Entgleisung in Winterthur

Falsch gestellter Hebel am Güterzug führte zum SBB-Blackout

Laut einem Bericht hat eine falsche Hebelposition die folgenschwere Entgleisung in Winterthur vom Juni verursacht.

Die betroffenen Zugpassagiere werden sich noch gut an jenen Freitagabend im Juni erinnern, an dem sie mit vielen Stunden Verspätung nach Hause kamen. Ein im Bahnhof Winterthur entgleister Güterzug hatte eine Fahrleitung heruntergerissen und den Bahnverkehr in östlicher Richtung unterbrochen; Tausende Pendler strandeten in Winterthur und an umliegenden Bahnhöfen.

Gestern hat die mit der Untersuchung des Unfalls beauftragte Bundesstelle im Internet ihren Bericht zum Vorfall aufgeschaltet. Das siebenseitige Dokument der Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) legt dar, wie genau es zur Entgleisung kam. Entscheidend war demzufolge eine falsche Hebelstellung an einem der Wagen des Güterzugs. Der mit Schotter beladene Zug war von Zweidlen nach Romanshorn unterwegs, wo die SBB Gleisbauarbeiten durchführten. Als der Lokomotivführer bei der Ausfahrt aus Winterthur ordnungsgemäss auf 40 Stundenkilometer beschleunigte, entgleisten an einer Weiche ein zweiachsiger Schotterwagen sowie einzelne Drehgestelle des nachfolgenden Wagens, weil ein falsch gestellter Hebel das Ausschwenken eines Wagenteils in Kurven zu stark einschränkte.

Vom Gleis gehoben

Falsch eingestellt war eine sogenannte Übergabebandverriegelung. Die Unfallwagen verfügten über schwenkbare Förderbänder (Übergabebänder), die am unteren Ende verriegelt waren; eine dieser Verriegelungen befand sich fälschlicherweise in der Stellung zur seitlichen Fixierung des Bandes anstatt in der Fahrposition. «Durch die ganz in der obersten Stellung stehende Übergabebandverriegelung», so steht im Bericht, «war ein seitliches Auslenken des Übergabebandes bei einer Kurvenfahrt stark eingeschränkt. In der Folge entstand eine Krafteinwirkung, die genügte, den leichten Schotterwagen vom Gleis zu hebeln.»

Als der Lokomotivführer im Rückspiegel die durch die Entgleisung ausgelöste Staubwolke sah, leitete er eine Notbremsung ein; die Fahrgeschwindigkeit zum Unfallzeitpunkt betrug 39 Kilometer pro Stunde. Zum Streckenunterbruch mit den grossen Auswirkungen auf den Pendlerverkehr kam es in der Folge, weil der entgleiste Wagen gegen mehrere Masten der Fahrleitung schlug und diese so herunterriss; auch wurde das Gleis beschädigt.

Kaum Erstattungen

Zur Verantwortlichkeit macht der Bericht keine präzisen Angaben; die Klärung der Schuld- und Haftungsfrage ist gemäss Mitteilung der Sust nicht Gegenstand bundesbehördlicher Untersuchungen, sondern dürfte den Versicherungen der Betriebe obliegen. Es geht um viel Geld: Laut den SBB übersteigt der Schaden die Millionengrenze. Teuer dürfte nebst den Reparaturen insbesondere der Bahnersatzbetrieb mit Bussen am Wochenende gewesen sein. Offenbar gering waren dagegen die Beträge, die die SBB den Kunden erstatteten: Hotel- und Taxikosten übernimmt man nur, wenn an einem Tag gar keine Heimreise mehr möglich ist. Wie ein SBB-Sprecher sagt, gab es für die allermeisten Betroffenen «alternative Reisemöglichkeiten».

Im Bericht heisst es zur Verantwortlichkeit lapidar: «Die ungeeignete Stellung einer der Übergabebandverriegelungen ist den beteiligten Personen entgangen.» Involviert waren neben dem Lokomotivführer vier Männer, zwei Wagenbediener der Gleisbaufirma Carlo Vanoli sowie zwei technische Kontrolleure von SBB Cargo. Den Wagenbedienern sei die Funktion der Verriegelungen bekannt gewesen, heisst es, jedoch wüssten nicht alle Kontrolleure, «dass es in der oberen Position zwei Stellungen gibt, wovon nur eine für Überführungsfahrten geeignet ist».

Keine Kündigungen

Offenbar ist von den beteiligten Männern keiner entlassen worden. Man habe das Ereignis mit den Angestellten besprochen, heisst es bei den SBB, jedoch habe der Vorfall keine personalrechtlichen Konsequenzen. Auch Marco Vanoli von der Carlo Vanoli AG sagt auf Anfrage, die Mitarbeiter stünden nach wie vor in ungekündigtem Arbeitsverhältnis.

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