslagern in den Nachbarstaaten von Syrien auf.»

Direkte Nothilfe ist deshalb, weil die Flüchtlinge bislang nicht bis in den Kanton Zürich kommen, nicht notwendig. «Das Schweizerische Rote Kreuz Kanton Zürich hat derzeit keinen Bedarf an Sachspenden», sagt Geschäftsleitungsmitglied Eve Ehrensperger Sharan, die den Bereich Migration leitet und derzeit mit Anrufen von aufgewühlten hilfsbereiten Personen überhäuft wird. Bei Caritas Zürich tönt es ähnlich. Mediensprecherin Sophie Fürst berichtet ebenfalls von vielen hilfsbereiten Anrufenden. Die Organisation hat deshalb auch auf ihrer Homepage gerade einen Leitfaden «Flüchtlingen helfen» aufgeschaltet. Darin heisst es: «Solange keine Soforthilfe in der Schweiz nötig ist, können wir keine spezifischen Materialspenden von Einzelpersonen entgegennehmen oder konkrete Einsätze für Freiwillige organisieren.»

Helfen könne man natürlich dennoch, sagen Sophie Fürst und Eve Ehrensperger Sharan. Und beide sagen: «Was wir immer benötigen, sind Personen, die sich mittel- oder langfristig in der Freiwilligenarbeit engagieren wollen.»

Zuhause und am Stammtisch

Das Rote Kreuz Zürich führt etwa das Programm «Mitten unter uns». Freiwillige empfangen bei sich zu Hause einmal wöchentlich fremdsprachige Kinder, darunter sind auch viele Flüchtlingskinder, die schon jetzt in der Schweiz leben. Durch gemeinsame Aktivitäten verbessern die Kinder ihre Sprachkenntnisse und lernen die hiesigen Gewohnheiten kennen. Die Freiwilligen, die bei «Mitten unter uns» mitmachen, müssen sich für mindestens ein halbes Jahr verpflichten. Bei Caritas Zürich gibt es für Freiwillige, die sich länger engagieren möchten, ähnliche Projekte; so könnten sich diese etwa als Deutschlehrerinnen und -lehrer betätigen («LernLokal») oder junge Migranten auf der Lehrstellensuche begleiten («Mentoringprogramm incluso»).

Wer den Flüchtlingen helfen will, der kann dies auch mit Geldspenden tun, heisst es bei den verschiedenen Hilfswerken. Die Caritas Schweiz leistet beispielsweise seit Jahren Nothilfe in den verschiedenen Flüchtlingslagern in den Nachbarländern von Syrien sowie entlang der Balkanroute. Auch beim Roten Kreuz Zürich heisst es: «Wer sofort helfen will, bewirkt mit einer Spende für die Integrationsprojekte viel Gutes.» Und manchmal reiche auch eine kleine Geste aus, um zu helfen, meint Eve Ehrensperger Sharan: «Man kann auch einfach im Quartier mit einer Flüchtlingsfamilie reden oder sich am Stammtisch gegen negative Stereotype zur Wehr setzen.»

Statt böse gibt es jetzt nette Mails

Auch bei weiteren Organisationen wie der Asylorganisation Zürich (AOZ) und dem Solinetz haben die Hilfszusagen deutlich zugenommen. AOZ-Direktor Thomas Kunz hatte im «Regionaljournal» des SRF kürzlich erklärt, dass er früher eher böse Mails erhalten habe – nun seien all die Mitteilungen «mit ganz viel gutem Willen» klar in der Überzahl. Und beim Verein Solinetz, der für Flüchtlinge in Zürich unter anderem Mittagstische und Deutschkurse anbietet, spricht man davon, dass man derzeit fast etwas Mühe bekunde, alle Freiwilligen beschäftigen zu können – es melden sich dreimal mehr als üblich.

Ob diese Solidaritätswelle anhält, wenn die Bilder der Flüchtlinge wieder aus den Medien verschwunden sind, können die Vertreter der Hilfswerke und Organisationen nicht prognostizieren. Fukushima habe auch viele Diskussionen ausgelöst – viel sei davon aber heute, vier Jahre danach, nicht wirklich geblieben, merkt ein Gesprächspartner an. Eine andere Person, die sich seit mehr als zehn Jahren für Papierlose einsetzt, weist darauf hin, dass in der Schweiz bereits jetzt viele Flüchtlinge lebten. «Um die kümmert sich die Öffentlichkeit aber nicht.» Bei Caritas Zürich, dem Roten Kreuz Zürich und weiteren Organisationen verweist man indes auf die veränderte «Tonalität der Diskussion» hin. Zudem sind sie nun mit mehreren Personen in Kontakt, die sich langfristig engagieren wollen.