Lebensbeichte
Fall Flaach: Aufzeichnungen der Kindsmörderin erklären das Unfassbare

Natalie K. hat am Neujahrstag 2015 in Flaach ihre beiden Kinder getötet. Im Gefängnis schrieb sie ihr Leben auf, bevor sie es sich nahm. Jetzt erscheinen ihre Aufzeichnungen als Buch. Eine erschütternde Lektüre.

Matthias Scharrer
Merken
Drucken
Teilen
Tatort: In diesem Haus im zürcherischen Flaach tötete Natalie K. ihre beiden Kinder.

Tatort: In diesem Haus im zürcherischen Flaach tötete Natalie K. ihre beiden Kinder.

Walter Bieri/Keystone

Wie kommt eine Mutter dazu, ihre Kinder zu töten? Was brachte Natalie K. (27) so weit, am Ende des Neujahrstags 2015 ihren fünfjährigen Sohn Nicolas und seine zweijährige Schwester Alessia zu ersticken, während sie schliefen? Obwohl viel darüber geschrieben und diskutiert wurde: Der Fall Flaach blieb unfassbar. Nun erscheint ein Buch, das ihn ein Stück weit erklärbarer macht, auch wenn die Tat durch nichts zu rechtfertigen ist. Es ist die Lebensbeichte, die Natalie K. im Gefängnis zu Papier brachte, nachdem sie ihre Kinder getötet hatte – und bevor sie sich beim dritten Selbstmordversuch das Leben nahm.

Zoë Jenny, Schriftstellerin und Herausgeberin der Aufzeichnungen von Natalie K. «Es ist der Bericht einer Frau, die in fataler Verzweiflung war.»

Zoë Jenny, Schriftstellerin und Herausgeberin der Aufzeichnungen von Natalie K. «Es ist der Bericht einer Frau, die in fataler Verzweiflung war.»

zvg

Brieflich bat sie die Schriftstellerin Zoë Jenny, das Buch zu veröffentlichen. Jenny hatte sich schon im Vorfeld des Falls Flaach als Kritikerin der damals relativ neu eingeführten Kindes- und Erwachsenenschutzbehörden (Kesb) hervorgetan. Natalie K. sah sich als Opfer der Kesb. Jenny schreibt nun im Vorwort zu Natalie K.s Biografie: «Es ist der Bericht einer Frau, die in fataler Verzweiflung war.»

Schon als Kind eine Aussenseiterin

Wer war diese Natalie K.? Schon in der Kindheit sah sie sich als Aussenseiterin: erst weil sie einer Familie entstammte, die den Zeugen Jehovas angehörte; dann auch infolge des Wegzugs vom Heimatdorf Rüdlingen nach Wallisellen. «Meine Reaktion war wie immer: so schnell wie möglich wegrennen», schildert sie eine Szene, in der sie als «Landei» gehänselt wurde. Und während andere Kinder Popstars und Sportler nannten, als es in der Schule ums Thema «Mein Vorbild» ging, schrieb Natalie K. in Grossbuchstaben mit rotem Stift: «MEINE MUTTER».

Natalie K.s Begründung für diese Wahl ist aufschlussreich: «Trotz ihrer schwierigen Kindheit mit viel Leid hat sie es geschafft, eine glückliche Familie zu haben. Sie musste viel erleben, in Heimen und in Pflegefamilien aufwachsen und immer auf ihren Bruder achten. Aber trotzdem liebte sie ihre Eltern, meine Grosseltern, und versucht nicht mehr, an die Kindheit zu denken.» Und weiter: «Seit meiner Geburt ist sie Hausfrau und Mutter mit vollem Herzen. Genau das wünsche ich mir auch: jung zu heiraten, zwei Kinder zu haben und für sie da zu sein.»

Der oft als feindselig erlebten Umwelt stellte Natalie K. demnach schon als Schulkind das Ideal einer Mutter gegenüber, die alles für ihre Kinder tut. An diesem Selbstbild hielt sie auch dann noch fest, als sie ihre Kinder getötet hatte und im Gefängnis sass: «Jetzt weiss ich, dass ich mein Ziel erreicht habe. Ich durfte jung heiraten, zwei tolle und liebe Kinder haben, für die ich die ganzen sechs Jahre da war. Es war meine Lebensaufgabe, alles für meine Kinder zu tun, damit sie glücklich sind.» Dem Leser mögen sich die Nackenhaare sträuben beim Lesen dieser Zeilen, wissend, was deren Verfasserin getan hat. Doch es ist dieses Selbstverständnis einer Mutter, die ihre Kinder um alles in der Welt bei sich haben und vor anderen beschützen will, das einen Schlüssel zum Fall Flaach darstellt. Zum einen.

Das Haus in Flaach, in dem die beiden Kinder getötet wurden
11 Bilder
Zwei Kinder getötet – flüchtige Mutter verhaftet
Die Mutter der Kinder wurde unter dringendem Tatverdacht festgenommen.
Sie hatte sich selbst verletzt und konnte vorderhand nicht befragt werden.
Der Vater sitzt im Gefängnis.
Beide Eltern waren Anfang November verhaftet worden.
Die Kinder wurden daraufhin in einem Heim platziert.
Polizei vor Ort.
Familiandrama in Flaach
Familiandrama in Flaach
Familiandrama in Flaach

Das Haus in Flaach, in dem die beiden Kinder getötet wurden

Keystone

Die Sache mit der Kesb

Zum anderen war da die Sache mit der Kesb. Natalie K. sah sich der Behörde, die ihre Kinder ins Heim brachte, hilflos ausgeliefert. Sie schildert die Umstände, die dazu führten: Ihr Mann Mike K. habe ihr immer wieder versprochen, den Traum vom eigenen Haus zu erfüllen. Doch das Geld dazu fehlte, nachdem er seinen Job verloren und sie ihren wegen der Kinder aufgegeben hatte. So blieb die Miete für die jeweilige Wohnung oft unbezahlt – und es kam zu acht Umzügen innert sieben Jahren. Als sie misstrauisch wurde, habe er gefälschte Dokumente über seine finanzielle Situation vorgelegt. Gleichzeitig machte er im Internet betrügerische Geschäfte, um zu Geld zu kommen.

Er habe ihr vorgegaukelt, von seinem Chef drei Millionen Franken erhalten zu haben, um Natalie K.’s Traumhaus in Rüdlingen zu kaufen. Doch der vermeintlich kurz bevorstehende Umzug verzögerte sich, sodass die Familie auf die Schnelle ins Nachbardorf Flaach zog. Sohn Nicolas, den die Mutter schon im Kindergarten Rüdlingen angemeldet hatte, kam nach den Sommerferien 2014 dort in den Kindergarten, obwohl er aus Sicht der Schulbehörden nach Flaach gehörte. Eine Vertreterin der Rüdlinger Schulbehörde machte eine Gefährdungsmeldung bei der Kesb, schreibt Natalie K – angeblich, weil Nicolas nicht normal entwickelt sei.

Die Situation spitzt sich am 4. November 2014 zu: Natalie K. und ihr Mann werden verhaftet, die Kinder müssen ins Heim. Das Lügengebäude bricht zusammen. Die Kinder müssen auch im Heim bleiben, als Natalie K. wieder auf freiem Fuss ist. Die Kesb geht auf den Vorschlag ihres Vaters, dass Nicolas und Alessia bei den Grosseltern wohnen könnten, nicht ein. Bei Besuchen erlebt Natalie K. ihre Kinder verändert: «Nicolas ist ruhiger geworden und zieht sich oft zurück. Wenn ich ihn in den Arm nehme, weint er leise. Meine kleine Alessia hat immer wieder Phasen, in denen sie weinend und schreiend in einer Ecke sitzt und in ihren Augen Panik ist», schreibt die Mutter. Und: «Ich mache mir jetzt schon grosse Sorgen, wie sich das Heim auf die Kinder auswirkt.»

Der Neujahrstag

Aus den Sorgen wird Verzweiflung, als Natalie K. erfährt, dass die Kinder auch nach den Weihnachtsferien, die sie bei ihr verbringen dürfen, wieder ins Heim müssen. Ihre Anwältin reicht Beschwerde ein. Diese wird abgelehnt. Die Anwältin teilt ihr dies am Neujahrstag per E-Mail mit. Natalie K. schildert ihre Gefühlslage an jenem Tag: «Ich habe keine Chance und auch keine Hoffnung mehr. Alles, wofür ich gelebt habe, waren meine Kinder. (...) Und nun soll ich zusehen, wie sie psychisch kaputtgehen und in einem Heim aufwachsen sollen? Das kann ich ihnen nicht antun, das haben sie nicht verdient!»

Tagsüber sind noch die Grosseltern mit in der Wohnung in Flaach. Dann kommt der Abend: «Nach dem Essen bringe ich Nicolas in sein Bett und gebe ihm einen Kuss und gehe mit Alessia in mein Bett. Sie schläft schnell in meinen Armen ein und ich nicke auch ein.

Richtig aufgewacht bin ich erst wieder im Spital. Vom Rest des Abends habe ich nur zwei schreckliche Szenen im Kopf: Ich stehe neben meinem Bett und sehe beide Kinder in meinem Bett liegen. Sie sind zugedeckt und halten ihre Lieblingsstofftiere in den Armen, aber sie schlafen nicht, sie sind tot. (...) Ich muss sie erstickt haben, weil sie blaue Lippen haben.» Natalie K.’s nächste Erinnerung ist ihr Suizidversuch mit einem Messer in einem nahe gelegenen Wald. Sie habe «aus reiner und verzweifelter Mutterliebe» gehandelt, schreibt Natalie K. später. Und: «Die einzige Lösung, meine Kinder zu schützen, war der Tod.»

Sie hoffte, im Himmel wieder mit ihnen zusammen zu sein.

Mario Gmür, Psychiater «Und als die definitive behördliche Verordnung eintraf, verfiel sie in eine wahnhaft gefärbte Resignation, die sich bis zum eisernen Entschluss verfestigte, sich der bösen Realität durch die gemeinsame Flucht in das verheissene Idyll im Jenseits zu entziehen.»

Mario Gmür, Psychiater «Und als die definitive behördliche Verordnung eintraf, verfiel sie in eine wahnhaft gefärbte Resignation, die sich bis zum eisernen Entschluss verfestigte, sich der bösen Realität durch die gemeinsame Flucht in das verheissene Idyll im Jenseits zu entziehen.»

zvg

Ihrer Autobiografie angefügt ist ein kluges Nachwort des Zürcher Psychiaters Mario Gmür. «Als Leser erschrickt man ob ihrer Unfähigkeit, Schuldgefühle bezüglich der Kindstötung zu empfinden», so Gmür. «Sie ist ganz beseelt vom Bedürfnis nach Harmonie», analysiert er. «Wo sie auf Widerstände ihrer Umgebung trifft, zieht sie sich zurück.» Sein Fazit: «Und als die definitive behördliche Verordnung eintraf, verfiel sie in eine wahnhaft gefärbte Resignation, die sich bis zum eisernen Entschluss verfestigte, sich der bösen Realität durch die gemeinsame Flucht in das verheissene Idyll im Jenseits zu entziehen.»

Chronologie

- August 2014 Natalie K. zieht mit ihrem Mann Mike und den zwei Kindern Nicolas und Alessia nach Flaach im Zürcher Weinland. Ihren Sohn schicken die Eltern im benachbarten Rüdlingen in den Kindergarten, obwohl die Schulbehörde sie darauf hinweist, er müsse nach Flaach.

- 22. Oktober 2014 Die Schulbehörde von Rüdlingen gibt eine Gefährdungsmeldung bei der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (Kesb) für den fünfjährigen Sohn ab. Die Kesb lanciert ein Kindesschutzverfahren.

- 4. November 2014 Das Ehepaar Natalie und Mike K. wird in seiner Wohnung verhaftet. Gründe sind betrügerische Machenschaften im Internet sowie Mietschulden. Ihre beiden Kinder werden auf Veranlassung der Kesb in ein Heim gebracht.

- 13. November 2014 Natalie K. wird aus der Haft entlassen. Offenbar war sie an den kriminellen Machenschaften unbeteiligt. Die Kinder müssen im Heim bleiben, obwohl die Grosseltern wenige Tage später der Kesb anbieten, Nicolas und Alessia bei sich aufzunehmen.

- 19. Dezember Natalie K. darf gemäss Kesb-Entscheid ihre Kinder bis 4. Januar bei sich haben. Danach müssten sie wieder ins Heim. Das elterliche Besuchsrecht wird eingeschränkt. Die Anwältin von Natalie K. legt Rekurs ein.

- 31. Dezember Der Präsident des Bezirksrats weist die von Natalie K. geforderte Rückplatzierung ihrer Kinder in einem Zwischenentscheid ab.

- 1. Januar 2015 Die Anwältin informiert Natalie K. per E-Mail darüber. Am Abend erstickt die 27-Jährige ihre beiden schlafenden Kinder in ihrer Wohnung, meldet der Polizei den Tod von Nicolas und Alessia und versucht, sich umzubringen. Polizisten finden sie in der Nähe ihres Hauses verletzt auf und verhaften sie.

- 23. Januar 2015 Der Fall hat in der Öffentlichkeit eine heftige Debatte über die Rolle der Kesb ausgelöst. Die Zürcher Justizdirektion erklärt, die Kesb habe «nachvollziehbar und korrekt» gehandelt. Eine Gefährdung der Kinder durch die Mutter sei nicht absehbar gewesen. Ein von der Justizdirektion in Auftrag gegebenes Gutachten bestätigt ein Jahr später diese Einschätzung im Grundsatz, kritisiert aber die Kommunikation der Kesb.

- 7. August 2015 Natalie K. wird tot in ihrer Gefängniszelle aufgefunden. Drei Tage vorher hatte sie in einem Brief an ihre Eltern Suizidabsichten geäussert.

- 13. September 2016 Mike K. wird wegen betrügerischer Machenschaften zu 42 Monaten Gefängnis verurteilt. Er erklärt, schuld am Tod seiner Kinder sei seine Frau, nicht die Kesb. (mts)