Universität Zürich
Favoritin für den Lehrstuhl für Komplementärmedizin trotz Kritik berufen

Claudia Witt heisst die neue Inhaberin des Lehrstuhls für Komplementärmedizin. Die 41-jährige Medizinerin Claudia Witt aus Berlin war in Zürich von Anfang an Favoritin für den Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Uni Zürich.

Thomas Schraner
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Trotzdem ist Witts Berufung, die gestern publik wurde, nicht selbstverständlich. Denn sowohl das Verfahren als auch die Kandidatin waren von Anfang an umstritten.

Aus Protest gegen das Verfahren und Witts angeblich homöopathiefreundliche Haltung verliess ein renommierter Forscher die Berufungskommission. In der Folge wurde in Internetforen der Fall heiss diskutiert. Eine Kontroverse um den 1994 geschaffenen Lehrstuhl, der in der Schweiz einzigartig ist, wollte die Uni aber vermeiden. Deshalb kam sie nicht darum herum, nochmals über die Bücher zu gehen und die Kritikpunkte zu prüfen. Das Verfahren hat sich so um ein Jahr verzögert.

Anfang 2014 nimmt Claudia Witt ihre neue Arbeit auf. Die Universitätsleitung gibt sich überzeugt, mit ihr eine «sehr gute Nachfolgerin» für den bisherigen Lehrstuhlinhaber Reinhard Saller gefunden zu haben. Witt habe von den fünf Bewerbungen, die in der engeren Auswahl waren, das «mit Abstand beste» Dossier gehabt, sagt Prorektor Daniel Wyler.

Sie geniesse als Komplementärmedizinerin international einen ausgezeichneten Ruf. Witt ist derzeit stellvertretende Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie an der Charité in Berlin.

Diese zählt zu den grössten Uni-Kliniken Europas. Witt studierte Medizin und bildete sich betriebswirtschaftlich weiter. An Hochschulen unterrichtete sie Sozialmedizin und Epidemiologie.

Es war Edzard Ernst, emeritierter Professor für Alternativmedizin in Exeter (GB), der mit seinem Austritt aus der Berufungskommission 2012 für Wirbel gesorgt hatte. Witt sei voreingenommen für die Homöopathie, sagte er damals. Und er bleibt bei seiner Kritik.

Auf Anfrage sagte er gestern: «Wenn ein Forscher in einem äusserst umstrittenen Bereich wie der Komplementärmedizin in fast allen Publikationen zu positiven Schlussfolgerungen gelangt, dann erfüllt mich das mit Sorge.» Ein Lehrstuhlinhaber müsse vor allem eines können: Kritisch denken. «Bei Frau Witt erkenne ich diese Fähigkeit leider kaum», sagt Ernst. Claudia Witt war für eine Stellungnahme nicht erreichbar. Sie sei im Urlaub, hiess es in Berlin auf Anfrage.

Experten widerlegen Vorwürfe

Wyler widerspricht Ernst. Die Uni habe Experten – alle nicht aus Deutschland – eingeladen, die Vorwürfe zu überprüfen. Diese hätten in Witts Arbeiten keine Bevorzugung der Homöopathie festgestellt. «Frau Witt beurteilt die Homöopathie kritisch und ist in einigen Fällen zum Schluss gekommen, dass diese nicht wirkte», zitiert Wyler die Experten.

Mit der Kritik am Verfahren kann Wyler ebenfalls nichts anfangen. Sie entzündete sich daran, dass Witt in der Strukturkommission gesessen hatte. In jener Kommission also, die das Anforderungsprofil für den Job festlegt. Als spätere Kandidatin habe sie so die Vorgaben zur ihren Gunsten verändern können, warfen Ernst und andere ihr vor.

Wyler sagt, es stimme, dass Witt in der ersten Struktursitzung dabei gewesen sei. Man habe sie als Expertin beigezogen, obwohl sie von Anfang an ein «mögliches Interesse» am Posten signalisiert habe. Nach dem Entschluss zur Kandidatur sei sie aus der Kommission ausgetreten.

Kein Mitarbeiternachzug

Witt wird Professorin und Institutsleiterin. Das Institut heisst neu nicht mehr «Institut für Naturheilkunde», sondern «für Komplementär- und integrative Medizin». Der Begriff sei nicht nur internationaler, sondern signalisiere, dass man das Spektrum öffnen wolle, sagt Wyler.

Saller setzte den Schwerpunkt in der Pflanzenheilkunde. Wo ihn Witt zu setzen gedenkt, weiss Wyler nicht. Sie ist Expertin für die Evaluation verschiedener Disziplinen wie Akupunktur oder Qigong. Klar ist: Witt will keine Mitarbeiter von Berlin nach Zürich mitnehmen, wie es deutsche Professoren gerne tun. Weil diese Befürchtung im Raum stand, habe man sich bei Witt erkundigt und eine klare Antwort erhalten, so Wyler. Eine Beruhigungspille für das zehnköpfige Team am Institut.