Mit dem Aufruf «Rettet Menschen, nicht Banken» hat sich weltweit eine neue Protestbewegung formiert. Die Besetzung des Paradeplatzes am heutigen Vormittag ist eine Demonstration, die weitgehend durch Online-Medien organisiert wird.

Doch wer ist der Absender, fragt sich, wer die Webseite «Occupy Paradeplatz» öffnet. «Es sind Jusos, die die Seite betreuen», sagt deren Präsident David Roth. Aber auch Interessensgruppen, mit denen man nicht in einem Atemzug genannt werden wollte, waren auf den Zug aufgesprungen. Die ganze Debatte, wer die Initianten und wer die Sympathisanten von «Occupy Paradeplatz» seien, hätten sie dadurch zu entschärfen versucht, indem sie die Logos aller Organisationen von der Webseite entfernten, bestätigt Roth.

Demo auf Paradeplatz

Demo am Paradeplatz

«Am Ende war gar nicht mehr zu eruieren, wer jetzt zu den Unterstützern gehört, und ob er auch so abgebildet werden darf.» Vor allem durch die Facebook-Seite «Occupy Paradeplatz» wurden die Demonstranten mobilisiert. Dabei werden die Chancen und die Gefahren des Internets deutlich: Wer zuerst kommt, kann ein Themenfeld einnehmen, und - was einmal im Netz steht, bleibt für immer drin.

Ungeliebte Partner

«We Are Change hat sich profiliert, indem die Gruppe als erste eine Facebook-Seite erstellt hat. Es hätte wenig Sinn ergeben, eine zweite aufzuschalten», resümiert Roth das PR-Desaster der letzten Tage.

«Mit Online-Medien bekommt man auf die Schnelle eine grosse Menge an Leuten zusammen», bestätigt die Professorin für Medienökonomie am Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Uni Zürich, Gabriele Siegert. «Die Aktionen sind kurzfristiger und leichter zu organisieren. Ein Klick auf einen ‹Ich-nehme-teil-Button› ist schnell gemacht.» Angesichts der 1500 virtuellen Zusagen zur Paradeplatzbesetzung könnte man meinen, Online-Medien spielten eine immer grössere Rolle, sagt sie. «Doch die Frage ist: Wie nachhaltig ist ihr Aktivierungspotenzial?».

Der grüne Nationalrat Daniel Vischer sieht durchaus die Möglichkeit, dass «Occupy Paradeplatz» zu einer nachhaltigen Bewegung wird. Dies setze aber voraus, dass sie weiter international getragen werde. «Bisher hatten Protestbewegungen in der Schweiz eine starke lokale Verankerung», erklärt er. So hatte die elfwöchige Besetzung des Geländes des Atomkraftwerks Kaiseraugst 1975 grossen Rückhalt in der Bevölkerung gefunden. 15 000 Personen aus der Umgebung hätten damals teilgenommen. Bei «Occupy Paradeplatz» handele es sich um eine eher städtische Streetfighter-Bewegung.
Online ein gutes Gewissen

«Es ist nicht dasselbe Herzblut dahinter, das es braucht, um eine Idee in Realpolitik umzusetzen», meint auch Siegert. Man könne die virtuelle Zustimmung mit TV-Marktanteilen vergleichen. Wie viel Prozent der tatsächlich fernsehenden Personen, fragt sie, konnte eine Sendung erreichen? Zum Vergleich: Die Facebook-Seite von Apple hat derzeit 1 681 528 «Freunde». Eine Online-Kampagne sei schnell unterstützt, so Siegert, und je nach Zweck könne man sich auch noch gut dabei fühlen. Damit die Bewegung eine breite Basis erreiche, komme es darauf an, dass sie friedlich verläuft, betont Vischer. «Militanz muss sich inhaltlich erweisen, nicht in der Form.» Wohl wissend, dass die Jungen Grünen zu den Initianten der Paradeplatz-Besetzung gehören, empfiehlt er der Occupy-Bewegung auch, sich nicht von den Parteien vereinnahmen zu lassen. Den Online-Medien gegenüber ist er aufgeschlossen, auch wenn er selbst kein Facebook-Konto habe und nicht twittere. Aber eine Protestbewegung könne heute nicht mehr anders funktionieren, räumt er ein.