Bezirksgericht Dielsdorf
«Fahrer des Jahres» baut Selbstunfall – wegen seiner Fähigkeiten gibt es keine allzu harte Strafe

Ein 38-jähriger Schweizer hatte die Kontrolle über sein Auto verloren. Dafür hat ihn nun das Bezirksgericht Dielsdorf zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 9 Monaten verurteilt.

Flavio Zwahlen
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Das Siegerauto hat Totalschaden erlitten. Das Bild wurde von der Polizei aus Persönlichkeitsschutzgründen bearbeitet.

Das Siegerauto hat Totalschaden erlitten. Das Bild wurde von der Polizei aus Persönlichkeitsschutzgründen bearbeitet.

Kapo Zürich

Ein Lenker beschleunigt sein Auto auf der Landstrasse zwischen Buchs und Boppelsen auf 118 Kilometer pro Stunde. In einer Linkskurve verliert er die Kontrolle über das Fahrzeug, woraufhin dieses 80 Meter weit über einen Acker schlittert und schliesslich gegen eine Böschung prallt. Beim Aufprall wird ein 40-jähriger Mitfahrer verletzt. Er erleidet Brüche an der Wirbelsäule sowie an den Rippen.

Brisant: Am Steuer des weissen VW Golf GTI sass der «Autofahrer des Jahres 2017». Mehrere Aufkleber am Fahrzeug wiesen darauf hin. Die Auszeichnung wurde dem 38-Jährigen von einem Schweizer Automagazin, dem TCS und Volkswagen verliehen. Insgesamt 400 Konkurrenten hatte er im Auswahlverfahren hinter sich gelassen. Daraufhin sollte er während eines Jahres als offizieller VW-Botschafter für mehr Verkehrssicherheit unterwegs sein. Der VW Golf GTI wurde ihm dafür ausgeliehen.

Staatsanwaltschaft forderte 16-monatige Freiheitsstrafe

Nun – eineinhalb Jahre sind seit dem Unfall vergangen – ist alles anders gekommen. Letzte Woche musste sich der Schweizer vor dem Bezirksgericht Dielsdorf verantworten. Die Staatsanwaltschaft Winterthur/Unterland hat ihn wegen vorsätzlich qualifizierter grober Verletzung der Verkehrsregeln angeklagt und forderte dafür eine bedingte Freiheitsstrafe von 16 Monaten. Die Staatsanwältin begründete: «Der Beschuldigte nahm bewusst in Kauf, dass sich andere Verkehrsteilnehmer sowie
auch seine Mitfahrer schwer verletzen oder sogar sterben könnten.»

Als «Autofahrer des Jahres» wisse er zudem besser über die Gefahren Bescheid als ein durchschnittlicher Autofahrer. «Als ich gesehen habe, wie hoch die geforderte Strafe ist, war ich schockiert», sagte der Beschuldigte. Einige Tage vor dem Unfall absolvierte er noch ein Fahrtraining auf einer Rennstrecke. Wieso er das Auto auf der Strasse zwischen Buchs und Boppelsen derart beschleunigte, kann sich der 38-Jährige nicht erklären. «Ich fahre eigentlich nicht so. Ich habe in den vergangenen 20 Jahren keine Geschwindigkeitsbusse erhalten.»

Trotzdem sieht er ein, falsch gehandelt zu haben. Dass er zu schnell gefahren sei und deshalb die Kontrolle über den Wagen verloren habe, sei demnach unbestritten. «Ich war mir sicher, dass die Kurve auch bei diesem Tempo fahrbar ist.» Dieser Meinung seien auch andere Rennfahrer gewesen, denen er die Passage gezeigt habe. «Der Unfall belastet mich noch immer sehr, und ich entschuldige mich bei allen, die davon betroffen waren.»

Anwalt plädierte auf eine Geldstrafe

Der Verteidiger relativierte in seinem Plädoyer: «Die qualifizierte grobe Verletzung der Verkehrsregeln ist ein Verbrechen. Es kann nicht sein, dass Automobilisten, die aus einer Kurve fliegen, auf die gleiche Stufe gesetzt werden wie Mörder.» Er forderte vom Gericht deshalb, seinen Mandanten wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln – dabei handle es sich um ein Vergehen – zu verurteilen und ihn mit einer bedingten Geldstrafe von maximal 150 Tagessätzen zu bestrafen.

Mildere Strafe wegen fahrerischen Könnens

Das Gericht verurteilte den Beschuldigten letztlich wegen grober Verletzung der Verkehrsregeln zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 9 Monaten. Der Richter sagte bei der Begründung des Urteils: «Für eine qualifizierte grobe Verletzung der Verkehrsregeln braucht es eine krasse Missachtung.» Eine solche liege zum Beispiel vor, wenn ein Autofahrer mit 140 Kilometern pro Stunde durch ein Dorf rasen würde. «Eine solche Person nimmt in Kauf, dass es Tote oder Schwerverletzte gibt.»

Es stellte sich also die Frage, ob das auch im vorliegenden Fall so gewesen ist. Und dabei half dem Beschuldigten sein fahrerisches Können. «Sie sind ein guter Autofahrer und haben auch schon Ihre Grenzen getestet», sagte der Richter zum Beschuldigten, «deshalb glauben wir Ihnen, dass Sie überzeugt davon waren, die Kontrolle des Fahrzeugs in der Kurve nicht zu verlieren.»
Übrigens: Der Titel «Autofahrer des Jahres» wurde seit dem Vorfall nicht mehr vergeben.