Hunderttausende Besucher dürften die Schausteller und Marktfahrer an den kommenden drei Tagen wieder anlocken, wenn das Wetter mitspielt. Doch finanziell hat der Traditionsanlass für die Chilbi-Betriebe an Attraktivität verloren: «70 Prozent sind nur noch aus Prestigegründen hier», sagt Peter Howald, Präsident des Schausteller-Verbands Schweiz (SVS) und seit rund 40 Jahren als Schausteller beim Knabenschiessen dabei. «Sie fahren am Montag oder Dienstag mit ein paar Franken in der Tasche wieder ab.»

Das mag erstaunen, wenn man bedenkt, dass die Besuchermassen an den Bahnen pro Fahrt zwischen 2 und 14 Franken liegen lassen. Doch die Konkurrenzsituation hat sich verschärft: Mehr Anbieter teilen sich den Festplatz Albisgüetli. Mehr Besucher kommen deswegen aber nicht. Und mehr Geld geben sie auch nicht aus. «Eigentlich müsste man die Fahrgelder verdoppeln», folgert Howald.

Überangebot an Bahnen

Doch ihm ist klar, dass dies keine Lösung sein kann. Denn das Festbudget der Familien, von dem der Grossanlass zu einem grossen Teil lebt, würde dadurch auch nicht grösser.

Das Hauptproblem ist gemäss Howald denn auch das Überangebot an Bahnen und Marktständen auf dem Albisgüetli. Und davon profitiere die Schützengesellschaft der Stadt Zürich, die die Standplätze vermietet.

Jean-Pierre Hoby kennt das Problem: «Eine Familie gibt beispielsweise am Knabenschiessen 100 Franken aus. Das verteilt sich heute auf mehr und mehr Marktstände und Schaustellerbetriebe. Für den Einzelnen fällt deshalb weniger an», so der Geschäftsführer der Vereinigten Schaustellerverbände der Schweiz und frühere Stadtzürcher Kulturchef. Hinzukomme: «Die Standplätze werden teurer und teurer, nicht nur in Zürich. Langsam wird ein Punkt erreicht, wo sich die Schaustellerei praktisch nicht mehr lohnt.»

Da zum Knabenschiessen aber Chilbiorganisatoren aus dem ganzen Land anreisen würden, hätten die Schausteller immer noch «grösstes Interesse» daran, sich auf dem Albisgüetli zu präsentieren.

Clemens Ruckstuhl, Albisgüetli-Platzmeister der Schützengesellschaft der Stadt Zürich, bezeichnet die Kritik der Schaustellerverbände als haltlos. Die Zahl der Stände und Bahnen sei in den letzten paar Jahren etwa gleich geblieben, sagt der Platzmeister. Dieses Jahr seien 380 Betriebe dabei, darunter etwa 80 Chilbibahnen. Die Standgebühren, die die Betriebe an die Schützengesellschaft zu entrichten haben, reichen laut Ruckstuhl von 860 Franken für kleinere Stände bis 20 000 Franken für die grössten Attraktionen.

Auf Nachfragen räumt Ruckstuhl ein, dass die Zahl der Chilbi-Betriebe beim Knabenschiessen in den letzten zehn Jahren wohl um zehn Prozent gestiegen sei. Er verweist auf eine Analyse, die die Schützengesellschaft letztes Jahr erstellte, um den Klagen der Schausteller mit Fakten zu begegnen. Laut dem Papier stieg die Zahl der Betriebe auf dem Rummelplatz Albisgüetli in den Jahren 2007 bis 2012 um 32 an. Zahlen zu den Gesamteinnahmen der Schützengesellschaft beim Knabenschiessen will Ruckstuhl nicht nennen.

Auch die Stadt Zürich kassiert mit, allerdings in eher bescheidenem Ausmass. Die Hälfte des Festplatzes gehört der Stadt, die andere Hälfte der Schützengesellschaft. Die Abgaben für die Verkaufsstände auf öffentlichem Grund, die die Schützengesellschaft der Stadt bezahlen musste, beliefen sich 2013 auf 9800 Franken, wie beim Polizeidepartement zu erfahren ist. Hinzu kommt die Platzmiete, über deren aktuelle Höhe bei der Stadt keine Auskunft erhältlich war. 2007 betrug sie 5000 Franken.

Ein Stück Volkskultur

Geschäftlich hat SVS-Präsident Peter Howald auf die erschwerte Situation bereits reagiert: Neuerdings hat er einen Sandwichladen und betreibt den Weihnachtsmarkt in Thun. Doch auch vom Bund erhoffen sich die Schausteller Hilfe: Ihre Verbände bemühen sich, für ihre Zugfahrzeuge blaue Nummernschilder zu erhalten, wie sie Fahrzeugen zustehen, die nicht für Sachentransporte, sondern zum Verrichten von Arbeiten gebaut sind. «Dies brächte ihnen eine beträchtliche finanzielle Entlastung», sagt Jean-Pierre Hoby. Zürichs Ex-Kulturchef fügt an: «Schausteller sind ein Teil der Volkskultur. Es wäre schade, wenn es sie nicht mehr gäbe.»