Zürichs Wolkenkratzer im Spiegelkleid, der Primetower, wirft Sonnenstrahlen zurück auf den Platz vor der neuen Tonhalle Maag. Urban, ja sogar ein bisschen hip präsentiert sich klassische Musik an diesem Samstagmorgen. Da, wo Zürich lebt. Das Tonhalle-Orchester ist angekommen in Zürich West. Der neue Nachbar schmeichelt sich mit einem grossen Eröffnungsfest bei Szenegängern und Anwohnern, bei treuen Abonnenten und langjährigen Gästen und bei der ganzen Bevölkerung ein: Warme Celloklänge empfangen sie schon an der Rampe vom Bahnhof Hardbrücke herab zu den Bars und Clubs, Läden und Kulturtreffpunken. Nur ein paar Schritte entfernt gesellt sich jetzt das Tonhalle-Orchester Zürich (TOZ) hinzu, um für drei Jahre hier zu musizieren, bis die Renovationsarbeiten im Stammhaus am See dann abgeschlossen sein werden.

Heute lehrt das Publikum ein Klischee lügen strafen: Nicht nur ältere Menschen vom Zürichberg hat die Neugier in den Kreis fünf hinunter verschlagen. Am Bratwurststand steht eine Gruppe knapp Volljähriger, die sich über die Wahl des Nachfolgers vom jungen Chefdirigenten Lionel Bringuier unterhält und übers Violakonzert des Australiers Brett Dean, der dieses Jahr im TOZ den Creative Chair besetzt.

In den Konzerten sitzen junge Paare mit Babies im Arm. Dass das TOZ zwanzig Prozent seiner Abonnements einbüssen muss, wie vielerorts geschrieben wurde, hält Präsident der Tonhalle-Gesellschaft, der Trägerverein des TOZ und ehemaliger Stadtrat Martin Vollenwyder für «Fake News», zumal der Verkauf nicht abgeschlossen sei. Schon jetzt sei man nur noch bei 17 Prozent. «Ich rechne mit rund 95 Prozent der bisherigen Abos», sagt er. Die Abos seien zudem auch am Stammort an der Klaridenstrasse zurückgegangen, das Publikum entscheide eben heute lieber spontan, besonders das jüngere. Das TOZ bemüht sich seit langem um sein jüngeres Publikum. Zum Beispiel mit der Party-Reihe Tonhalle Late oder mit dem TOZzukunft, dem Club für junge Menschen, die sich für klassische Musik interessieren. Er ist mit einer Fotokabine, einem Klavier, das von Passanten bespielt wird und mit Popcorn für jedermann zugegen.

Es ist überhaupt ein sehr demokratisches Fest. Jeder ist heute ein V. I. P., jeder trägt ein Passepartout um den Hals – alles umsonst, alles frei zugänglich: 20 Kammerkonzerte auf höchstem Niveau, etliche Podiumsgespräche, ein liebevolles Kinderprogramm, viele Führungen durch die Räumlichkeiten und durchs Quartier, das eben doch manch einem hier erstmal schmackhaft gemacht werden will.

In Podiumsgesprächen stehen Musiker ihrer Intendantin Ilona Schmiel Red und Antwort und bemühen sich um Publikumsnähe: «In diesem Saal hört man alles. Das ist nicht gerade der Traum der Träume», sagt Thomas Grossenbacher, Solocellist des TOZ zum Thema Akustik und erklärt den Unterschied des neuen Saals zum Stammsaal: «Unser geliebter Saal hat unseren Klang geprägt mit seinem langen Nachhall. Der hier wird uns auch prägen und ideal auf unsere Tourneen vorbereiten.» Neuere Säle nämlich setzten vermehrt auf das analytische Hören, wie der leitende Akustiker Karlheinz Müller sagt, jenes eben, das alles hörbar macht.

Die Tonhalle Maag gleiche so eher einer Elbphilharmonie in Hamburg als dem Stammsaal, für dessen neue Akustik er ebenfalls verantwortlich ist. Insofern kennt das TOZ dann von zu Hause verschiedene Klagräume, wenn es die neue Elbphilharmonie im kommenden April auf seiner Tournee besuchen wird.