Fall «Carlos»
Verteidiger fordern Freispruch für Brian K., Ankläger Verwahrung

Brian K., der unter dem Pseudonym Carlos bekannt wurde, soll durch jahrelange Isolationshaft Folter erlitten haben und traumatisiert worden sein. Und er soll im Gefängnis Pöschwies einen Aufseher brutal geschlagen haben. Freispruch oder Verwahrung? Darum ging es am Mittwoch vor dem Zürcher Obergericht.

Matthias Scharrer
Merken
Drucken
Teilen
Porträtzeichnung des Häftlings Brian (bekannt als Carlos).

Porträtzeichnung des Häftlings Brian (bekannt als Carlos).

Archivbild Keystone

Schon als Zehnjähriger kam Brian K. mit der Justiz in Konflikt, dann erneut als Zwölf- und Fünfzehnjähriger. In den Fokus der Öffentlichkeit geriet er erstmals 2013: Damals berichtete das Schweizer Fernsehen SRF über ein aufwendiges Sondersetting, mit dem ein Zürcher Jugendanwalt den im Film «Carlos» genannten, inzwischen knapp 18-Jährigen resozialisieren wollte. Es folgte eine hitzige Debatte über das Sondersetting, das bald darauf abgebrochen wurde. Und für Brian K. eine jahrelange Odyssee durch Gefängnisse im Kanton Zürich. Dort zeigte er sich weiter gewalttätig, randalierte, sprach Drohungen aus. Ende 2019 verurteilte ihn das Bezirksgericht Dielsdorf zu einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und neun Monaten, aufgeschoben zu Gunsten einer «kleinen Verwahrung». Vor dem Zürcher Obergericht fand am Mittwoch nun die Berufungsverhandlung statt. Brian K. blieb der Verhandlung fern. Er liess sich dispensieren.

Brian K.s Anwälte fordern Freispruch. Die letzten drei Jahre habe der heute 25-Jährige im Gefängnis Pöschwies in Isolationshaft verbracht, 23 Stunden pro Tag in einer zwölf Quadratmeter grossen Arrestzelle. Der einstündige Hofgang werde ihm oft verwehrt oder nur mit Hand- und Fussfesseln gewährt. All dies, nachdem er schon als 12- und 15-Jähriger mehrere Monate Isolationshaft erlebt hatte. Das sei Folter. Und seine Gewaltausbrüche und Drohungen im Gefängnis seien die Reaktion eines Traumatisierten auf diese Folter. Eine rationale Reaktion, nachdem juristische Vorgehensweisen dagegen weitgehend erfolglos blieben. Anwalt Thomas Häusermann sagte:

«Gegen Folter und unmenschliche Behandlung darf man sich wehren.»

Nur schon aufgrund der erlittenen Folter sei Brian K. freizusprechen und sofort aus der Haft zu entlassen, so die Verteidigung.

Das Obergericht lehnt eine sofortige Haftentlassung ab

Das Haftentlassungsgesuch lehnte das Obergericht aber noch vor der Mittagspause ab. Es berief sich auf das Bundesgericht, das Brian K.s Haftbedingungen erst kürzlich noch als menschenwürdig beurteilt hatte. Verteidiger Bernard Rambert reichte das Haftentlassungsgesuch daraufhin am Nachmittag erneut ein. Das Bundesgericht habe sich zu wenig intensiv mit der Vorgeschichte und den Gutachten im Fall Brian K. befasst, erklärte er.

Die Verteidiger wiesen auch die vorinstanzliche Beurteilung einer Attacke Brian K.s auf einen Pöschwies-Gefängnisaufseher zurück: Das Bezirksgericht Dielsdorf habe sich einseitig auf die Aussagen der Gefängnisaufseher gestützt. Brian K. habe es hingegen generell für unglaubwürdig erklärt. Es sei nicht erwiesen, dass der Häftling den Aufseher gezielt gegen den Kopf geschlagen hätte, als ihm 2017 erneut Isolationshaft angekündigt worden sei. Vielmehr sei es zu einer wilden Rangelei gekommen, bei der hinzugeeilte Aufseher Brian K. nach wenigen Sekunden überwältigten, sagte Häusermann.

Staatsanwalt fordert längere Freiheitsstrafe

Staatsanwalt Ulrich Krättli sieht den Fall Brian K. komplett anders. Er forderte vor Obergericht eine Verlängerung der Freiheitsstrafe auf siebeneinhalb Jahre, zudem, wie schon vor dem Bezirksgericht Dielsdorf, eine ordentliche Verwahrung. Er begründete dies mit dem dauerhaft aggressiven, sehr gefährlichen Verhalten des Angeklagten. Krättli sagte:

«Eine ordentliche Verwahrung ist die einzige Möglichkeit, der hohen Gewaltbereitschaft Rechnung zu tragen.»

Es bestehe nicht die leiseste Hoffnung, dass eine Therapie durchführbar sei, denn es fehle am Gewaltverzicht. Solange sich daran nichts ändere, müsse der Angeklagte weggesperrt werden. Das Urteil des Obergerichts steht noch aus.