Stadtentwicklung

Europaallee in Zürich – eine Stadt verdichtet sich

Gestern wurde die erste Etappe des neuen Stadtteils «Europaallee» eingeweiht. Jahrzehntelang war in Zürich heiss umstritten, was mit diesem Stück geschehen sollte.

Architekt Max Dudler liess den Blick über eine Luftaufnahme seines soeben vollendeten Werks schweifen: Im Hintergrund Zürichs mittelalterlicher Stadtkern zwischen See, Limmat und Schanzengraben; davor die Stadterweiterung, die im 19. Jahrhundert rasch entstanden war; und ganz vorne die wuchtigen Neubauten der Europaallee beim Hauptbahnhof-Gleisfeld, deren Pläne Dudler gezeichnet hatte. Der Architekt schien zufrieden, als er sagte:

«Wir haben die Physiognomie der Stadt mit ihren Gassen, Strassen und Plätzen aufgenommen. Entstanden ist ein Ort, der von Zürich ausgegangen ist und nicht von einer Gegenwelt. Mittelalter, 19. Jahrhundert und Zukunft verbinden sich.»

Gestern wurde die erste Etappe des neuen Stadtteils «Europaallee» im Beisein von Stadtpräsidentin Corine Mauch, Regierungsrat Mario Fehr und SBB-CEO Andreas Meyer eingeweiht. Jahrzehntelang war in Zürich heiss umstritten, was mit diesem Stück geschehen sollte.

Das Unbehagen der Linken

Zur Erinnerung: Das aus den 1980er-Jahren stammende Projekt Eurogate sah eine Gleisüberbauung vor, wurde aber 2001 von der UBS als letzter Investorin fallen gelassen.

Unter dem Titel «Stadtraum HB» erarbeiteten SBB und Stadt Zürich in der Folge den Gestaltungsplan, dessen Umsetzung die Europaallee nun darstellt.

Auch dieser Plan stiess auf heftigen Widerstand: Eurogate-Architekt Ralph Baenziger sah eine «überverdichtete Bürosilo-Landschaft» kommen und warnte zusammen mit AL-Vertretern vor einem «‹Gmoscht› für Spekulanten».

Doch die Stimmberechtigten winkten den Plan 2006 mit Zweidrittelmehrheit durch. Der Versuch der Abstimmungs-Verlierer, das Projekt gerichtlich zu stoppen, scheiterte ebenfalls.

Wohnanteil von 40 Prozent

Auch die SP hatte zunächst Bedenken und setzte für einen Teil des Gebiets einen Wohnanteil von 40 Prozent durch. Gesamthaft wird die Europaallee nun einen Wohnanteil von 20 Prozent haben.

Und heute? Ein wenig schien das Unbehagen der Linken mit dem neuen Stadtteil im Eröffnungs-Grusswort von Stadtpräsidentin Corine Mauch noch anzuklingen:

«Die neue Nachbarschaft bringt mehr und anderes Publikum mit entsprechender Nachfrage ins Gebiet, und dies wird sicher auch von den Grundeigentümern im Umfeld der Europaallee zur Kenntnis genommen und ihre Strategien und Entscheide beeinflussen», so die SP-Politikerin.

«Aber ‹Stadt› heisst immer auch Wandel und damit Erneuerung.» Und überhaupt: «Alle reden von Verdichtung – auf dem ersten Baufeld der Europaallee wird sie gebaut.»

«Massvolle Rentabilität»

Tatsächlich sind die Häuserschluchten der Europaallee mit ihren bis zu 40 Meter hohen Bauten tief. Die Menschen wirken klein darin. Und doch beginnt, Leben einzuziehen:

Hinter den Glasfassaden sind die Pädagogische Hochschule Zürich sowie Büros von Grossbanken untergebracht. Der Campusplatz vor der Hochschule wirkt als Begegnungsort. Unter ihm liegt eine Einkaufspassage mit Sport- und Modegeschäften, Gastrobetrieben und einem Supermarkt.

Und entlang der Lagerstrasse, die den Übergang zum «alten» Stadtkreis 4 bildet, vermieten die SBB kleine Ladenlokale an spezielle Anbieter zu ermässigten Mieten.

300 Millionen Franken investierten die SBB in die erste Etappe der Europaallee. Gefragt, welche Rendite sie nun anpeilen, sagte SBB-Immobilienchef Jürg Stöckli gestern nur: «Wir streben eine massvolle Rentabilität an.»

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