Frau Wizorek, Sie widmen Ihr Buch Ihren Eltern. Haben Ihre Eltern einen Feminismus von heute vorgelebt?

Anne Wizorek: Etwas, das mir meine Mutter mitgegeben hat: «Wenn dir jemand auf der Strasse hinterherpfeift, dann reagier einfach nicht. Denn du bist kein Hund!» Das war eine Selbstverständlichkeit. Ich musste mir nie Kritik anhören, weil ich nicht so talentiert war wie sie in Mathe. Sie ist Ingenieurin. Sie hat mir das nicht ausgelegt, «Du bist ein Mädchen.» Das gab es nie.

Viele Frauen scheuen sich selbst davor, sich «Feministin» zu nennen. Was könnten die Gründe dafür sein?

Junge Frauen stellen sich oft etwas ganz anderes darunter vor. Klischees halten sich hartnäckig. Aussehen ist sehr wichtig im Patriarchat. Doch wer sich die Feministin und Sängerin Beyoncé Knowles ansieht, merkt: «Feminismus hat nichts mit Unattraktivität zu tun!» Frauen auf ihr Äusseres zu reduzieren, ist ein bewusstes Mittel, sie von politischem Engagement abzuhalten.

Sie erwähnen das Patriarchat. Wie reagieren Leute darauf?

Das hat immer etwas von Verschwörungstheorien. Aber das sind alles soziologische Strukturen. Die Tatsache, dass in den Medien bei einer super erfolgreichen Frau noch immer erwähnt wird, wie es um deren Kinder steht, zeigt, dass Kinderbetreuung und Hausarbeit noch immer auf Frauen abgeschoben werden.

Männer in der Schweiz leisten im Gegensatz zu den Frauen Wehrdienst.

Ich teile das Konzept von Armee nicht. Beziehungsweise; wer das machen möchte, soll das tun können. Aber ich finde nicht, dass wir das für Frauen einführen sollten. Schweizer haben auch noch Waffen zu Hause. Gruselig.

Ihr Buch trägt den Untertitel: «Für einen Feminismus von heute.» Was ist denn der Feminismus von gestern?

Die Errungenschaften, wie das Wahlrecht, sind nicht selbstverständlich. Andererseits glaube ich auch, dass bestimmte Positionen sich verändern. Früher gab es eher den Konsens: «Kopftuch ist Unterdrückung!» Heute gibt es einen anderen Ansatz. Denn es gibt auch muslimischen Feminismus, der in unserem Sprachraum vorher nicht stattgefunden hat.

Sie «tummeln sich in diesem Internet», wie Sie schreiben. Gibt es im Netz mehr Sensibilität für Feminismus?

Es wäre illusorisch zu behaupten, dass diese Machtstrukturen im Netz nicht existieren würden. Es ist nur so, dass ich im Netz die Möglichkeit habe, Leute kennen zu lernen, die genauso denken wie ich. Und ich merke: «Ich denke gar nicht nur alleine so.»

Übernehmen Hasskommentare, Trolle genannt, das Internet?

Es ist wichtig, deutlich zu machen, was für abgefuckter Scheiss dort passiert. Ich werde täglich auf Twitter diffamiert. Das ist ein Abbild der Machtstrukturen. Die Trolle übernehmen das Internet noch nicht. Die Kolumnen der traditionellen Medien aber haben sie schon übernommen.

Ein Slogan von Ihnen: «Feminismus: Fuck yeah!» Müssen Frauen fluchen, damit Männern zuhören?

Ich glaube nicht, dass wir müssen. Aber wir dürfen. Es ist nicht mal fluchen. Es ist ein euphorisches Yeah. Fluchen zu dürfen, ist wichtig. Uns darf auch mal der Kragen platzen. Es ist ein Teil der Sexualisierung der Frau, dass wir uns zurücknehmen.

In Ihrem Buch geben Sie Tipps für Feministinnen gegen ein Burnout. Das stimmt fragwürdig.

Wir haben die Tendenz, uns aufzuopfern, man muss aufpassen, dass man Grenzen setzt. Sich selbst die Frage stellt: «Ich kann mich total reinhängen, aber was bringt das langfristig?» Aktiv für Feminismus zu sein, birgt gewisse Risiken. Ich hätte ein schlechtes Gewissen, wenn ich das den Leuten vorenthalten würde.

Kann es einen bürgerlichen Feminismus geben?

Es wird in erster Linie ein BWL-Feminismus verkauft. Die Frauen sollen nur ein Zahnrädchen der Ausbeute sein. Nicht weil jemand festgestellt hat: «Oh ja, es wäre nett, wenn die Menschen, die diese Jobs wollen, sie auch bekämen.» So ist es ja nicht.

Fällt es Ihnen schwer, hinzunehmen, wenn Frauen sich für ein konservatives Rollenmodell entscheiden?

Es ist eine Reaktion auf das, was wir geschaffen haben. Selbst bei Leuten, die keine Kinder haben, würde es sich mehr lohnen, wenn die Frau zu Hause bliebe. Das ist doch ganz eindeutig die Begünstigung des alten Modells. Das führt Frauen in die Abhängigkeit.

Anne Wizorek liest heute im «Karl der Grosse» um 19 Uhr.