Zürich

Fanfaren und Trommelwirbel für das neue Zürcher Tram

Das erste Flexity-Tram ist gestern in Zürich offiziell begrüsst worden. Nun wird es auf Herz und Nieren geprüft.

«Ja, es ist da. Es ist wirklich da.» Mit diesem verbalen Stossseufzer begann Carmen Walker Späh, Präsidentin des Regierungs- und Verkehrsrates, ihre Ansprache. Alle folgenden Redner äusserten ebenfalls Worte der Erleichterung. Der Tramnotstand bei den Verkehrsbetrieben der Stadt Zürich (VBZ) hat sich zuletzt so zugespitzt, dass kürzlich Notmassnahmen kommuniziert werden mussten: Am 25. November wird die Linie 17 bis auf weiteres komplett eingestellt. Mit den Ausbauten der Linien 8 und 2 sowie nach mehreren Unfällen erreichen die VBZ ihr Tram-Soll nicht mehr.

Dabei war alles gut vorbereitet gewesen. Die Ausschreibung für neue Trams war bereits 2011 erfolgt. Anders als bei den neuen SBB-Doppelstöckern liegt die Verzögerung hier aber nicht an der Firma Bombardier, die in beiden Fällen die Herstellerin ist. Von fast einer Punktlandung sprach Stéphane Wettstein, Geschäftsführer von Bombardier Schweiz. VBZ-Direktor Guido Schoch sagte, dass seit der Vertragsunterzeichnung im März 2017 alles plangemäss laufe. Für Sand im Getriebe hatte eine Verweigerung der Kostengutsprache durch den Verkehrsrat und dann ein Rekurs gegen die Auftragsvergabe gesorgt.

Zuverlässigkeit auf Zürcher Bergstrecken

Als nächstes wird das Flexity nun auf Herz und Nieren geprüft, wie Schoch weiter ausführte. Es muss auch auf den Stadtzürcher Bergstrecken zuverlässig fahren. Die Tests erfolgen mit dem leeren Fahrzeug und mit simulierter Vollbeladung. Über die Zulassung entscheidet das Bundesamt für Verkehr. Schoch geht davon aus, dass das Fahrzeug ab Frühsommer 2020 im regulären Betrieb eingesetzt werden kann. Auf welcher Linie es fahren wird, stehe noch nicht fest, aber es werde sicher eine mit erhöhtem Fahrgastaufkommen sein.

Im Februar 2020 soll das zweite Flexity-Tram angeliefert werden, ab Mai soll monatlich ein weiteres hinzukommen. Für Dezember 2020 wird dann mit einer Normalisierung des Trambestandes gerechnet. Bis 2024 sollen alle bestellten 70 Fahrzeuge in Zürich sein. Es besteht eine Option auf 70 weitere. Schoch hatte in einem Interview durchblicken lassen, dass er es gut fände, davon Gebrauch zu machen.

Der Auftakt der Feier mit zahlreichen Vertretern aus Politik, Verwaltung und Wirtschaft fand begleitet von japanischen Trommeln in einer Halle der VBZ-Zentralwerkstätte in Altstetten statt. Dann begab man sich ins Freie und das Zürich-blaue Flexity fuhr vor. Begrüsst wurde es von den Klängen zweier Fanfarenspieler. Sie trugen ebenfalls Blau – allerdings Lenzburger Blau. Sie seien zwei der insgesamt vier Aargauer Turmbläser.

Anders als das Vorgängermodell Cobra, das nur für Zürich hergestellt wurde, ist Flexity bereits in 25 Städte weltweit verkauft worden. Insgesamt wurden bis heute 1600 Stück davon hergestellt, sagte Bombardier-Chef Wettstein. Dank dem Plattformprinzip erhält dennoch jeder Besteller bis zu einem gewissen Grad eine Spezialanfertigung. Die für alle Fahrzeuge gleiche technische Grundausstattung erlaubt grössere Anpassungen. Flexity ist denn auch ein Kunstwort, das sich aus Flexibility und City herleitet.

So ist das Zürcher Flexity nun genau gleich breit und hoch wie die Cobra, dessen kleine Räder sich jeweils schnell abnützen. Zunehmendes Rumpeln zeigt jeweils an, dass sie bald wieder geschliffen werden müssen. Das Flexity scheint robuster gebaut. Mit 54 Tonnen ist es auch deutlich schwerer als die Cobra mit 39 Tonnen.

Was wichtig ist angesichts steigender Passagierzahlen: Das neue Tram kann mehr Fahrgäste befördern als das Vorgängermodell. Es ist sieben Meter länger und bietet 188 Stehplätze, 58 mehr als die Cobra. Hinzu kommen 91 Sitzplätze; die Cobra verfügt über 90.
Die Sitze sind aus Holz, wie sie es zuletzt im Modell Mirage waren. Eine Kundenumfrage habe eine klare Mehrheit für Holz ergeben, sagte Schoch. Als Hauptgrund sei die Hygiene angegeben worden. Eine Zürcher Spezialität sind Lichtleisten an den Türen und vorne am Bug. Leuchten sie rot, ist das Tram abfahrbereit und man weiss, dass man nicht mehr losrennen muss.

Auf die Mirage folgte das Tram 2000, welches durch das Flexity ersetzt werden soll. Dann wäre das Ziel erreicht, dass mit Cobra und Flexity noch zwei Modelltypen im Einsatz stehen, was einen effizienten Unterhalt erlaubt.

Die Komponenten für das Flexity kommen aus den Bombardier-Werken Siegen, Bautzen und Wien, wo auch die Endmontage erfolgt. Das erste Flexity wurde am Mittwoch per LKW aus Bautzen angeliefert, wo die Firma ihre Testanlage für Trams betreibt.

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