Wallisellen

Film zur Bewegung der Homosexuellen in Zürich: Als Männer zusammen tanzten

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In Wallisellen entsteht mit «Der Kreis» ein Film über die Geschichte der Zürcher Homosexuellen-Bewegung – eine Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm. Viele Szenen werden im Zwicky-Areal gedreht.

Sebastian Ledesma steht vor einem alten Industriegebäude in Wallisellen und zieht an seiner Zigarette. Es ist kurz vor zwei Uhr, seit sechs ist er auf. Am Vormittag hat er einen Mann umgebracht. «Ich wollte ihn erwürgen», aber der Typ war kräftig.

Schliesslich ist er mit einer zerbrochenen Flasche auf ihn losgegangen, zusätzlich zum Würgen. Es war die Tat eines italienischen Strichers, den Ledesma im Film «Der Kreis» spielt, dem neuen Kinofilm des Regisseurs Stefan Haupt.

Ein kleiner Auftritt für den Neo-Schauspieler, dem seine Rolle in Marcel Gislers Film «Rosie» – seine erste überhaupt – eine Nomination für den Schweizer Filmpreis einbrachte.

Das berühmteste Schwulenpaar der Schweiz

Ledesma hat Pause. Später wird eine Szene gedreht, in der er aus einer Bar geworfen wird. Der Anfang davon wird drinnen gerade gedreht, noch ohne ihn.

Dort, Auf dem Filmsetim leerstehenden Zwicky-Gebäude, stehen sich die Komparsen gegenseitig auf die Füsse. Aus der Jukebox quillt Rock ’n’ Roll. Es ist eng im alten «Barfüsser», der Bar, die für die Dreharbeiten nachgebaut wurde.

Die Kleider sind aus den Fünfzigern, ebenso die Preise für ein Glas Wein, die auf die Tafel gekritzelt sind. Ein paar amerikanische Soldaten stehen umher, wie damals, als die GIs aus Deutschland in Zürich ihre Ferientage verbrachten – und sich auf der Suche nach einem sexuellen Abenteuer in den «Barfüsser» begaben.

Dass hier an jenem Samstag im Juli Dutzende Menschen am Werk sind, ist das Verdienst von Ivan Madeo und Urs Frey.

Ohne die Berner Produzenten gäbe es keine Kulisse, keine Darsteller, kein Drehbuch, kein Geld, mit anderen Worten: keinen Film.

Vor sieben Jahren hatten sie die Idee zu diesem Film, nachdem sie Ernst Ostertag und Röbi Rapp kennen gelernt hatten. «Ernst und Röbi» sind so etwas wie das berühmteste Schwulenpaar der Schweiz.

Nachdem 2003 das Zürcher Partnerschaftsgesetz in Kraft gesetzt wurde, waren sie die Ersten, die sich trauen liessen.

Ostertags und Rapps Liebesgeschichte ist gleichzeitig die Geschichte der Zürcher Schwulenbewegung und ihrer Unterdrückung durch Behörden und Gesellschaft.

Kennen gelernt hatten sich Ostertag und Rapp an einem Fest des Kreises der von 1942 bis 1967 tätigen und damals einzigen Homosexuellen-Organisation in Europa. Der Kreis gab damals eine Zeitschrift heraus, die bis weit über die Landesgrenzen gelesen wurde – wobei der Vertrieb ins Ausland oftmals eine heikle Angelegenheit war.

Daneben organisierten die Kreis-Aktivisten während rund 20 Jahren Tanzveranstaltungen im Saal des heutigen Theaters am Neumarkt.

Ostertag und Rapp kommen im Film gleich doppelt vor. Einerseits sind sie selber Erzähler ihrer Geschichte, rund ein Viertel bis ein Drittel des Films wird dokumentarisch ausfallen.

Bei den Dreharbeiten nicht dabei

Im Spielfilmteil sind die beiden als junge Männer zu sehen, gespielt von zwei Schweizer Schauspielern. Einer davon ist der Basler Sven Schelker, Ensemblemitglied am Hamburger Thalia-Theater. Er spielt den jungen Röbi Rapp, «Der Kreis» ist sein erster Spielfilm.

Dass er darin eine Figur verkörpert, die noch lebt, ist im Kino eher die Ausnahme. «Wir haben Röbi und Ernst ein paar Mal getroffen», sagt Schelker. Dabei habe er so einiges mitbekommen, «aber ihn zu imitieren, wäre sicher der falsche Weg».

Bei den Dreharbeiten zum Spielfilmteil sind Ostertag und Rapp in der Regel nicht dabei. «Alles andere wäre zu schwierig», findet der Produzent.

«Sie haben uns im Vorfeld unglaublich viel Wissen mitgegeben», so Madeo, «aber beim Dreh um jedes Detail zu sprechen, würde den Rahmen sprengen.»

Auch der ZürcherMatthias Hungerbühler, der den jungen Ernst Ostertag verkörpert, hat keine Angst vor dem Urteil des Originals: «Ernst nimmt alles sehr genau, aber ich habe deswegen keine schlaflosen Nächte.»

Ebenso wenig kümmert ihn, dass er, der wie sein Filmpartner selber nicht schwul ist, dem Publikum in dieser Rolle begegnet.

«Sven und ich haben das Ziel, so gut zu sein, dass dem Publikum die sexuelle Ausrichtung der Figuren egal ist», gibt Hungerbühler zu Protokoll, und ergänzt: «Es ist eine Liebesgeschichte, egal ob hetero oder gay.»

Weniger egal war diese Frage in den Sechzigerjahren dem Zürcher Stadtrat. 1960 liess der damalige SP-Finanzvorstand Adolf Maurer – Vater der späteren Polizeidirektorin Esther Maurer – einen Bericht über das homosexuelle Treiben erstellen.

Das Lokal am Neumarkt war schliesslich in städtischem Besitz. Auf Druck des damaligen Polizeivorstehers Albert Sieber sprach der Stadtrat dem Kreis ein Verbot der Tanzabende aus.

Limitiertes Budget für historischen Film

Später wurde bekannt, dass der Beschluss mit 5 zu 4 Stimmen erfolgt ist, gegen den Willen des damaligen Stadtpräsidenten Emil Landolt, wie Ostertag auf der Website schwulengeschichte.ch schreibt.

Nach den vergleichsweise liberalen Vierzigern und Fünfzigern brach für die Zürcher Schwulen mit den Sechzigerjahren eine Zeit der Repression an:

Polizeirazzien, Verhaftungen, Hausdurchsuchungen und Schwulenregister waren Ausdruck des Umgangs der Behörden mit den Zürcher Homosexuellen. Auch davon erzählt der Film.

Die Polizeiuniformen für die Razzia-Szene hängen bereits im ersten Stock, zusammen mit etlichen Laufmetern weiterer historischer Kostüme, die meisten davon in Berlin geliehen.

1,8 Millionen Franken sind für den Film budgetiert. «Das ist nicht viel», sagt Produzent Madeo und ergänzt: «für einen historischen Film.» Nur wenige Szenen kann die Crew an Originalschauplätzen drehen.

Das meiste muss mühevoll nachgebaut werden. Im Requisitenlager neben dem Drehort sieht es aus wie in einem alten Brockenhaus.

«Selbst für die Maske braucht man drei- bis viermal länger als bei anderen Filmen», erklärt Madeo, während im Hintergrund eine Ausstatterin Sinalco-Flaschen mit antiquierten Etiketten beklebt.

Dafür war das grossteils stillgelegte Zwicky-Areal in Wallisellen ein Glücksfall für die Produktionsfirma. In der ehemaligen Fabrik kann sie während der Drehzeit Büros, Studio, Lager und Werkstätten an einem Ort konzentrieren.

Ein grosser Teil der Szenen wird vor Ort gedreht. Schwieriger sind die Drehs in der Zürcher Altstatt: «Dafür haben wir sehr viel Goodwill seitens der Polizei erhalten», meint Madeo.

Von derselben Polizei, notabene, die einst Jagd auf die Männer der Zürcher Schwulenszene machte.

Mit dem Verlauf der Dreharbeiten sind Madeo, Frey und Regisseur Stefan Haupt sehr zufrieden. Bis zum Kinostart werden allerdings noch einige Monate vergehen. «Geplant ist Anfang Jahr, je nachdem, ob wir zu Festivals eingeladen werden», erklärt Madeo.

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