Verkehr
Fernbusse bedrohen die Bahnlinie Zürich–München

Zwischen den Metropolen Zürich und München verkehren täglich bis zu 20 Linienbusse. Rund die Hälfte der Verbindungen betreibt der deutsche Marktführer «Mein Fernbus». Investitionen in die Elektrifizierung lassen auf sich warten.

Oliver Graf
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Auf dem Carparkplatz am Zürcher Sihlquai direkt neben dem Hauptbahnhof: Die Zahl der Fernbusse nimmt ebenso zu wie jene der Fernbusreisenden.Keystone

Auf dem Carparkplatz am Zürcher Sihlquai direkt neben dem Hauptbahnhof: Die Zahl der Fernbusse nimmt ebenso zu wie jene der Fernbusreisenden.Keystone

Zwischen den Metropolen Zürich und München verkehren täglich bis zu 20 Linienbusse. Rund die Hälfte der Verbindungen betreibt der deutsche Marktführer «Mein Fernbus». Vier Linien haben Deutsche Bahn und SBB unter dem Titel InterCity-Bus selber lanciert.

Damit ergänzen sie ihr bestehendes Bahnangebot, das je vier Eurocity-Züge in beide Richtungen umfasst. Der Zug und die Busse der Bahnen bilden nun einen Zweistundentakt.

Das Problem der Bahn: Die Reisezeit auf der Schiene dauert, obwohl Zürich und München nur rund 300 Kilometer voneinander entfernt liegen, mehr als vier Stunden. Das ist erheblich länger, als es auf der Strasse oder in der Luft dauert.

Der Grund liegt in der Infrastruktur. Auf deutscher Seite ist ein grosser Teil der Strecke nicht elektrifiziert. Das verlangsamt die Reise und führt zu Verzögerungen – so muss in Lindau etwa die normale Lokomotive durch eine Diesellok ersetzt werden.

Deutschland, der Freistaat Bayern, die Schweiz und die Deutsche Bahn haben sich längst auf einen Ausbau der Strecke geeinigt. Das Projekt, das gemäss einer 2012 aktualisierten Schätzung rund 310 Millionen Euro kostet, wurde immer wieder hinausgeschoben. Im Mai 2013 liess die Deutsche Bahn verlauten, dass die Finanzierung gesichert sei – eine Realisierung aber nicht vor 2020 möglich sein werde.

Busse ersetzen Züge – theoretisch

Doch nun mischt eine neue Konkurrenz den Markt auf, da im vergangenen Jahr in Deutschland der Fernbusverkehr liberalisiert worden ist. Dass die günstigen Fernbusse die Bahnen bedrohen und zumindest zu einer Ausdünnung des Bahnangebotes führen, «ist keine These mehr», sagte SBB-Manager Stephan Pfuhl am Mittwochabend an einer öffentlichen Podiumsdiskussion in Zürich. Der Leiter des SBB-Fernverkehrs meinte: «Das ist fast sicher.»

Als Beispiel verwies Pfuhl mehrere Male auf die Linie Zürich–München. «Die Fragezeichen werden bei meinen deutschen Kollegen leider immer grösser.» Bei täglich 20 Busverbindungen komme bei ihnen schon die Frage auf, ob sich denn die teuren Investitionen lohnten, wenn der Bus so günstig fahren könne, sagte der SBB-Manager. Klar sei: «So günstig wie der Bus kann die Bahn nicht sein.»

Tomislav Kokot, Leiter der Angebotsplanung bei «Mein Fernbus», relativierte an derselben Veranstaltung: «Busse haben doch nie das Volumen, um die Züge zu ersetzen.» Die Fernbusse des Berliner Unternehmens verfügen über maximal 75 Sitzplätze. Bei täglich zehn Verbindungen – mit maximal 750 Passagieren – entspreche dies gerade einmal einem einzigen Zug, rechnete Kokot vor.

Für SBB-Manager Pfuhl zeigt gerade dieses Rechenbeispiel die Bedrohung auf. Denn ab Zürich gibt es auf der Strasse weitere Mitbewerber. Insgesamt bieten sie 20 Verbindungen an und könnten damit täglich theoretisch 1500 Personen transportieren. Dies, sagte Stephan Pfuhl, seien so viele, wie die vier bestehenden Fernverkehrszüge Zürich–München heute befördern würden (Annahme einer Auslastung von 50 Prozent).

Die Bahn müsse ein Grundangebot leisten, sagte Pfuhl. Sie fahre von Montag bis Sonntag. Die privaten Busunternehmen könnten sich auf die lukrativen Zeiten fokussieren. Das zeigt sich im Fahrplan: «Mein Fernbus» fährt beispielsweise heute Freitag und am Sonntag zehnmal nach München, unter der Woche teilweise nur fünf Mal. Für Pfuhl ist klar: Wechseln zu viele Kunden von der Schiene auf die Strasse, stelle sich die Frage der Finanzierbarkeit des Fernverkehrsnetzes.

Die Deutsche Bahn hat, wie sie im August mitteilte, im ersten Halbjahr im Fernverkehr einen Rückgang von Umsatz und Ergebnis um 2,8 Prozent (50 Millionen Euro) ausgewiesen. Sie führte dies auf die neue Konkurrenz zurück.