Die FDP glaubt an ihre Bedeutung. Für die Schweiz. Für den Kanton Zürich. Sie war nach der Gründung der modernen Schweiz die staatstragende Partei. Blieb später über Jahrzehnte der Hort bürgerlichen Denkens. Und in ihr verschmolzen Politik und Wirtschaft zu einem unwiderstehlichen Erfolgsrezept.

Bis, ja bis sie die Zeichen der Zeit nicht mehr deuten konnte und aus dem Tritt geriet. Zwischen 1983 und 2011 halbierte sich ihre Wählerbasis auf zuletzt 12,9 Prozent. Mit dem Aufstieg der SVP begann der Niedergang der FDP. Sie schielte nach links, sie schielte nach rechts – erfolglos.

Noch am Samstag haftete den Freisinnigen ein Verliererimage an. Und nun dann das: Nur einen Tag später scheint die stolze FDP ihre Ehre zurückerlangt zu haben. Die FDP kann einen berauschenden Sieg feiern und gewinnt die Wahlen 2015.

Gewinner und Verlierer

Der FDP-Sieg ist beeindruckend. Die Freisinnigen verteidigen ihren zweiten Sitz im Regierungsrat; sie gewinnen acht Sitze im 180-köpfigen Kantonsrat hinzu; sie gewinnen erstmals seit 24 Jahren wieder Wähleranteile. Damit setzt sich in Zürich der für die FDP positive Trend aus Baselland und Luzern fort. Die grossen Verlierer sind umgekehrt die Grünen und die Grünliberalen: Die Grünen verlieren nicht nur den Regierungssitz, sondern mit der GLP zusammen 11 Sitze im Kantonsparlament.

Die Entwicklung ist erklärbar: Vor vier Jahren beherrschte der Fukushima-GAU die Agenda im Wahlkampf. Mit einem Atomausstieg haben Grüne, GLP und auch BDP gepunktet. Mittlerweile hat der Wind gedreht, drängen andere Themen in den Vordergrund – wirtschaftliche statt ökologische.

Das kritische Verhältnis zur EU, die unsichere Wirtschaftslage, die Frankenstärke und das Misstrauen bei Sozialen Themen spielten bürgerlichen Lösungen in die Hände. Deshalb verloren GLP und BDP Wähleranteile an die FDP zurück, die wirtschaftliche Stabilität verspricht. Aus dem gleichen Grund verloren die Grünen aber an SP und AL, die soziale Sicherheit anbieten.

Sesselrücken in der Regierung 

Der bürgerliche Schulterschluss von SVP, FDP und CVP bei den Regierungsratswahlen hat funktioniert, alle fünf Kandidierenden haben es geschafft. Das ist nicht selbstverständlich. Die Wählerbasis machte in der Vergangenheit nicht immer mit, was die Parteileitung von SVP und FDP vorschlug. Auch diesmal wurde argwöhnisch verfolgt, wie namhafte FDP-Politiker die politischen Gegner Mario Fehr (SP) und Martin Graf (Grüne) unterstützten. Für Letzteren ist das Denkbare eingetreten.

Der Justizdirektor schaffte die Wiederwahl nicht. Ein verpuffter Fukushima-Effekt und die «Carlos»-Geschichte setzten ihm zu. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen lieferte ihm aber nicht Silvia Steiner (CVP, neu) – deren Wahlkampf-Allianz mit SVP und FDP voll aufging – sondern Carmen Walker Späh (FDP). Gut möglich, dass diese von den SVP-Wählern abgestraft wurde, etwa weil sie eine Frauenquote befürwortet.

Nun hat sie zusammen mit Steiner und Jacqueline Fehr (SP, neu) gar die Frauenquote in der Regierung erhöht. Gleichzeitig hat Steiner vom Minelli-Angriff profitiert, den sie gekonnt abwehrte, und der ihr einen Mobilisierungsvorteil verschaffte. Wie erwartet wurden Thomas Heiniger (FDP), Ernst Stocker (SVP), Markus Kägi (SVP) und Mario Fehr (SP) problemlos wiedergewählt.

Korrektur, nicht Revolution 

Der Kanton Zürich hat gestern einen Rechtsrutsch erfahren. Dieser ist aber keine konservative Revolution, sondern im Wesentlichen eine Korrektur gegenüber 2011. In der Regierung stehen wieder fünf Bürgerliche zwei Linken gegenüber (in der vergangenen Amtsperiode war das Verhältnis 4:3).

Im Kantonsrat haben SVP, FDP und CVP eine absolute Mehrheit zurückerobert. Die grosse Abhängigkeit der Bürgerlichen von kleineren Parteien wie BDP, EDU aber auch GLP ist Geschichte. Ihr Einfluss als Mehrheitsbeschaffer sinkt. Am Ende bietet die Zürcher Politik nun vor allem eines: Berechenbarkeit. Genau das ist in unsicheren Zeiten wie diesen gefragt.

Bedeutung für die nationalen Wahlen Das Zürcher Wahlergebnis ist der Indikator für die nationalen Wahlen im Herbst. Doch gilt das nicht automatisch auch für die linkere Romandie. Dennoch: Bundesbern wird wohl nach rechts rücken und «Ökonomie statt Ökologie» die Tagesordnung bestimmen.