Limmattal
FCZ-Frauen-Präsidentin Haenni: «Früher habe ich einfach weggehört»

Tatjana Haenni geht davon aus, dass sich Frauenfussball-Vereine in Zukunft mit solchen aus der Super League zusammenschliessen müssen. Der Sport werde nämlich immer professioneller, sagt die Präsidentin der FCZ-Frauen.

Chantal Fimian
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Tatjana Haenni (rechts) zieht im Rahmen ihrer Arbeit als Fifa-Wettbewerbsverantwortliche die Paarungen für die U17-Frauen-WM in Costa Rica.

Tatjana Haenni (rechts) zieht im Rahmen ihrer Arbeit als Fifa-Wettbewerbsverantwortliche die Paarungen für die U17-Frauen-WM in Costa Rica.

Keystone

Tatjana Haenni, warum setzen Sie sich so für den Frauenfussball ein?

Tatjana Haenni: Fussball ist seit ich denken und laufen kann meine Leidenschaft. Das ist angeboren. Als langjährige Spielerin der NLA und des Schweizer Frauen-Nationalteams wurde ich immer wieder mit ungenügender Unterstützung, mangelhafter Trainerqualität, mangelnder Nachwuchsförderung oder amateurhaften Strukturen konfrontiert. Ich wollte meinen Beitrag leisten, dass es die Generation nach mir besser hat. Die Strukturen stimmen immer noch nicht. Die wichtigsten Positionen sollen mit Frauen und Männern besetzt sein, die sich im Frauenfussball auskennen und sich dafür einsetzen. Und nicht mit Männern, die entweder keine Chance im Männer-Profifussball haben oder nur darauf warten, dorthin zu wechseln.

Sie weilen im Moment in Kanada. Verfolgen Sie die heimische Frauen-Meisterschaft trotzdem?

Natürlich habe ich regelmässig Kontakt zum FCZ. Dank dem Internet kann ich die Spiele im Liveticker verfolgen und wir haben das Glück, dass unsere Spiele gefilmt werden – so verpasse ich nichts.

Gehen wir eine Liga tiefer, zum FC Schlieren. Wissen Sie, auf welchem Platz die Schlieremerinnen derzeit liegen befindet?

Das ist schwierig zu sagen. Wie viele Mannschaften gibt es in der NLB?

Es sind zehn Mannschaften.

Ich würde sagen, sie sind auf dem 7. Platz.

Nicht schlecht. Das Team steht momentan auf dem 6. Rang (vor dem gestrigen Match, Anm. d. Red.). Welches Verhältnis pflegt der Serienmeister FC Zürich zum FC Schlieren?

Wir haben ein sehr gutes Verhältnis. Es gibt immer wieder Spielerinnen, die von einem Verein zum anderen wechseln. Dieser Umstand ist für die Vereine im Umfeld oft schwierig, da sie immer das Gefühl haben, dass man ihnen Spielerinnen wegnehmen will. Sie reagieren sensibel.

Würden Sie eine enge Partnerschaft mit dem FC Schlieren begrüssen?

Im Frauenfussball ist eine strikte Partnerschaft nicht sinnvoll. Man kann eine Spielerin nicht zwingen, zum FC Zürich zu wechseln, wenn es beispielsweise die Wohnsituation nicht zulässt. Viele möchten auch dorthin wechseln, wo sich gerade die Kolleginnen aufhalten – auch das spielt eine grössere Rolle.

Viele Frauen-Teams aus der NLA haben mit Super-League-Klubs fusioniert und sind damit finanziell breiter abgestützt.

Ja das ist so. Dabei geht es aber nicht nur um die finanzielle Unterstützung. Die ist nicht bei allen Vereinen gleich und nicht immer so hoch, wie vielleicht vermutet wird. Es geht auch um das Know-how, die Erfahrung, die Angleichung der Mädchen an die Spitzenfussball-Strukturen. GC und der FCZ haben andere Möglichkeiten und professionellere Strukturen als Schlieren. Die Frage ist, ob man sich einem Spitzenklub anhängen muss, um erfolgreich zu sein?

Wie lautet Ihre Antwort?

In Deutschland gibt es Beispiele dafür, dass es auch ohne geht. Also kann man nicht sagen, dass sich Schlieren zwingend einen Grossklub suchen sollte.

Werden Sie in ein paar Jahren noch dasselbe sagen?

Ich denke, dass es in zehn Jahren unabdingbar ist, da Spitzenfussball mit komplett eigenen Strukturen nicht möglich ist. Die Frauen-Teams brauchen die Unterstützung grösserer Vereine. Als FC Schlieren würde ich mir andere Ziele setzen – wie zum Beispiel, ein Nachwuchsverein zu werden.

Führt dies zukünftig nicht zu einer Zweiklassenmeisterschaft?

Da gehen wir im Frauenfussball in die gleiche Richtung wie im Männerfussball. Dort würde ein kleinerer, regionaler Verein sich kaum den Aufstieg in die Swiss Football League zum Ziel setzen.

Wieso also wird ein Zusammenschluss nötig sein?

Wir haben alle dasselbe Ziel: Den Frauenfussball in der Schweiz zu fördern. Dafür müssen aber bei den Frauen die gleichen Nachwuchsspitzenstrukturen wie bei den Männern geschaffen werden, das geht nun mal nur bei Super-League-Klubs. Ein Mädchen muss den gleichen Weg wie ein Junge gehen können, im Sinne der Talentförderung. Mit den gleichen Möglichkeiten, Anzahl Trainings, Qualität der Trainings und der Trainer. So gesehen wird es der FC Schlieren schon schwierig haben, in der NLA konkurrenzfähig zu sein.

Stösst ihr Vorhaben, den Frauenfussball zu professionalisieren, auch auf Widerstand?

Nein, momentan ist die Akzeptanz hoch, von fast allen Seiten hört man nur Positives über den Frauenfussball. Früher war das noch anders, aber da habe ich einfach weggehört.

Wollten Sie schon einmal aufgeben?

Nein. Ich bin zwar ab und zu frustriert oder demotiviert. Aber dann gibt es immer wieder Momente, die mich in meiner Arbeit stärken. Zum Beispiel wenn wir bei einem Champions-League-Spiel über 7000 Zuschauerinnen und Zuschauer ins Letzigrundstadion bewegen können. Dann weiss ich, dass wir vieles richtig machen.

Die Medien berichten noch wenig über die vielen Erfolge des FC Zürich. Was muss passieren, damit der Frauenfussball öfters in den Medien vertreten ist?

Der Verein muss schauen, dass er selber mehr macht. In erster Linie soll meiner Meinung nach aber der Schweizerische Fussballverband helfen. Er hat die Beziehungen, Verträge und Möglichkeiten etwas zu ändern. Das heisst, vielleicht mal ein Spiel im Fernsehen übertragen zu lassen. Es kann doch nicht sein, dass wir beim FCZ in einem Champions-League-Spiel mehr Zuschauer haben als die Nationalmannschaft in einem Länderspiel.

Die Nationalmannschaft steht kurz vor ihrem ersten grossen Coup.

Ja, die Schweiz kann sich das erste Mal in der Geschichte des Frauenfussballs für eine Weltmeisterschaft qualifizieren. Diese wäre sicherlich kurzfristig medienwirksam, aber längerfristig müssen wir uns etwas überlegen, damit die Medienberichterstattung besser wird. Im Vergleich zu Deutschland, den USA oder England hinken wir in diesem Bereich noch weit hinterher.

Viele Spielerinnen sind in Deutschland, Frankreich und Schweden engagiert. Ist unsere Liga zu schwach?

In den auswärtigen Ligen ist mehr Geld vorhanden, sodass es dort durchaus möglich ist, Profi zu sein. Aber auch da reicht das Geld meistens gerade zum Leben. Daher finde ich es wichtig, dass eine Spielerin zuerst die Ausbildung beendet, bevor sie den Schritt ins Ausland wagt. Zudem sind die ausländischen Ligen spannender, intensiver und die Konkurrenz ist dort grösser. So können sich die Spielerinnen persönlich weiter entwickeln. Die Nationalliga A ist eine Ausbildungsliga – wie bei den Männern.

Gibt es in der Schweiz Spielerinnen, die als Profis ihren Lebensunterhalt verdienen können?

Nein, gemäss den Statuten geniesst der Frauenfussball in der Schweiz nur Amateur-Status. Von daher darf man den Spielerinnen gar nicht solche Verträge anbieten. Das hat zur Folge, dass wir nicht über Transfergelder verhandeln können. In nächster Zeit soll es in diesem Bereich aber eine Änderung geben, sodass Profi-Verträge möglich werden.

Die Nationalliga A wird vom FC Zürich Frauen fast nach Belieben dominiert. Ist das nicht langweilig ?

Grundsätzlich ist Kriens diese Saison ein guter Gegner und die Liga ist im Moment ausgeglichen, was im letzten Jahr nicht der Fall war. Auf diese Saison hin verliessen uns zehn Leistungsträgerinnen, die nicht so einfach zu ersetzen sind. Wir sind wieder runter gekommen. Unser Trainer Dorjee Tsawa kann die Motivation aber hochhalten – damit halten wir das Niveau.