St. Gallen
Experte gibt Solarprojekt am Walensee kaum Chancen

Zu hohe Investitionskosten, überflüssig und kaum realisierbar: Für den Journalisten und Energieexperten Hanspeter Guggenbühl ist die geplante Photovoltaikanlage am Walensee so gut wie gestorben.

Daniel Graf
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Kaum realistisch: Energieexperte Hanspeter Guggenbühl glaubt nicht, dass das Solarprojekt am Walensee je realisiert wird.

Kaum realistisch: Energieexperte Hanspeter Guggenbühl glaubt nicht, dass das Solarprojekt am Walensee je realisiert wird.

HO

Im stillgelegten Steinbruch Schnür am Walensee soll in Zukunft Solarstrom produziert werden: Seit Januar 2015 laufen Testmessungen, um zu ermitteln, ob eine Photovoltaikanlage dort wirtschaftlich sinnvoll betrieben werden könnte. Einen ersten Dämpfer musste das Projekt allerdings bereits erfahren: Der erhoffte positive Effekt auf die Energiegewinnung durch die Spiegelung des Sonnenlichts im Walensee blieb aus.

Nun äussert sich auch ein Experte negativ zum geplanten Vorhaben: Hanspeter Guggenbühl, Journalist und Autor eines Buches zur Energiewende schrieb jüngst in der «Südostschweiz», die Betreiber der Testanlagen hätten «das umstrittene Pionierprojekt begraben müssen».

Betreiber sind die St. Gallisch-Appenzellischen Kraftwerke AG (SAK) und die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ). Die Unternehmen reagieren auf Anfrage erstaunt: Von einem Begraben des Projekts könne zurzeit keine Rede sein. «Die Testmessungen laufen, bislang liegen uns keine neuen Erkenntnisse vor», sagt EKZ-Sprecher Noël Graber. Wie kam Guggenbühl also zu seiner Aussage? Er räumt ein: «Da habe ich wohl etwas voreilig geschrieben.» Doch seine Kernaussage bleibe: «Das Solarprojekt am Walensee wird mit grosser Wahrscheinlichkeit nie realisiert.»

Mehrere Kritikpunkte am Projekt

Und dafür nennt er diverse Gründe: «Es ist schwierig, Solarpanels an einer bröckelnden Felswand zu montieren. Um Schäden durch Steinschläge zu vermeiden, braucht es aufwendige Sicherheitsvorkehrungen, was hohe Kosten verursacht.»

Ein Kritikpunkt, welchen EKZ-Sprecher Graber kontert: «Die Panels würden nicht direkt an der Felswand, sondern in einiger Entfernung montiert. Das verhindert Steinschlagschäden und senkt die Baukosten.»

Die Kosten sind ein weiterer Punkt, der Guggenbühl zur Annahme verleitet, dass das Projekt kaum Sinn macht: «In der ursprünglichen Kalkulation rechneten die Betreiber mit Investitionskosten in der Höhe von 30 Millionen Franken und einem Produktionsvolumen von 12 Gigawattstunden.» Aus seiner Sicht ist das viel zu viel.

Er zieht zum Vergleich eine angedachte Photovoltaikanlage an der Muttsee-Staumauer im Glarnerland heran. Der Vorschlag, eine solche zu bauen, kommt vom Branchenverband Swissolar, der damit rechnet, am hochalpinen Standort rund vier Gigawattstunden Strom produzieren zu können. Guggenbühl schätzt die Investitionskosten auf sechs bis acht Millionen Franken. Für ihn liegt auf der Hand: «Der erzeugte Strom an der Staumauer wäre deutlich günstiger als derjenige, den man im Steinbruch am Walensee erzeugen könnte.»

Ausserdem liege das Projekt am Walensee in einem Gebiet, das im Bundesinventar der Landschaften mit nationaler Bedeutung aufgeführt sei. «Es muss damit gerechnet werden, dass Umweltverbände das Projekt durch alle Instanzen bekämpfen werden. Das generiert Verzögerungen und Mehrkosten», glaubt Guggenbühl.

«Projekt wird kaum realisiert»

Als letzten Kritikpunkt nennt er die Tatsache, dass es sich beim angedachten Solarprojekt am Walensee um eine Freiflächenanlage handle: «Zu bevorzugen sind Solaranlagen an bestehenden Bauten, also auf Haus- und Industriedächern oder eben an Staumauern.» Würde man alle geeigneten Flächen an bestehenden Bauten nutzen, liesse sich das vom Bund gesetzte Ziel zur Stromerzeugung mit erneuerbarer Energie ohne Anlagen erreichen, die zusätzliche Fläche beanspruchen.

All diese Hindernisse, Kosten und Schwierigkeiten veranlassen Guggenbühl zu folgender Aussage: «Das Solarprojekt im Steinbruch Schnür am Walensee wird mit einer Wahrscheinlichkeit von hundert zu eins nie realisiert werden.»

Betreiber wollen abwarten

EKZ-Sprecher Graber kommentiert die Kosten wie folgt: «Die erwähnten 30 Millionen Franken wurden in der Projektstudie 2012 ermittelt. Sollte die Voraussetzung für den Bau gegeben sein, müsste die wirtschaftliche Machbarkeit neu berechnet werden.» Einerseits seien die Modulpreise und somit die Investitionskosten seither markant gesunken, andererseits die Ansätze der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) reduziert worden.

Nach wie vor gilt laut Graber: «Beim Projekt Walensee sind für die EKZ zwei Faktoren zentral: Wirtschaftlichkeit und Bewilligungsfähigkeit.» Zur Bewilligungsfähigkeit werde in der laufenden Session ein Parlamentsbeschluss erwartet. «Nach Erlass der Verordnung durch den Bund werden wir die Bewilligungschancen des Projekts besser abschätzen können.» Eine Prognose bezüglich der Realisierbarkeit will die EKZ «angesichts der vielen Unbekannten» nicht abgeben. Zuversicht klingt anders.