Zürich

Fabian Molina: Der brave Revoluzzer der Jungsozialisten

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Jungparteien haben wenig Wähler, noch weniger Gewählte und treten kaum in Erscheinung. Eine grosse Ausnahme bilden die Juso.

«Wenn man Fabian Molina so im Café sitzen und an der Tasse nippen sieht, könnte man meinen, der Journalist interviewe dort gerade den Leiter einer Bibelgruppe. Molina, 22-jährig, ist ein sympathischer, gepflegter junger Mann mit besten Umgangsformen. Er sieht aus wie jemand, der schüchtern ist, ist es aber nicht.

Noch bis zum 6. November amtet Molina als Co-Präsident der JungsozialistInnen (Juso) des Kantons Zürich, also jener Partei, über die rechtsbürgerliche Politiker gelegentlich mit hochroten Köpfen Schimpftiraden ablassen. Anlass dazu bietet die Jungpartei der SP immer wieder. Nein, das ist nicht mehr das Grüppchen, in dem einst junge Menschen mit selbst genähten Jutehemden und verfilzten Haaren unter Ausschluss der Öffentlichkeit endlos basisdemokratisch über die Befreiung der Dritten Welt diskutierten.

Smarte junge Männer

Heute prägen andere Gesichter die Juso. Smarte junge Männer wie der Partei-Erneuerer Cédric Wermuth, sein Nachfolger David Roth, der Dübendorfer Gemeinderat Patrick Angele oder eben Molina sind für die SP in etwa das, was für die SVP blonde junge Frauen sind: frische Gesichter für eine nach Mottenkugeln riechende Bewegung. Dabei tut sich die SP nicht immer leicht mit ihrem Jugendverein, der zuweilen keck und fordernd auftritt. Gewerkschaften und NGO hingegen haben in den Juso längst einen Talentpool entdeckt, aus dem sie Mitarbeiter rekrutieren. So arbeitete auch Molina zu 40 Prozent bei der Gewerkschaft Unia, wo er für Kommunikation und Kampagnen zuständig ist.

Dass Molinas Partei, die Juso, so viel Aufmerksamkeit erhält, verdankt sie Verhaltensmustern, die sie von ihrem grössten politischen Gegner, der SVP übernommen hat. Nicht lange diskutieren und abwägen, sondern Position beziehen und subito eine Medienmitteilung verschicken. Wer stattfinden will, muss in die Medien. Schon mehr als einmal entschuldigte sich ein Jungsozialist an irgendeiner Veranstaltung, den Laptop auf den Knien, er müsse noch schnell ein Communiqué verschicken. Die Redaktionen sind in der Regel dankbar. Zwar führt nicht alles, was aus der Juso-Küche kommt, auch zu medialer Resonanz. Doch wie die SVP verschicken auch die Juso lieber mal eine Mitteilung zu viel. Und in noch einem Punkt ähneln sich die beiden politischen Pole: Sie suchen die Auseinandersetzung, nicht die Einigkeit.

Zwar sitzen gleich drei Jusos im Zürcher Kantonsrat – alle drei übrigens Frauen. Doch die erfolgreiche Opposition machen die Juso ausserparlamentarisch. Sie sind eingebunden, lassen sich aber nicht anbinden.

«Konflikt kommt an», sagt Molina lapidar. Und er räumt ein, dass seine Partei sich aus handwerklicher Sicht in einigem der SVP angenähert hat. Mit ihr hat er sich gründlich befasst: «Die SVP hat ab Ende der Achtzigerjahre den Linken alles weggenommen, was sie wegnehmen konnte.» Damit meint er unter anderem die Büezer und ihr Vereinswesen. «Aber auch die Empörung und sogar die Freiheit. Das waren früher klar linke Themen.» Und er fügt an: «Dabei vertreten die allein die Interessen des Kapitals.» Nicht so die Juso. Sie will sich für all jene einsetzen, die es verpasst haben, Millionäre zu sein. Was für die SVP kriminelle Asylbewerber sind, sind für die Juso die Abzocker. Die Rechten schimpfen über Sozialschmarotzer, die linken prangern Bonzen an. Hier Solidarität mit Bauern, dort mit Hooligans. Während die SVP mit Glockengeläut und Trachten durch Berns Gassen zotteln, spielen halbnackte Jusos in Gummibooten vor den Villen am Zürichsee Invasion in der Schweinebucht. Angesichts solcher politischer Feuerwerke sind die Mitteparteien zur Langweile verdammt.

1982 floh Familie Molina in die Schweiz

«Viele von uns stammen aus dem ländlichen linken Mittelstand», sagt Molina, dem linken Kleinbürgertum, quasi. Molinas Vater war Sozialist und Parteigänger Salvador Allendes in Chile. Nach dem Sturz des gewählten Präsidenten blieb der Vater politisch aktiv und lernte in der Folge Gefängnisse von innen kennen. 1982 floh Molina Senior mit der Familie in die Schweiz, wo er sich später scheiden liess und Fabians Mutter, eine Physiotherapeutin, heiratete.

Bei seiner Wahl zum Juso-Präsidenten als 19-Jähriger besuchte Gymnasiast Molina noch die Kantonsschule Büelrain in Winterthur. Doch bald wurde ihm das Schulzimmer zu eng. Die Kluft zwischen der spannenden Politarbeit und dem drögen Unterricht wurde immer unerträglicher. Also tat Molina das, womit Kinder ihren Eltern Herzinfarkte bescheren: Ein Jahr vor der Matura schmiss er die Schule. Fortan widmete er sich der Politik, nebenher arbeitete er.

In der Zeit, die übrig blieb, steckte er seine Nase in die Bücher. Er meldete sich zur zentralschweizerischen Maturprüfung an und war erfolgreich. So hatte er letztlich das Eintrittsticket für die Uni in der Tasche, bevor seine ehemaligen Klassenkameraden überhaupt mit den Prüfungen begonnen hatten. Während er links politisierte, hatte Molina seine Mitschüler rechts überholt.

An der Überwindung des Kapitalismus arbeitet die linke Jugend noch, doch aus der digitalen Revolution ist die Partei längst als Gewinnerin hervorgegangen. Das Tempo, das Handys, E-Mail und Web in den Alltag gebracht hat, hat der Politnachwuchs zu seinem Vorteil genutzt. Während weisshaarige Parlamentarier über «Social Media» rätseln, drücken die Jungparteien auf allen Kanälen die richtigen Knöpfe. Seit Kurzem betreiben die Zürcher Juso ein Webportal für gratis Wohnen. Dort finden potenzielle Hausbesetzer leerstehende Gebäude. Kaum ein Medium, das die Aktion nicht aufgenommen hat. Der Hauseigentümerverband tobte, während sich die Jungsozialisten ins Fäustchen lachten. Angesichts der Zürcher Wohnungsnot war der Erfolg der Aktion programmiert.

Doch die Provokation hat Grenzen, das musste auch Molina erfahren. Als frisch gewählter Gemeinderat im Parlament von Illnau-Effretikon hob er vor zwei Jahren in einer der ersten Debatten zum kapitalismuskritischen Rundumschlag aus. Prompt entzogen ihm seine Kollegen das Wort. «Ich eckte zu Beginn mehrmals an», so Molina. «Parlamente haben viele ungeschriebene Gesetze und Verhaltenskodizes.» Mittlerweile hat sich der Juso dran gewöhnt, dass er mit klugen Deals manchmal mehr erreicht als mit blossem Lärm.

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