Betrüger
Ferrari-Fahrer bezog über zehn Jahre Sozialhilfe

Über zehn Jahre lang hat ein Mann Sozialhilfe in Adliswil ertrogen. Er hatte ein Einkommen und konnte ein Vermögen anhäufen. Ihm drohte eine lange Haftstrafe. Er kam aber mit einem blauen Auge davon.

Daniela Haag
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Der Ferrari-Fahrer muss zukünftig ohne Sozialhilfe auskommen (Symbolbild).

Der Ferrari-Fahrer muss zukünftig ohne Sozialhilfe auskommen (Symbolbild).

Keystone

Ist der 61-jährige Mann ein Sozialhilfebetrüger und guter Schauspieler, wie der Staatsanwalt gestern am Bezirksgericht Horgen meinte? Oder ist er ein von Schicksalsschlägen gezeichneter Mann, der für seine Kinder sorgen wollte? So stellte sich der Beschuldigte dar.

Er erschien in Jeans und einer Jacke, die eine Nummer zu gross waren. Der hagere, kleine Mann sprach meistens mit zögerlicher, manchmal weinerlicher Stimme. Oft war er kaum zu verstehen. Laut und deutlich wurde er erst beim Schlusswort. Er beschimpfte den Staatsanwalt, sodass ihn die Richterin mehrfach unterbrechen musste. Der Staatsanwalt hatte dem Beschuldigten zuvor vorgehalten, es sei seine Masche, auf die Tränendrüse zu drücken. Er wäre als Schauspieler gut aufgehoben gewesen. Er nehme ihm die Begründung nicht ab, wieso er dem Sozialamt sein Einkommen als selbstständiger Händler, einen Ferrari und Liegenschaften im Ausland verschwiegen und dadurch unrechtmässig 300 000 Franken Sozialhilfe bezogen habe.

Ein Vermögen aufgebaut

Das Argument, das Geld habe nicht gereicht, könne nämlich nicht stimmen, sagte der Staatsanwalt. Schliesslich habe er in den zehn Jahren, in denen er von der Stadt Adliswil unterstützt wurde, ein Vermögen aufgebaut. Sein Besitz wuchs in den zehn Jahren, in denen er Sozialhilfe bezog, von 70 000 auf gegen 1 Million Franken an. Er musste sich zudem vor Gericht verantworten, weil er den Unterhaltspflichten für seine Tochter nicht nachgekommen war. Er sei gemäss Anklage 60 000 Franken schuldig geblieben.

Mit Aktiendeals viel verdient

Der Staatsanwalt beantragte dreieinhalb Jahre Freiheitsentzug und eine Busse von 8000 Franken. Zudem wollte er den Beschuldigten verpflichten, 250 000 Franken abzuliefern. Diese Ersatzforderung stellte er, weil der Mann mit dem unrechtmässig erworbenen Geld Profit machte. Sein Vermögen sei nämlich nicht nur gewachsen, weil er Geld auf die Seite legen konnte. Er habe auch erfolgreich mit Wertschriften gehandelt.

Der Verteidiger beantragte für seinen Mandanten eine Freiheitsstrafe von höchstens 17 Monaten und eine Geldstrafe von 20 Tagessätzen. Er setzte sich auch dafür ein, dass der 61-Jährige keinen ­Ersatzforderungen nachkommen muss. Der Vermögenszuwachs beruhe nämlich nicht nur auf unrechtmässig erworbenem Geld, führte der Verteidiger aus. Der Beschuldigte habe Kredite aufgenommen und Geld von Freunden und Angehörigen verwaltet. Mit diesem Geld habe er die Gewinne erzielt. Die von Adliswil bezogene Sozialhilfe habe er für den Unterhalt benötigt.

Probezeit von zwei Jahren

Das Bezirksgericht Horgen sprach den Mann in allen Punkten schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von 24 Monaten und einer Geldstrafe von 40 Tagessätzen. Ins Gefängnis muss er aber nicht. Die Strafe wird aufgeschoben bei einer Probezeit von zwei Jahren.

Für den Beschuldigten habe ­gesprochen, dass er geständig ­gewesen und Hand für eine Lösung geboten habe, begründete das Gericht. Es berücksichtigte auch persönliche und gesundheitliche Probleme. Überdies wies es die Ersatzforderung von 250 000 Franken ab, mit der Begründung, es sei kein klarer Zusammenhang mit dem deliktischen Vermögen nachzuweisen.

Das Konto des 61-Jährigen wird dennoch schrumpfen. Adliswil erhält die bezahlte Sozialhilfe zurück. Zudem muss der Mann die Unterhaltsbeiträge nachzahlen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.